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! Vergeblich für meinen Endzweck; ich mochte mich betrachten von welcher Seite ich wollte, alles führte mich zu dem Resultat, dass ich gut und edel sei; und in dieser Überzeugung wurde ich nicht wenig bestärkt, als Adelaide, der mein innerer Zustand nicht entgangen war, mir gelegentlich sagte, dass ihr Bruder nicht ohne Wärme und Entusiasmus von mir spreche. War aber jene unbekannte Gewalt ausser mirworin bestand sie? Ich schloss auf eine frühere Verbindung, auf ein gegebenes Wort und dergleichen zurück.

Um hierüber ins Reine zu kommen, erkundigte ich mich bei Adelaiden mit aller nur möglichen Schonung nach den Verhältnissen, worin ihr Bruder stehe; aber ihre Antwort war so beschaffen, dass mein Zustand dadurch nur verschlimmert wurde. "Glaube mir," sagte sie, "über diesen sonderbaren Menschen kommen wir nur dadurch ins Reine, dass wir annehmen, er sei mit allen seinen herrlichen Eigenschaften doch nur ein kalter Egoist, den nichts berührt, was nicht ganz unmittelbar in seine Ideen und Entwürfe eingreift. Ich wenigstens werde sonst nicht klug aus ihm. dafür kann ich dir einstehen, dass er in keinen Verbindungen lebt, welche der Freiheit Abbruch tun. Sollte man nicht glauben, er habe die eine oder die andere Bekanntschaft auf seinen Reisen gemacht, welche einer tätigen Zurückerinnerung wert wäre? Allein, wie erwiesen es auch ist, dass er mit den allerinteressantesten Personen gelebt hat, so hat er doch seit seiner Zurückkunft, d.h. seit mehr als vier Monaten, bis jetzt an keine lebendige Seele geschrieben. Was in ihm vorgeht, mag Gott wissen. Jeder Augenblick, den er dem Umgange entziehen kann, ist noch immer dem Studium der militairischen Wissenschaften gewidmet. Die sonderbarste Liebhaberei von der Welt, wofern er nicht damit umgeht, sich auf seinen Gütern zu verschanzen! Ich möchte nur wissen, wie alle diese Zahlen und Liniendenn mit etwas anderem beschäftigt er sich gar nichtihn wach erhalten können. So etwas muss ja den Geist abstumpfen und tödten; aber weit gefehlt, dass er dies zugeben sollte, besteht er, so oft ich hierüber mit ihm anbinde, darauf, dass dies nur eine andere Art der Poesie sei, die ihre Grundlage in der Wirklichkeit habe, und den Vorzug besitze, für das gesellschaftliche Leben, das durch meine Poesie zu grund gerichtet werde, neues Interesse einzuflössen. Mehr bring' ich nicht aus ihm heraus; und wenn seine Behauptungen nicht Unsinn sein sollen, so muss er sie vor denjenigen verteidigen, die etwas mehr davon verstehen, als ich."

Nach diesen Aufschlüssen musste ich annehmen, dass die Matematik meine Nebenbuhlerin sei; allein wie hätte ich dazu kommen sollen, dieser Voraussetzung Wahrheit zuzuschreiben, da Moritz höchstens 25 Jahre zählte? Der Reiz der Wissenschaft sei noch so gross, so ist er doch nicht früher vorhanden, als der Besitz. Was uns aber zur Erwerbung treibt, ist nie die Wissenschaft, sondern irgend etwas Menschliches, dem sie als Mittel dienen soll. Was trieb nun meinen Moritz?

Ich war der Katastrophe, welche das Geschick meines Lebens entscheiden sollte, bei weitem näher, als ich glaubte; ehe ich aber der Aufschlüsse erwähne, welche mir Moritz über sein Inneres gab, muss ich von den zeiten reden, in welchen dies vorfiel.

Der siebenjährige Krieg war seit andertalb Jahren begonnen, und nicht bloss Deutschlands, sondern auch des ganzen Europa Augen waren auf den verwegenen Friedrich gerichtet, der lieber einen Kampf mit den grössten Mächten des festen Landes eingehen, als nur einen Fingerbreit von dem einmal Erworbenen zurückgeben wollte. Die Urteile über seinen Charakter waren verschieden, je nachdem sie von der Schwäche oder der Stärke ausgesprochen wurden. Die grosse Mehrheit, welcher innere Grösse ein unauflösliches Rätsel ist, verdammte ihn bis in den tiefsten Abgrund, als einen Räuber und als einen Tyrannen seiner eigenen Völker; indessen fehlte es nicht an Einzelnen, welche auf die notwendigkeit eingingen, worin sich der Monarch befand, und, seinen Mut bewundernd, zugleich seine Einsicht priesen. Wenn jene ihn nicht schnell genug zerschmettert sehen konnte, weil er sich gleich bei Eröffnung des Feldzuges Sachsens bemächtigt hatte; so wünschten diese seinen Unternehmungen jeden glücklichen Erfolg, überzeugt, dass das Genie nur dann zerstört, wenn es aufbauen will, und fest versichert, es werde doch noch einmal eine schöne Welt durch ihn ins Dasein gerufen werden. Der Ausgang des wunderbaren Kampfes, in welchem der Verstand gegen die Masse zu feld zog, beschäftigte alle Köpfe; und nicht selten geschah es, dass man sich in einer und derselben Familie über eine von Friedrich gewonnene oder verlorne Schlacht freute und härmte, je nachdem die Mitglieder derselben ihm wohl oder übel wollten. So sehr war seine Angelegenheit die des ganzen Deutschlands, dass seine Taten selbst in die entferntesten Kreise drangen, und wenigstens die muntere Jugend für den Helden ihrer Zeit begeisterten.

Der Hof, in dessen Nähe ich lebte, war nicht bloss durch die Bande der Verwandtschaft an das preussische Haus gefesselt, sondern auch durch Charakterschwung und Genie dem grossen Friedrich besonders zugetan. In unserer Hauptstadt galt also nur das preussische Interesse. Wer sich von demselben losgesagt hätte, würde nicht sowohl für einen schlechten Bürger, als vielmehr für einen Einfältigen gegolten haben, der das Edlere und Bessere nicht zu fassen vermögte. So lebendig war die Teilnahme an Friedrichs Siegen, dass sie von Privatpersonen in Familien-Zirkeln gefeiert wurden. Die Neugierde war unersättlich, wenn einmal von dem preussischen König die Rede war