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. "Ich kenne ihn gar nicht wieder," sagte sie. "Ehemals lauter Feuer, ist er jetzt lauter Eis. Wer sollte glauben, dass man sich auf einer Reise durch Italien in die Matematik verlieben könnte! Und doch ist dies sein Fall. Tag und Nacht brütet er über seinen Folard, und alle Exaltationen, deren er noch fähig ist, beziehen sich auf das verwünschte Kriegeshandwerk. Ich würde ihn hassen müssen, wenn er nicht mein Bruder wäre. Dir, liebe Freundin, aber kann ich mit vollkommner Wahrheit sagen, dass weder deine Jugend noch dein guter Name die mindeste Gefahr läuft, wenn du zu uns zurückkehrst; alle Leute kennen ihn nach gerade als einen harmlosen Sonderling, der Keinem etwas zu Liebe noch zu Leide tut; ausserdem ist die Frage: Wie lange er noch bei uns verweilen wird. Denn es ist ihm hier viel zu enge, und ich stehe gar nicht dafür, dass er nicht über kurz oder lang Soldat wird."

Adelaiden so reden zu hören, kam mir freilich unerwartet; allein da ich mich auf die Wahrheit ihrer Aussage verlassen konnte, so trug ich auch nicht weiter Bedenken, mich in ein Haus zurück zu wagen, das von einem so harmlosen jungen mann bewohnt wurde. Die erstenmale war ich mit Adelaiden allein, und ich gestehe, dass mich dies ein wenig beleidigte. Das drittemal fand sich indessen der junge Herr von Z... bei uns ein; und da wir gerade von Racine's Phädra sprachen, so nahm er gelegenheit, uns über das Eigentümliche der französischen Poesie zu belehren. Er gab zu, dass dies eines der interessantesten Stücke wäre, die jemals aus der Feder eines korrekten Dichters geflossen; "allein," fuhr er fort, "was ist Korrekteit gegen das Wesen der Poesie gehalten! Wie stolz auch die Franzosen auf ihre Dichter sein mögen, und wie selbstgenügsam auch einer ihrer Didaktiker die italiänische Poesie Schellengeklingel nennen mag, dennoch bin ich sehr geneigt, die wahre Poesie nur bei den Italiänern zu suchen. Ich will, wenn die Wirklichkeit mir nicht länger behagt, eine von ihr durchaus verschiedene Welt, und diese finde ich durchaus nicht in den Werken französischer Dichter, wohl aber in denen der italiänischen. Welche Schöpfung ist in dem befreieten Jerusalem entalten; und wo ist der Franzose, welcher behaupten dürfte, eine ähnliche sei von ihm ausgegangen? Der rasende Rolandwelches Meisterstück für denjenigen, dessen Geist nicht in den Convenienzen des Lebens untergegangen ist! So hundert andere Dichterwerke der Italiäner, welche hier aufzuzählen am unrechten Orte sein würde. Was will ich denn, wenn ich einen Dichter in die Hand nehme? Nicht Wahrheit will ich, sondern Schönheit, Übereinstimmung mit sich selbst, Harmonie in der höchsten Bedeutung des Worts. Wahrheit ist die Sache des Verstandes, und kann gelernt werden; Schönheit hingegen ist Sache des Gefühls und der Anschauung, und eben deshalb über das Lernen hinaus. Ich gebe zu, dass Wahrheit zuletzt auch schön ist; aber deswegen ist Schönheit nicht wahr, und so lange es noch einen Dichter auf der Welt gibt, d.h. so lange der letzte Funke der Phantasie noch nicht im menschlichen Geschlecht erloschen ist, verlange ich von dem, der sich mir als Dichter darstellt, dass er mir Vergnügen mache, ohne dass jemals in seinem Werke von Wahrheit die Rede sei. Gerade darin liegt die Schwäche der französischen Poesie verborgen, dass die Franzosen das Wahre vom Schönen nicht zu trennen wissen, und das eine nicht ohne das andere geben wollen. Boileau's rien n'est beau que le vrai ist das Siegel des poetischen Unvermögens der Franzosen, die, wenn sie jemals Dichter werden wollen, von neuem geboren werden müssen. Es ist zuletzt nur die höhere Kraft des Menschen, die ihn zum Dichter macht, und in Hinsicht dieser Kraft stehen die Franzosen bei weitem den Italiänern nach, die, so lange sie eine grosse Einheit bildeten, die ganze Welt eroberten, und als sich diese Einheit in Trennung auflösete, das Gefühl ihrer vorigen Grösse so lange in sich konzentrirten, bis es endlich losbrach und idealische Welten schuf. Ich möchte nicht gern übertreiben; allein soll ich meiner Überzeugung gemäss reden, so waren die Italiäner zur Zeit ihrer Horaze und Virgile, welche die Welt einzig bewundert, noch Barbaren; zur Zeit ihrer Ariosto's, Tasso's und Guarini's hingegen ein hoch kultivirtes Volk."

Adelaide war, so wie ich, nicht wenig über diese Erklärung erstaunt. Wir kämpften für unsern Corneille und Racine und Voltaire, so viel wir konnten; allein über diesen Punkt fand für den Herrn von Z... kein Capituliren statt. Als wir zuletzt, nicht ohne uns zu schämen, eingestanden, dass wir nicht berechtigt wären, Dinge zu bestreiten, die uns nie berührt hätten, und zugleich zu erkennen gaben, wie sehr wir in die Geheimnisse der italiänischen Poesie eingeweihet zu werden wünschten: so war unser Antagonist sogleich erbötig, unser Mystagog zu sein. Wirklich nahm der Unterricht im Italiänischen gleich am folgenden Tage den Anfang, und unsere Fortschritte waren, wie unser Lehrer sie nur immer wünschen konnte. Ob Adelaide mich, oder ich Adelaiden fortriss, konnte nicht in Betrachtung kommen, da wir unter den verschiedensten Antrieben standen; sie, indem sie sich in ihrem Lieblingselement, der Poesie, bewegte; ich, indem ich die Autorität eines Mannes ehrte, der mir durch die Eigentümlichkeit seiner