ein zweiter Abraham, seinen Liebling zu opfern, darum schürten sie die dürftige Flamme in mir an, damit ich den ernsten Bruder überstrahlen und die Welt glauben machen sollte, ich gehöre ihr an. Musste das ganze Erdenglück eines Menschen in meinen Händen zerbrechen, damit ich ungeniessend darbe? Mich knüpfte kein Band an die Menschen, nüchtern und leer blickte ich auf ihr buntes Treiben. Ja meiner Brust lag die Welt unberührt und tot, und dennoch, dennoch konnte ich den Bruder opfern. Nehmen sie mir die Erinnerung jenes Augenblikkes, in welchem er mir zuerst sein grosses Herz eröffnete. Mit glühenden Blicken bekannte er mir seine Liebe zu Matilden, beschwor mich, alles zu nehmen, und ihm nur so viel zu lassen, dass er still an ihrer Seite leben könne, seine Brust schlug zum erstenmal an der meinigen, ja, er sank zu meinen Füssen, und ich verriet ihn, zwang beide, schimpflich zu fliehen, und ihr Glück und ihre Schande in der Dunkelheit zu verbergen. Und als nun ihr spähender blick sie auch hier entdeckte, die schöne Matilde starb, mein Bruder auf's neue verschwand, und seine unglücklichen Kinder in niedrer Vergessenheit verschmachteten, da schwieg ich, da bewahrte ich das tiefe geheimnis, da vermochten feige Rücksichten mehr als die heiligste Liebe. Sagen sie mir, ich beschwöre sie, dass ich ein kindischer Tor sei, schleudern sie alle Blitze ihres Zornes auf mich nieder, zertreten, zermalmen sie mich, damit ich wieder in der alten Demut an sie glauben lerne, und ruhig werde. So kann ich es nicht sein, meine kurzsichtigen Blicke verwirren sich in dem Erfolge jener Taten. Es ist nirgend ein Punkt, wo sie freudig ruhen könnten, nichts, was die erwachenden Zweifel beschwichtigte. Mein Vater starb in herbem Leide, sein finstrer Sohn herrscht in seinen blühenden Staaten, indess ich allein, ungeliebt und verlassen, unter fremden Gesichtern, vergebens ein Auge suche, das dem meinigen begegne. Verstossen sie mich nicht, lehren sie mich, tiefere Blicke in die verworrnen Ereignisse des Lebens werfen, und die Bedeutung der Dinge erkennen. Ich stehe auf halbem Wege der erkenntnis, und weiss nicht, wohin ich mich wenden soll!"
Rodrich liess das Blatt fallen, und eilte, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Zimmer, indess ihm Viormona in höchster Unruhe nachsahe, und sich vergebens bemühete, ihn zurück zu rufen. In wenigen Augenblicken war er im schloss. Er flog die Treppen hinauf, niemand redete ihn an, der Anblick eines Offiziers liess in dieser Zeit auf irgend eine wichtige Sendung schliessen. So kam er durch die Vorzimmer zum Eingang der Gallerie. Der Tag neigte sich schon, alle Gegenstände verschwammen in ein schauerliches Halbdunkel. Gedankenvoll blieb er stehen, seine Blikke hefteten sich gerührt auf die alten Bilder, in denen er zuerst seine Ahnherrn begrüsste, er suchte den Einsiedler, und bemerkte den Kardinal, der ihm gegenüber nachdenklich an einem Pfeiler lehnte. In dem Augenblicke öffnete sich dieselbe Tapetentür, aus welcher ihm der Herzog zuerst entgegen trat. Er erschien auf's neue, indem er dem Kardinal sehr heiter zurief: sie wird mein, Terese schreibt, sie sei bei weitem ruhiger, und füge sich immer mehr ihren Bitten, sie hatten Recht, ich kann dennoch glücklich werden! Nein, das sollst du nicht, feiger Bösewicht, schrie Rodrich, und stiess ihn wütend nieder. Ewiger Gott, stammelte der Kardinal, ist das deine Rache? Rodrich wandte sich langsam, und ging wie im Traume, durch die weiten Hallen zu Viormona's wohnung. Haben sie sich anders besonnen? fragte diese, über seine schnelle Rückkehr erfreut. Besonnen? wiederholte er vor sich hin. Ich glaubte wirklich, fuhr sie fort, sie wären in dieser Stimmung zum Herzoge gegangen. Der ist ja tot, sagte Rodrich. tot? schrie sie, tot? – um Gotteswillen, wer hat jetzt – ich, erwiderte er dumpf und gedankenlos. – Viormona betrachtete ihn einen Augenblick zweifelhaft. Wahnsinniges Kind, rief sie endlich, musste ich meine Rache ihren Händen anvertrauen? so plump und zwecklos konnte sie nur durch einen Mann vollführt werden! Nun ist alles verloren, der gemeine Mörder bleibt verachtet, wie sehr die Tat auch den meisten willkommen sein möge. Mussten sie sich so freventlich bloss stellen, glaubten sie wirklich, mit blutigen Händen das Zepter zu ergreifen? War denn ihre Phantasie so arm, dass sie diesen letzten Triumph nicht fest halten, dass sie ihn wegen einer schwächlichen Aufwallung hingeben konnten? Jetzt gehen sie nur, ich will nicht das Ansehen haben, als teile ich ihre Schuld. Recht gern, erwiderte Rodrich, und schwankte zur Tür. Ach, Rodrich! Rodrich! sagte sie, ahnet ihnen nicht, was sie verloren? war denn keine andere Regung in ihrer Brust, als die Rache? Glauben sie nur, so zum blossen Werkzeuge wollte ich sie nicht herabwürdigen, das konnte i c h entbehren. Er stand noch immer unteilnehmend und kalt vor ihr da. Fühlst du nicht, rief sie, sich an seine Brust stürzend, dass ich hier mein höchstes Glück suchte? dass ich hier allen Schmerz und alle Wut der Liebe kühlen, und meinen Stolz in deiner Glorie erhöhen wollte? Du solltest siegen, durch die Gewalt hoher natur, den Mord musstest du Andern überlassen. – Sie haben sich geirrt, sagte Rodrich kalt, meine Hand war zu grob