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Strafe des himmels sieht, und sie um so leichter Eingang finden werden. Wollen sie sich mit langsamen Gifte nähren, fuhr sie fort, einige Papiere aus einem Kästchen langend, oder soll ichdoch besser, sie lesen selbst. Nehmen sie zuerst diesen angefangenen Brief des Kardinals, dem er wohl noch mehreres hinzufügen wollte.

Rodrich las mit flammenden Blicken.

"Ihre früheren Vermutungen sind eingetroffen. Der Knabe lebt, und tritt jetzt sehr unberufen als Mann in meinen Weg. Der dumpfe Trotz, mit dem er sich einst Ihren Händen entwand, hat sich zur frechen Verachtung aller gesetzlichen Ordnung und hergebrachten Weise entwickelt. Er ist zu klug, um genügsam zu sein, und wird eben deshalb furchtbar. Zum Glück besitzt er noch etwas von jener schwankenden Reizbarkeit, die man Herz und Gemüt nennt, und die uns kältern Naturen die Welt unterwirft. Sonst ist er stolz, es regt sich so etwas von Herrschersinn in ihm, er könnte vielleicht an der Hand eines Gewaltigen höhern Stufen entgegen reifen, allein er muss in die Dunkelheit zurück. Sie wissen, wie ich bemüht war, jede Spur eines beschämenden Ereignisses zu verwischen, und den Hohn der Kirche im eignen Blute zu rächen. Das Dasein des Knaben wandte sich indess wie ein Dolch gegen die eigne Brust. Ich war nicht ruhig, seit er ihnen entwich. Sie erinnern sich des Fehlgriffes mit dem Sänger, ich forschte vergebens. Ganz unerwartet fand ich endlich hier, was ich suchte. Die abenteuerliche Erscheinung eines jungen Mannes, der unter dem Schutze des alten Alwarez, plötzlich Offizier wird, bei dessen Anblick der Herzog ohnmächtig niedersinkt, der durch ein gebieterisches, vornehmes Wesen jede Nachfrage zurück drängt, und so alles, bis auf die Neugier der Menschen unterjocht, musste notwendig tausend Mutmassungen erregen, mit denen man mich sogleich bei meiner Ankunft bekannt machte. Ich ward begierig, mehr zu erfahren. In einer Abendversammlung trat er vor mich hin. Ich glaubte, fünf und zwanzig Jahr jünger zu sein, und den Bruder des Herzogs zu sehen. Nur in Vater und Sohn kann sich die natur so wiederholen. Derselbe blick, Mienen und Gebehrden. Ich konnte nicht länger zweifeln. Dazu kam die enge Verbindung mit dem Grafen, der augenscheinlich mehr von seinem Schicksale weiss. Ich setzte alles in Bewegung, um der Sache auf den Grund zu kommen, und erfuhr, dass er in einem Gastofe, mehreren jungen Leuten seine geschichte nach Jugend-Art laut genug mitgeteilt hatte, um den Wirt mit einigen Zügen derselben bekannt zu machen, die mir weiter keinen Zweifel übrig lassen. Die Erinnerung des Mantels lebt noch frisch in seiner Seele, und er würde sicher nicht anstehen, ihn von den Schultern seines herzoglichen Oheims zu reissen, wenn er eine Ahnung der Wahrheit hätte. Dies ist hinreichend, um ihn bald wieder in Ihre hände zu liefern. Vorerst habe ich ihn ruhig in den Krieg ziehen lassen, vielleicht gebietet das Schicksal ohne meine hülfe über ihn. Seine Entfernung tut dem Herzoge wohl. Dieser schwache Mensch sitzt ohnehin unsicher auf dem fremden Tron. Ich kam, um ihm eine schickliche Haltung zu geben. Es wird mir gelingen. Seine Feinde sind nicht gefährlich, Trägheit und Furcht augenblicklicher Störung halten die meisten Menschen in der misslichsten Lage gefangen. Ein rachsüchtiges, eitles Weib steht an ihrer Spitze. Sie ist in meinen Schlingen, indem ich ihr glauben liess, sie könne mich als Mittel ihrer Plane gebrauchen. Der Herzog soll sich vermählen. Der Bastard darf ihm nicht in der Regierung folgen, aus diesem könnte etwas werden, wenn er nicht alles sein wollte. Leben sie wohl. Vielleicht sende ich ihnen bald ihren Flüchtling zurück. Entgehen wird er uns schwerlich. Sind sie gewiss, dass der andere Knabe in Martins Hütte starb?"

Rodrich wollte hier losbrechen. Halten sie sich noch einige Augenblicke, sagte Viormona, ihm das Blatt entwindend, lesen sie erst diesen zweiten Brief des Herzogs an den Kardinal, der hebt die Decke, und lässt in ein weites Feld menschlicher Verirrungen sehen.

Er gehorchte, ohne sich irgend einer deutlichen Vorstellung bewusst zu sein, und las Folgendes:

"Sie haben von jeher meinen Willen gelenkt, und in unsichern Augenblicken meinem Gefühl die Richtung gegeben, die Sie notwendig hielten. Ich kenne ihre Gewalt, und flüchte zu ihr, jetzt, da alle Wunden auf's neue aufspringen, und die alten Quaalen mich foltern. Reue, sagt man, sei ohnmächtiges Wollen. Es kann wahr sein, allein die Menschen haben das so auf Treu und Glauben angenommen, weil jeder Rückblick Anstrengung kostet, und der Wille lieber erzeugt als herstellt. Ich möchte gern nicht bereuen, aber wenn nun die Wahrheit so vor mich hintritt, und mich mit ihrer zermalmenden Gewalt anfasst, dass ich schreien möchte, wie kann ich ihr, wie kann ich mir selber entfliehen? – In solchen Augenblicken verliere ich auch den Glauben an Ihre Unfehlbarkeit, und das ist von allem das Schrecklichste. Warum liessen sie mich, meiner frühern Bestimmung gemäss, nicht in einem Kloster still und unbeachtet verblühen? Ich brauchte es, so ein scharf ausgesprochenes, dürres Ziel vor mir zu sehen. Die Mauer wäre meinen schwankenden Vorstellungen eine selige Gränze geblieben. Hätten sie sich wirklich in mir geirrt? Ich glaube es nicht. Rache war es gegen meinen Vater, der einst im tollen Übermute einige Klosterfrauen entführte, die Sakramente verspottete, und das Hochamt entweihen half. Darum überredeten sie ihn,