war, als bewegten sich die langen Fenster der Kapelle, und Aline breite ihm flehend die weissen arme entgegen. Unglückseliger, rief er, ist denn nun alles, alles vorbei! soll die unschuldige, hingebende Liebe nie wieder dies Herz berühren, und ist nicht vielleicht hier und dort alles verloren? Rodrich, sagte eine weiche stimme, du entgehst mir nicht, glaube mir, ich weiss, du willst dich von mir losreissen, er blickte erschrocken auf, Aline stand bleich wie ein Geist hinter ihm. Du hier? sagte er sich fassend. Ich bitte dich, fuhr sie fort, lass uns jetzt nicht untersuchen, ob ich zu viel wage, jede ruhige Überlegung gehörte einer frühern Zeit an, ich komme bloss, dich zu fragen, wie du es über dich gewinnen konntest, mich heimlich zu verlassen? Rodrich, wolltest du mich schonen oder übersahest du mich ganz? Liebe Aline! – sagte er ausweichend. O, um alles, unterbrach sie ihn, nur jetzt keine Ausflüchte, schäme dich nicht zu sagen was du fühltest, ich bin dir nichts, Rodrich, gar nichts, ich empfand das diesen Nachmittag, du sahst meine Todesangst, ein einziges Wort hätte mich in den Himmel gehoben, du hast es nicht ausgesprochen. – Ich glaube es gern, dass ich nur eine unbedeutende Erscheinung deines Lebens sein konnte, aber warum stehst du an, mich ganz zu vernichten? Glaubst du, es sei besser, mir ein dumpfes, ödes Dasein zu lassen, das Niemand beglücken kann? Friede und Vertrauen sind aus unserm Häuschen geflohen, die Mutter hat zum erstenmal in die Welt gesehen, ihr frommer blick kehrt scheu und getrübt in sich zurück, ich bin alt geworden, lieber Rodrich, die Jugend, ja, die Welt stürzte mir in einem Augenblicke zusammen, habe Erbarmen, rief sie mit einem zerreissenden Ton, indem sie vor ihm niedersank, nimm mir dies quaalvolle Leben. Hier klopfte es leise an die Tür. Verzeihen Sie, sagte Beate im Hereintreten, fuhr aber, als sie Alinen bemerkte, laut schreiend zurück. Bleiben Sie, sagte Rodrich, mit blick und stimme, die ihr fast jede weitere Bewegung unmöglich machte; was führt Sie hierher? fuhr er fort. Diese Bücher, sagte sie gefasster, ihm mehrere überreichend, die ich unter den meinigen fand, und die ich über ihre plötzliche Abreise beinahe vergessen hätte. Nun, erwiderte Rodrich, dasselbe Geschäft führte die gütige Aline hierher. Ich zweifle doch, fiel Beate vornehm und beleidigt ein, dass wir einander auf gleichen Wegen treffen können. Sie neigte sich spöttisch und ging. Ich danke dir, Lieber, sagte Aline, du wolltest mich vor den Menschen retten, aber das ist nun doch alles vorbei. Meine liebe, liebe Aline! rief er auf's höchste gerührt, sieh nicht so verzweifelnd in die Zukunft, glaube nur, ich kann nicht anders, mein verworrenes Schicksal umstrickt mich mit tausend Schlingen, und ich darf sie nicht so zerreissen, wie ich wohl möchte, ohne alles mit mir in den Abgrund zu ziehen. Ich tadle dich auch nicht, sagte sie ruhiger, es war wohl unrecht, so klagend und wimmernd vor dir zu erscheinen, gewiss, ich will dich nicht quälen, aber könntest du – sie stand einen Augenblick schweigend vor ihm da. Was foderst du, meine Aline? fragte Rodrich; nichts, rief sie unter heissen Tränen, ach, du kannst mir nichts, selbst den Tod nicht geben! – Lebe wohl, sieh, ich kam – ach mein unaussprechlich geliebter Rodrich, stammelte sie und sank ohnmächtig in seine arme. Er trug sie leise in Laura's Zimmer. Sorgen sie für die Unglückliche, rief er der erschrockenen Frau entgegen. Sie sind Mutter, in Ihrer Brust lebt ein menschliches Gefühl, dulden Sie nicht, dass man den Engel beleidige, ich warne sie, sie und Erwin sind in meinen Händen. Er drückte einen Kuss auf Alinens Stirn, und flog zum haus hinaus.
Ohne Aufentalt und Ruhe eilte er nun der Hauptstadt entgegen. Alle Herrlichkeiten des erwachenden Frühlings, die lachendsten Gegenden, nichts konnte ihn aus sich selbst herausziehen. Seine Gedanken kreisten unaufhörlich um einen Punkt, ohne ihn gleichwohl zu erfassen. So in sich versenkt, dumpf und befangen kam er an das Tor. Hier spannten sich alle seine Gefühle zur höchsten Erwartung. Er glaubte, sein Anblick müsse die Menschen ungewöhnlich erschüttern, und jedes Auge an dem seinen entzünden. Statt dessen ging alles den gewohnten gang. Niemand, ausser der Schildwache am Tore bemerkte ihn. In tatenloser Geschäftigkeit eilte Jung und Alt an ihm vorüber. Ein Jeder hatte sein kurzes Ziel vor Augen, und kümmerte sich wenig um die ausgedehntern Plane Anderer.
Ich werde euch nicht lange fremd bleiben, dachte er, und eilte zu Viormona. Schon hier? rief diese, nun, ich konnte es denken. Ihr guter Engel führte sie im rechten Augenblicke hieher. Das Schicksal hat vorgearbeitet. Der Herzog ist weich und erschüttert wie ein Kind. Sie wissen vielleicht, dass er Miranda mit seiner Hand beglücken wollte. Vor einigen Tagen ist diese mit ihrer Mutter und Elwire in ein fernes Kloster geflohen, und droht den Schleier zu nehmen. Den Schleier? – unterbrach sie Rodrich. Nun, lassen wir sie, fiel sie ungeduldig ein, sie passte ohnehin nicht hieher. Wichtiger ist, dass der Herzog in seinen gescheiterten Hoffnungen eine