dass ein Wort die inneren Zweifel lösen, und Glück und Ruhe verbreiten könne, aber dies eine Wort drang nicht über die widerstrebenden Lippen. Indem trat Stephano herein, mehrere Briefe in der Hand haltend, von welchen er Rodrich zwei gab, und sich dann, die übrigen zu lesen, in eine Ecke des Zimmers niederliess. Rodrich erkannte sogleich Florio's Hand, er öffnete schnell das Siegel, und las, um sich selbst allen zweifelhaften Regungen zu entziehen, begierig folgende Worte:
"Der Tod, lieber Rodrich, ist nun wirklich an uns vorüber gegangen, und hat Rosalien entführt. Seitdem ist mir unaufhörlich, als schritte er auf mich zu, und spottete meiner Wünsche und Hoffnungen. Alles um mich her erscheint mir so schattenartig und vergänglich, und was ich sage und tue, es gemahnt mich wie ein Spiel. Der rechte Ernst lauert doch nur im Hinterhalte, und macht zuletzt allen Träumen ein Ende. Dies ist gewiss nicht die rechte Ansicht des Lebens. Der gesunde Sinn greift frisch in die Kette ein, und fühlt, dass sie sich ewig ununterbrochen fortschlingt. Ich muss auch wohl krank sein, denn niemand ausser mir ist so ergriffen, selbst Ludowiko kehrte vor einigen Tagen ruhig, ja erleichtert zu den Seinigen zurück. Es war, als habe er dem Schmerz, wie allen innigern Gefühlen einen gewissen Tribut zollen müssen, dessen letzter Rest mit Rosaliens Leib in die kalte Erde verschüttet ward. Ach, Rodrich! Rodrich! ich würde glauben, die meisten Menschen seien leblose Instrumente, über welche die Hand des Schicksals hinfährt, und ihnen von Zeit zu Zeit einen Ton entlockt, der eine Weile fortrauscht, und dann in das innere Nichts verhallt, aber sind wir denn anders? und wühlt die Welt nicht mit tausend Händen in den saiten unsers Herzens, und schlägt eine nach der andern an, ohne dass wir es selbst ahnen? sonderbar war es, dass Rosalie ganz verständig unter höchst einfachen, ja ich möchte sagen, kalten Betrachtungen verschied. Ludowiko's Bild schien immer mehr von ihr zu weichen, sie nannte ihn wenig, und gab sich mit sichtlichem Behagen der wiederkehrenden Stille ihres Gemütes hin. Der Gelehrte, der vor einigen Tagen bei Seraphinen war, meinte: Rosalie sei ihm unendlich heftig, aber nicht gefühlvoll erschienen. Dieser Mangel an Tiefe, und eine grosse Phantasielosigkeit habe so lange mit dem Streben, sich einen höhern, ungewöhnlichen Schwung zu geben, gerungen, bis sie dies über sich selbst hinaus, zwischen frostigen Verzerrungen, zum Wahnsinne hingetrieben habe. Nichts, setzte er hinzu, ist so gefährlich, als wenn der bloss reizbare, wenig schöpferische Sinn, äussere Bilder für die seinigen aufnimmt, und sich aus die Art in eine ganz fremde Welt verirrt. Ludowiko, sagte er, sei vollends ein kalter Geck, der sich in jeder Kappe gefalle. Dies letzte tat mir wehe. Ich hatte ihn doch so wahr und innig gesehen, seine Tränen waren in mein Herz gefallen, so bemächtigt sich der blosse Schein nicht der Seele eines Andern. Es mag wohl sein, dass man Erscheinungen und Motife richtig aufstellen, und Eines durch das Andere entwickeln könne, allein im Menschen ist noch vieles, was sich so nicht auffassen lässt, und was gleichwohl alles verändert. Man sage immer, die Liebe sei blind, ich glaube es nicht. Sie bindet nur das Einzelne zum Ganzen, und füllt die Lücken, die der Verstand mühsam gräbt. Daher spreche ich auch lieber mit Seraphinen über die letzten Vorfälle. Die Frauen sind milder, bei ihnen herrscht das Gefühl, und wenn sie auch oft ohne Grund lieben und hassen, so wird ihnen doch der Mensch nie zu einem blossen Rechenexempel, das sich nach gewissen Regeln auflösen lässt. Ich dachte jetzt recht ungestört in dieser Einsamkeit deine Rückkehr zu erwarten, allein es hat sich auf's neue alles geändert. Vor einigen Tagen trat der Ritter ganz unerwartet mit einer hübschen jungen Frau bei uns ein. Rosaliens Tod war ihm noch fremd, er glaubte, sie durch die glückliche Wendung seines Schicksals freudig zu überraschen, und eine milde Freundin in ihr zu gewinnen. Es war uns unendlich peinlich, ihn in diesem Irrtum zu wissen. Der Gräfin gebrach es fast an Mut, ihm die Wahrheit zu gestehen. Das Lächeln eines Menschen, dem der ungekannte Schmerz so nahe steht, hat etwas überaus Rührendes. Indess entging ihm unsere Verlegenheit nicht, und er drang uns bald das geständnis seines Unglücks ab. Du kannst denken, wie sehr es ihn erschütterte. Doch gelang es der schönen, blühenden Gattin, ihn nach und nach zu beruhigen. Jetzt weint er wohl noch an Rosaliens grab, und bringt manche Stunde dort zu, allein er willigt dennoch ein, in wenigen Tagen nach der Stadt zu gehen, wohin Seraphine ihm folgt. Diese findet Geschmack an ihrer jungen Nichte, und freut sich, durch irgend ein Familienband auf's neue an die Welt geknüpft zu sein. Ich sollte sie begleiten, Alexis drang deshalb in mich, er ist liebenswert und offen, und erwiderte meine Teilnahme mit der kindlichsten Innigkeit, allein ich fühle mich doch losgerissen in diesem geschlossnen Kreise. Halte mich nicht für eitel und anmassend, wenn ich dir gestehe, dass mir dies freundliche Dulden, die ehrenwerte anhänglichkeit gutmütiger Menschen, nicht genügt, dass ich es schmerzlich fühle, für niemand eigentlicher Zweck des Lebens zu sein, dass alles ohne mich gerade eben so ist und fortgeht