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Verachtung dagegen auszurüsten. Er hielt sich wirklich berufen, das goldne Netz zu zerreissen, womit Torheit und Eitelkeit die Welt umspinnen. Er griff in jedem Augenblick danach, und verwirrte sich unwillkührlich in das glänzende Gewebe. Er fühlte das mit feindlichem Unwillen gegen sich und Andere, und konnte dennoch die fruchtlose Arbeit nicht aufgeben. Umsonst, meinte er, habe ihn der rächende Erzengel nicht so in seiner Kindheit angezogen. Die mahnende stimme kehre immer wieder, und er müsse das Recht zu Tage fördern. Nur bei Alinen spührte er nichts von ähnlichen Auffoderungen. Hier war ihm von selbst alles ergeben. Warmer, süsser Liebeshauch wehete ihm überall entgegen. Das Anneigen und Erschliessen einer schuldlosen Seele, strömte berauschend in die seinige über. Stolz und Ehrgeiz schwiegen zum erstenmal. Alles gefiel ihm, wie es sich eben zeigte, in einfacher Herzlichkeit. Wenn er aus dem überbildeten Kreise in die stille, behagliche Wohnstube trat, wo Mutter und Tochter ihn mit unverstellter Freude empfingen, und ihn alles anlachte, bis auf die zierliche Magd, die dann gern und eilig den Tisch zu Vieren deckte, dann ging sein ganzes Herz auf, er fühlte die Nähe reiner Menschlichkeit, und nichts konnte ihn stören, selbst der einsylbige Geistliche nicht, den doch hin und wieder ein wohlwollender blick auf Alinen verschönte. Nur Stephano blieb krank und mit sich selbst beschäftigt. Nach mehrern Tagen fand er bei seiner Ankunft das ganze Haus in grosser Bewegung. Der Kranke war plötzlich schlimmer geworden, selbst die Ärzte fürchteten für sein Leben. Er lag in heftigen Krämpfen, die er sich durch eine Erkältung zugezogen hatte. Aline weinte aus voller Seele. Sie kannte nichts Schrecklicheres als den Tod, der ihr einst das Liebste auf Erden entriss, jede Hindeutung auf diesen einzigen Schmerz ihres Lebens, bewegte sie auf's gewaltsamste. Rodrich ward sehr erschüttert, als Stephano's heftige natur in die furchtbarsten Zuckungen ausbrach. Bis nach Mitternacht blieb jeder in banger Ungewissheit. Endlich strömte ihm das Blut aus den Adern, ohne dass man sie geöffnet hätte, und wenig Minuten darauf ward er ruhig und besonnen. Die Ärzte erklärten dies für eine wohltätige Crisis, und nachdem sie noch einige Mittel verordnet hatten, empfahlen sie den Kranken der Obhut seiner Pfleger, und verliessen ihn mit der Versicherung baldiger Genesung. Alles um ihn her atmete jetzt freier, die Mutter konnte ihre Teilnahme nicht rührend genug ausdrücken, Niemand sollte ihn die Nacht über verlassen, sie selbst wollte ihn genau beobachten, und schickte sich an, in einem gemächlichen Sessel an seinem Lager zu wachen. Aline sass müde und erschöpft auf einer kleinen Bank zu ihren Füssen; die arme über einander geschlagen, senkte sich das zierliche Köpfchen auf die Brust, und schwankte, ohne weiteren Gegenhalt, im Schlafe hin und her. Rodrich betrachtete sie mit unnennbarem Entzücken, und als Stephano und die Mutter endlich auch schliefen, neigte er sich über sie hin, und fragte leise, ob er sie zu einem bequemeren Sitze tragen dürfe. Sie lehnte den Kopf an seine Brust, und sich nach Kinder-Art dehnend, umschlang sie ihn fest mit beiden Armen, indem sie schlaftrunken versicherte, sie sei gar nicht müde. Rodrich fühlte sie an seinem Herzen, ihr erstes unerwartetes erscheinen trat wieder vor ihn hin. Unbewusst, wie damals, lag sie jetzt in seinen Armen, so ward sie ihm auf's neue wieder gegeben, er zog sie fester an sich, sie war sein, kein lebendes Wesen machte sie ihm streitig, die unsichtbaren Mächte führten sie ihm selbst zu, er hielt sich länger nicht, und hauchte alle Liebe und sehnsucht auf ihre glühende Lippen. Liebe, liebe Aline, rauschte es an ihr vorüber, sie blickte wie im Traume zu ihm auf, und als er sie noch feuriger küsste, füllten sich ihre Augen mit heiligen, wonnevollen Tränen. Liebst du mich? fragte er schmeichelnd. O, Gott möge es mir verzeihen, sagte sie fromm und wahr, wie du schon lange mein einziger Gedanke bist, und wie ich den guten Benedikt oft darüber vergass. Sie waren beide an ein Fenster getreten. Die Sterne leuchteten und funkelten in der hellen Nacht, wie tausend geheimnissvolle Blicke. Aline hob betend ihre hände zu ihnen auf, ihre ganze Seele löste sich in einem wehmütigen Blicke, mit dem sie, wie bewusstlos über die Erde hinsah, und sich dann schweigend an Rodrichs Busen verbarg. Wie ist dir? fragte dieser, über den Ernst des lieblichen Kindes erstaunt. Ich fühle, sagte sie bewegt, wie ich jetzt von der ganzen Welt scheide, wie alles, alles mit einemmal ganz anders ist. Ich kann dir das nicht so sagen, aber meine liebsten Hoffnungen und Freuden sehen mich jetzt so tot an, wie ehemals das alte zerbrochene Spielzeug am hellen Weihnachtsabend. Ich komme mir ganz seltsam vor, ich möchte immer weinen, mir ist so wohl, und doch so wehmütig, fast wie am Tage da Benedikt seine segnende Hand auf mich legte, und unter stillem Gebet verschied. Sieh nur, fuhr sie fort, wie die Mutter und alles um uns schläft, wir sind wohl ganz allein auf der weiten Erde! Sie schmiegte sich vertrauend an ihn. Rodrich fühlte mit Entzücken ihr Herz an dem seinigen schlagen. Die schuldlose Liebe brach wie ein Maienglöckchen durch die dunkeln Schatten seiner Seele. Süsser, süsser Engel, rief er, fast eben so weich und gerührt, als Aline, lass