1806_Fouqu_018_64.txt

ihr verwischen können. Wie bei Alinen Ernst und Leichtsinn in den blühenden Zügen spielte, so leuchtete beides aus dem Wesen der alternden Matrone hervor. Dasselbe Vertrauen, derselbe einfältig fromme blick über alle ausgedehnteren Verhältnisse des Menschen, die gleiche, gefällige Redseligkeit, und das gänzliche Verlieren in den einzigen, merkwürdigen Hauptmoment ihres Lebens, den Tod des blühenden, geliebten Jünglings, alles fand man in Beiden auf gleiche Weise. Wenn Worte und Gedanken auch nicht über die abgeschlossenen Kreise ihrer einfachen, fröhlichen Wirksamkeit hinaus reichten, so lag dennoch hierin eine Welt von Gefühl. Alles Tun und Treiben erschien wie das bewusstlose Walten der natur. Man gab sich willig hin, und liess sich, wie beim Erwachen des Frühlings, allmählich in die harmlosen Erinnerungen der Kindheit hinüber spielen. Gleichwohl fühlte Rodrich einen gewissen Zwang, seit er nicht mehr mit Alinen ohne Zeugen war. Ihre Aufmerksamkeit wurde unwillkührlich geteilt, sie durfte nicht einzig bei ihm verweilen; sie fühlte das, und sehnte sich, wie Rodrich, nach der stillen vertraulichen Stunde zurück. Indess blieb mehrere Tage hindurch alles, auch Stephano's Befinden, unverändert. – Rodrich hatte daheim bei seinem Ratsherrn eine ganz stattliche Familie, der er täglich einige Stunden geben musste. Der Mann führte einen guten Tisch, alten Wein, und besass die vortreffliche Gewohnheit, beides, um eines höflichen Lobes willen, Freund und feindlichen Gästen preis zu geben. Überdem hatte er zwei Töchter, von denen die eine verheiratet, die gute Mutter, und die andere unverheiratet, die Gebildete, nicht ohne Gewandteit, und mit tiefer innerer Überzeugung spielten. Beide verstanden es, einen Kreis von Bewunderern um sich her zu ziehen, unter denen sich Erwin, ein genialer, ganz frisch auf Universitäten erblüheter Philosoph am meisten hervortat. Er war ganz ausgebildet, so dass wirklich kein einziges festes Bild in ihm Bestand hatte. Die grosse Ansicht des Universums dehnte, wogend und flimmernd, die inneren Schwingen, und hob ihn auf einen Standpunkt, vor welchem Hohes und Niederes gleich verschwanden. Die bunte Gestaltung der Welt war ihm nichts, als die Unterbrechung absoluter Einheit, deren wechselndes Spiel er, wie der Arzt das Zucken der Nerven, mit Anteilnehmendem Lächeln durchdrang. Überhaupt sah man ihn immer lächeln, nichts durfte das ruhige Gleichgewicht unterbrechen, er fand sich ü b e r a l l wieder, weil er sich g a n z verlor, und kannte weder einen bestimmten Freund, noch eine Geliebte, indem er einzig der Unendlichkeit angehörte. Ihm zunächst stand ein Künstler, der mit hagerer Gestalt und matten Blicken, die Fülle göttlicher Sinnlichkeit in jedem Teetropfen in sich sog, und mit frechen, oft unkeuschen Worten laut werden liess, wie er sein ganzes Dasein dem wahnsinnigen Rausche hingebe, und die Muse erst in den üppigen, glühenden Umarmungen der frischen Sinnenwelt erzeuge. Die völlige, rotwangige Laura neigte sich bei ähnlichen Worten zu ihrem jüngsten kind, und drückte es mit viel Empfindung an den unverhüllten Busen. Ihre Schwester Beate hasste den unsittigen Schwätzer, und verfehlte nie, ihn mit giftigen Pfeilen ihres Witzes zu verwunden. Überall war sie das anregende Prinzip dieses kleinen Zirkels, und ohnerachtet man sie mehr hasste, als sie es wohl verdienen mochte, so trieb und drängte jeder so lange, bis sie die Rolle der anerkannt Geistreichen, in tausend gesuchten Wendungen durch einen ganzen Abend behauptete. Die Familie nickte dann einander beifällig zu, und jedes sonnte sich behaglich in dem trüben Schein. Ziemlich abgesondert von den Übrigen, und gewöhnlich mit einem grossen Windhunde beschäftigt, sass ein ältlicher Offizier, der den biedern Hausfreund machte, und mit einigen polternden Spässen die Wahrheit ziemlich hart traf. Da er indess gern Wein trank, die Pferde liebte, den Damen huldigte, und einige veraltete, nach Romanzenart in sich unzusammenhängende Kriegslieder sang, so gesellte sich der Neffe des Hauses zu ihm, ein Jüngling, der sich mit der Welt nicht mehr vertragen konnte, und die altväterlichen Sitten hier zu finden meinte. Beide sprachen ganz entgegengesetzte Dinge, und glaubten einander doch zu verstehen. Der junge Mensch sah dabei auf ein schönes unbedeutendes Mädchen, das ihn für etwas toll hielt, und seine verschollene Galanterie mit sichtlicher Scheu ablehnte. Rodrich glaubte zuweilen mitten unter einer Sammlung Karikaturen zu stehen, in denen er, bei genauer Betrachtung, bekannte Züge entdeckte, die verworren und schwankend an ihm vorüber fuhren, und ihm irgend einen befreundeten Nahmen, oft seinen eignen, zuriefen. Er war zu stolz und vornehm, um sich hier mitzuteilen, oder das Ganze für etwas anders, als ein flaches Spiel anzusehen. Wenn er indess über die grotesken Teaterkünste lachte, mit welchen einer den andern zu täuschen suchte, so fühlte er ganz dunkel, dass auch er dabei eine Rolle spiele, und zwar die des unteilnehmenden, kalten Zuschauers, der gleichwohl alle Augenblicke einmal auf die Bühne trat, und Eitelkeit durch Eitelkeit parodirte. Überhaupt begegnete es ihm so oft, gerade das, was ihm bei Andern aus voller Seele zuwider war, in sich selbst wieder zu finden. Er stritt und kämpfte wohl dagegen, aber die nichtswürdigen Regungen waren dennoch da, kamen immer wieder, und behaupteten ihr Recht in tausend verkappten Gestalten, in denen er sie nicht selten hegte und pflegte, bis die Hülle unversehens herabfiel, und die Fratze ihn höhnisch ansah. Oft glaubte er, das müsse alles so sein, um ihm die Schlechtigkeit menschlicher natur recht anschaulich zu machen, und ihn mit Kraft und