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. Diese leichte Beweglichkeit in den beschränkten Kreisen, hob sie bewusstlos darüber hinaus, und gab dem ganz Gewöhnlichen einen eignen Zauber. Überall fühlte er sich unendlich wohl. Die harmloseste Ruhe wehte ihm hier in den einfachen, in Lieb' und Eintracht geordneten Umgebungen entgegen. Seine aufgeregten Sinne schlossen sich behaglich an die Einförmigkeit des Ganzen. Er vermisste keine Pracht, und weidete sich an jedem Gegenstand, der vom inneren, häuslichen Frieden zeugte. Bald trat auch der nunmehr beruhigte Geistliche herein. Er erschien beiden Freunden mild und angenehm, so sichtlich man auch wahrnahm, dass er kein Streiter dieser Welt sei. Sein stiller Wohnsitz war von den Plündernden übersehen, und er hatte nichts, als die Ruhe dieser Nacht bei dem allgemeinen Schrecken eingebüsst.

Während dessen hatte sich der Aufruhr in den Strassen gänzlich verloren. Stephano bedurfte der Ruhe, und Rodrich fühlte, dass er sich von seinen neuen Bekannten losreissen müsse, um nicht lästig zu werden. So schied er denn, von der herzlichen Bitte, recht bald wieder zu kommen, begleitet.

Er fand sein Quartier bei einem reichen Ratsherrn, der mit ängstigender Förmlichkeit seinen Wünschen zuvorkam. Auch Stephano erwartete ein ähnliches los, allein Rodrich sah voraus, dass er es vorziehen werde, bei seinem liebreichen Wirte zu bleiben, wenn er ihn anders behalten wolle.

Am folgenden Tage erhielt er von allen Seiten Glückwünsche über sein ausgezeichnetes, besonnenes Betragen bei der Einnahme der Stadt, und wie man ihm vorzüglich die Besetzung der wichtigsten Posten verdanke. Auch der General sagte ihm etwas Verbindliches. Rodrich sah sich geehrt, ohne sonderlich darüber erfreut zu sein. Angenehmer war es ihm, zu erfahren, dass der Feind um Frieden bitte, und dass die Unterhandlungen schon im Gange seien, was indess Zeit und längern Aufentalt in dieser Stadt erfodre. Ohne irgend eine ursache anzugeben, oder sein Gefühl näher zu betrachten, strebte er, sich der Freude, länger in Alinens Nähe zu bleiben, ganz ungestört zu überlassen, und ergötzte sich im Voraus an dem heitern Umgang, der ihn aller anderweitigen Sorgen auf kurze Zeit entrücken sollte. Er glaubte längst darüber mit sich einig zu sein, dass man vergebens nach Glückseligkeit verlange, und die einzelnen vorüberfliegenden Momente sorgsam auffassen und an einander reihen müsse, um ein erträgliches Ganzes heraus zu bringen. Der Genuss, meinte er, wie jeder gewünschte Erfolg, fliehe der Absichtlichkeit, nur was sich so ungesucht nahe, das solle man getrost auf sich zu kommen lassen. Es werde sich bald zeigen, in wie weit es zu einem gehöre, oder nicht. Alles Streben und Widerstreben lasse die Dinge ziemlich beim Alten, man werde auch gewöhnlich sein eigner Narr bei einer geträumten Konsequenz, die ein unbewachter Augenblick zu Schanden mache. So im Kampfe mit Sinn und Verstand, aller klügelnden Reflexion entfliehend, und doch in ihr verstrickt, Höheres verachtend und kindlicher Sorglosigkeit entwachsen, ging er in schmeichelnden Träumen zu Stephano. Es war ein heller, anmutiger Wintertag. Die Sonne schien warm in Alinens Fenster, an welchem sie unter Blumen und bunten Vögeln, auf einem niedern Sessel bei ihrer Arbeit sass. Auf das Geräusch bei seinem Eintritt, legte sie schnell den Finger auf den Mund, und zeigte auf den schlafenden Stephano, der am andern Ende des Zimmers in einem Lehnstuhl lag. Rodrich trat leise zu ihr hin. Sie glühete wie ein frisches Röschen in dem blendenden Schnee des weissen Gewandes. Freudige, schuldlose Überraschung, sprach aus blick und Mienen. Er beugte sich über ihren Sessel, und beide begannen kaum hörbar mit einander zu reden. Aline ward bald unbefangener, und als Rodrich nach den ersten Erkundigungen, Stephano's Wohlsein betreffend, das Gespräch auf den geliebten Benedikt lenkte, erzählte sie mit süsser Vertraulichkeit ihren ganzen kleinen Lebenslauf. Rodrich hörte kaum was sie sprach, das sanfte Wehen ihres Odems, das berauschende Flüstern und all die Unschuld und Lieblichkeit nahm seine ganze Seele hin. Er fühlte nur, wie wahr und anspruchslos sie ihr Inneres aufdecke, und wie nichts, nichts in dem reinen Herzen lebe, was den blick eines Menschen scheue. Die feste, heilige Liebe für den Bruder, brach oft recht ernst aus dem spielenden Wesen hervor, und zeigte, wie die kindischen Schwingen den Himmel wohl zu erreichen wussten. Er hätte gern ewig so bei ihr gesessen, und sich in ihre Welt hinüber ziehen lassen, allein Stephano erwachte, und bei seiner ersten Bewegung flog Aline an sein Lager. Sie fand ihn bei weitem kränker als zuvor. Brennende Fieberhitze und stechende Schmerzen im Arm, machten ihn auf's höchste ungeduldig und verdrüsslich. Rodrich nahete sich ihm teilnehmend. Sein Herz war offen und warm. Die alten, halb zerrissenen Bande schienen sich auf's neue fester zu schürzen, es reuete ihn jede Härte gegen den kranken Freund, der ihm so gar nicht im Wege war, dessen Schwächen ihm sehr verzeihlich, ja von tausend herrlichen Eigenschaften überstralt dünkten. Er hätte ihm in diesem augenblicke gern seine Schuld und seine Reue bezeigt, und so die frühere Vertraulichkeit wieder hergestellt, allein Stephano begnügte sich, die hervorbrechenden, herzlichen Worte, mit einem stummen Händedruck zu beantworten, und sich lächelnd von ihm abzuwenden.

Aline kam und ging, und war sorglich um den Kranken bemüht. Bald erschien auch die Mutter, welche häusliche Geschäfte bis dahin entfernt hielten. Rodrich entdeckte heute eine auffallende Ähnlichkeit zwischen ihr und ihrem kind. Alter und Erfahrung hatten den rosigen Hauch jugendlicher Sorglosigkeit nicht in