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zu gehen.

Um dieselbe Zeit erhielt Stephano ebenfalls Briefe vom hof. Rodrich wusste das, und bemerkte nicht ohne Unruhe, wie er immer zurückhaltender und gezwungener ward. Er fragte ihn einmal nachlässig: ob er nichts Lustiges von der geistlichen Regierung zu erzählen wisse? O ja, erwiderte jener, Viormona verteilt die Rollen, du hast ja früher ihr Talent erprobt, und kannst denken, welch reiches Leben nun beginnt. Viormona? fragte Rodrich. Nun ja, sagte Stephano, ihr gewaltiger Geist begegnete dem Cardinal, oder umgekehrt, wie du willst, genug es ist jetzt alles einig und friedlich, und Terese und ihre Töchter, der Hof, die Stadt, alles gibt sich den neuen Führern hin. Rodrichs Herz zog sich unwillkührlich bei diesen Worten zusammen. Es lag dahinter etwas, das ihn ängstete, und er hatte gleichwohl weder den Mut, noch das Recht, in den vernachlässigten Freund zu dringen, der auch weiter nicht auf ihn zu achten und nur mit eignen Sorgen zu kämpfen schien.

Beide hatten indess nicht lange Zeit, ihren Träumen nachzuhängen. Der General beschloss, die Festung durch einen Überfall einzunehmen, und bestimmte dazu die folgende Nacht. Das tiefe geheimnis, die Erwartung, der unbestimmte Ausgang, alles lockte sie aus dem langen Winterschlafe hervor, und strömte erfrischend durch den heitern Soldatensinn. Stephano konnte kaum den entscheidenden Augenblick erwarten. Er maass mit klopfendem Herzen Mauern und Wälle. Ihm war, als schwebe er unaufhörlich auf der letzten Sprosse der Leiter. Endlich rückte die Stunde heran. Alles war vorbereitet, die Nacht dunkel wie das Grab. Der Wind fuhr heulend durch die Wolken, und trieb Schnee und Regen vor den anrückenden Truppen her. Kein andrer laut drang durch das dumpfe Geräusch hindurch. Niemand wagte zu atmen. So erstiegen sie mühsam den Hauptwall, den der herabströmende Regen schlüpfrig und ungleich gemacht hatte. Rodrich rückte indess mit der Cavallerie nach dem Tore zu. Noch war alles still. Die Bataillons drangen schweigend herauf, einzelne Posten wurden geräuschlos niedergemacht. Plötzlich fiel ein Schuss, dann noch einer, man hörte wild durch einander rufen, der Lärm nahm zu. Rodrich trabte mutig heran, indem wurde das Tor gesprengt, die Cavallerie fuhr wie ein Blitz hinein, durch die Strassen hin, und hieb nieder, was sich widersetzte, indess die schwache Besatzung am Tore geworfen, und der Posten von der Infanterie genommen wurde. Bald darauf folgte die zweite und dritte Division. Der Tumult in den Strassen war furchtbar, alles drängte nach der Hauptwache. Hier begann ein neuer, verzweifelter Kampf. Viele mussten bluten, ehe der Platz gewonnen war; Stephano traf ein Schuss durch die rechte Schulter, er sank ohnmächtig nieder, und sah nicht, wie die Seinen endlich siegten und alles in ihre Gewalt kam. Eine augenblickliche, zweifelhafte Stille folgte auf den schauderhaften Lärm. Die geängsteten Bewohner lauschten furchtsam in den dunkelsten Winkeln ihrer Häuser, die Ordnung schien indess hergestellt, man wagte hin und her ein Licht anzuzünden, und sah beruhigt auf die überstandne Gefahr, da flog mit einemmal der losgelassne Schwarm über tote und Verwundete an die verschlossenen Türen. Riegel und Bollwerk mussten der Gewalt weichen, und wo dies nicht glückte, da sprangen die Fenster klirrend auseinander, und öffneten den Eindringenden so den Zugang. Alle Schranken zerfielen, die freigegebene Plünderung trieb Laster und freche Begier über sich selbst hinaus. Das Geheul der Misshandelten rang schneidend mit dem wilden Geschrei des Üebermutes. Jedes Band der Menschheit schien sich in dem Augenblicke zu lösen. Der zitternde Bürger musste den Widerstand der Festung büssen. Frohlockend schwelgten Alt und Jung in dem mühsam errungenen, wohlgeordneten Hausrat, auch das Liebste zerbrach in den rohen Händen; Ehre, Glück, frohe Zukunft, alles, alles, befleckte, zertrümmerte die wilde Wut. Rodrich ging mit empörtem Herzen an dem Lärme vorüber. Er war durch und durch erschüttert, zerrissen, so nahe war ihm die ruchlose Willkühr nie getreten, Sitte und Gesetz hatten bis dahin das Gemeinste von ihm abgehalten. Er erschrack vor dem Tierischen im Menschen, und als habe er sich selbst in jener unverhüllten Niedrigkeit erkannt, so ängstlich suchte er sich in einem edlern, höhern Sinne wiederzufinden. Er bemühte sich vergebens, Stephano zu entdecken, den er unter den Verwundeten wusste. Man sagte ihm endlich, viele derselben seien gleich in die nächste Kirche getragen, um sie vor den Gefahren des ausbrechenden Tumultes zu sichern. Er eilte sogleich dahin. Die hohen, dunkeln Pforten standen weit offen, auf der Schwelle lagen Gewehre, blutige Kleider, Stroh, überall Spuren allgemeiner Zerstörung. Aus dem Hintergrunde dämmerte ein mattes Licht. Rodrich schritt nachdenkend durch die gewölbten Gänge; allein das Gestöhn der Kranken riss ihn bald aus seinen Träumen. Er nahm die Laterne, die das Bild der Auferstehung Christi flackernd erhellte, vom Hochaltar, und ging suchend umher. Stephano lag in einer Ecke, den Kopf auf einen reich beschlagenen Sarg gestützt. Die kalten Steine, der schneidende Zugwind, und sein starker Blutverlust hatten sein Übel schlimmer gemacht. Rodrich bedeckte ihn sogleich mit seinem Mantel, und eilte, alles Stroh herbeizuschaffen, um ihn weicher zu betten, bis anderweitige hülfe möglich war. Beim hin und her gehen bemerkte er ein seltsames Rauschen, als spiele der Wind mit einem seidnen Gewande. Er blieb einen Augenblick stehen, das anmutige Flüstern schien ihm ganz nahe, er bog sich hinter einen Pfeiler, und entdeckte den Eingang zu einer kleinen Kapelle