die Folgen ziehen uns dann unvermeidlich mit sich fort. Ich drückte ihm schweigend die Hand. Seine Philosophie war freilich ziemlich leicht, indess mochte sie ihm für den Augenblick wohltun, und ich konnte ihm das gönnen. Die Gräfin war indess zurück gekommen; sie versicherte, Rosalie sei besonnen und ruhig erwacht, spreche zusammenhängend und scheine gerührt bei jeder ihr bezeigten Aufmerksamkeit, nur leide sie nicht, dass man sie zu Bett bringe, aus Furcht etwas anzuzünden, so sitze sie auch ganz frei, mitten im Zimmer, mit unbedecktem Haupt und offner Stirn. Seraphine drang jetzt auf Ludowikos Abreise, da der Zustand der Kranken mehr bleibend als gefährlich zu sein schiene; allein er war durch nichts dahin zu bringen. Allen unsern Gründen setzte er die schmeichelndsten Bitten entgegen, und wirklich hat er es durchgesetzt, bis zu dieser Stunde verborgen im schloss zu bleiben. So leben wir denn alle Vier, ein ganz eigenes von der übrigen Welt losgerissenes Leben, indem sich jeder mehr oder weniger in die schwankenden Vorstellungen des Andern verliert, oder die Bilder eignen Wahnsinns ausser sich zu sehen glaubt. Rosalie spricht mit vieler Ruhe von dem letzten Ereigniss. Sie sagt, nun ängste sie nichts mehr, da alles eingetroffen sei, wie sie es unter tausend Quaalen geahnet habe. Dies sei der letzte Schlag des Schicksals, den sie hätte herbei führen müssen. Nun sei es wahr geworden, und sie büsse gern und willig. Diese Flamme reinige auch die Seele ihres Bruders von Hass und Rache, und Ludowiko sei in dem Augenblick ein Engel geworden, der immer um sie bleiben und sie trösten dürfe. Es ist unbeschreiblich, welche Gewalt ihre Worte über uns ausüben. Ludowiko, der die meiste Zeit von ihr ungesehen, verborgen im Zimmer weilt, lebt und atmet nur in dem Zauber ihrer stimme. Oft sitzen wir die dunkeln Abende so neben einander, und begleiten ihr Lieblingslied mit tiefer Rührung. Es klingt recht wehmütig, wenn sie mit der matten, kranken stimme singt:
Die bangen Stunden winden
Sich langsam auf und ab.
Tod, soll ich nie dich finden?
Bleibst mir verschlossen, Grab?
Ich sehe' des Tages Neigen,
Ich sehe' der Nächte Lauf,
Verworrne Bilder steigen
Aus mattem Streit herauf.
Der Kindheit fromme Spiele,
Der Jugend banges Fleh'n,
Ach! und der Leiden viele
Muss ich nun kommen sehe'n.
Zieh still an mir vorüber,
Du süsse Kinderwelt!
Mein blick reicht nicht hinüber,
In jenes bunte Feld.
Verhüll' in dunkle Schleier
Dein Hoffen, armes Herz,
Der Jugend Liebesfeuer
Erblich in dumpfem Schmerz.
Doch ihr nahmt mich gefangen
Ihr droh'nde Schatten dort,
Nach euch trag' ich Verlangen,
Reisst mich umschlingend fort.
Nun steht das Grab mir offen,
Nun winkt der Tod herbei,
Und all mein süsses Hoffen,
Giebst du mir sterbend frei.
Neulich unterbrach sie sich selbst, und meinte, Ludowikos stimme deutlich gehört zu haben. Es ist mir oft schauerlich, wie Wahrheit und Täuschung hier so in einander spielen, dass wir selbst nicht wissen, was das Rechte sei. übrigens ist ihr Lied prophetisch, denn sie neigt sichtlich dem grab entgegen, und erblickte sie Ludowiko ein zweites mal, so würde das sicher ihr letzter Augenblick sein. Er fühlt das auch, und gibt sich mit einer Art phantastischem Wohlbehagen ihren Träumen hin, in denen er sich selbst gereinigt und verklärt erscheint.
Ich kann nicht sagen, mit welcher sehnsucht mich diese geheimnissvolle, dunkle Liebe erfüllt! Ich beneide Ludowikos los, und muss oft stundenlang zu Seraphinens Füssen weinen. Zuweilen ist mir, als wären wir Alle Schatten einer andern Welt, und ich betrachte mich und die Andern mit Bangigkeit. Wollte Gott, es wäre so! allein Elwire, die jetzt öfter zu uns herüber schweift, reisst unsre ideale, kleine Welt mit Gewalt in die wirkliche hinein. Es ist sichtlich, dass die Begier, etwas Näheres über die letzten Vorfälle zu erfahren, sie hieher lockt; indess kehrt sie jedesmal unbefriedigt zurück. Sie ist wie ein Kind, und neckt und schwatzt und quält uns oft bis zur Ermüdung. Besonders drängt sie mich, sie nach der Hauptstadt zu begleiten, von der sie, nach Kinder Art, alles in einander vermengend, erzählt. Miranda schweigt ganz. Elwire lacht zweideutig, so oft man nach ihr fragt, und meint, es würden bald grosse Dinge geschehen. Niemand wird aus ihr klug.
Ach, mein Rodrich, könntest du hier sein! Ich darf das vielleicht deinetwegen nicht wünschen, du bist wohl auf deine Weise glücklich. O sage mir bald, wie dir's ergeht, und ob du meiner noch mit Liebe gedenkst. Ewig der Deine. F l o r i o ."
Rodrich ward, wie mit einem Zauberschlage, zu jenen verworrnen Auftritten hingezogen. Die frühesten Regungen seines erwachenden Daseis, sein dunkler Eintritt in die Welt, der trotzige Unmut, das wechselnde Glück, der Graf, Seraphine, Rosalie, all jene Lichtblicke, die in sein Inneres fielen, flossen jetzt in dem Schmerz über die früh getrübte Herrlichkeit zusammen. Er konnte es sich nicht ableugnen, er dankte jenen beiden weiblichen Wesen die süssesten Ahnungen. Was er jetzt für Miranda fühlte, war anders, in manchen Augenblicken heiliger, und doch wieder mit einer ängstigenden Unbestimmteit vermischt. Überall war sein Denken und Fühlen so schwankend und zerstückt, dass er eine Scheu hatte, in sich selbst zurück