man sei auch so sehr an diese nächtliche Wallfahrt gewöhnt, dass niemand weiter darauf geachtet habe. Nur heute müsse etwas Ausserordentliches vorgefallen sein, was sie so heftig bewege. Sie lag noch immer starr und bewusstlos vor uns da, der Ausdruck gewaltsamer innerer Erschütterung in den gespannten Zügen, die Todtenblässe, das feuchte anschmiegende Gewand, der reiche Schmuck, alles gab ihr ein so ängstlich widersprechendes Ansehen, dass ich nur mit heimlichem Grausen meine Blicke auf sie richtete. Seraphine glaubte indess, der rauhen Witterung diesen Unfall allein zuschreiben zu müssen, und hoffte getrost von den angewandten Mitteln die sicherste wirkung. Ihr Mut belebte uns alle, wir waren noch um sie beschäftigt, als ein Fremder die Gräfin allein zu sprechen verlangte. – Wie eine dunkle Ahnung flog es hier über Seraphinens Gesicht, sie wandte sich verlegen zu mir, und bat mich, sie zu begleiten. Wir gingen schweigend in ein abgelegenes Zimmer. Ich setzte das Licht, das diese unerwartete Erscheinung beleuchten sollte, mit einem Gemisch von Angst und Neugier in den Hintergrund, und sah unverwandt nach der gegenüber stehenden Tür. Die Gräfin warf sich unruhig in einen Sessel, und schien neuen Schrecken mit erschöpfter Kraft entgegen zu sehen. So blieben wir mehrere Augenblicke, als sich endlich die Tür öffnete, und ein schlanker, schöner Mann zu Seraphinens Füssen stürzte. Ludowiko! schrie diese, und verhüllte mit Entsetzen das Gesicht. Haben Sie mir auch geflucht? fragte er mit einer überaus einschmeichelnden biegsamen stimme. Können Sie ein Herz verdammen, fuhr er fort, das so unwillkührlich erkaltete, als es einst entbrannte? und fühlen Sie nicht, dass dieser einzige Missgriff mein ganzes Leben verwirrt? Was führt Sie hieher? unterbrach ihn Seraphine unwillig. Sind Sie Bösewicht genug, hier einen Triumph zu suchen? Wollten Sie noch mit den abgerissenen Blüten spielen? oder gelüstete es Sie, zu sehen, wie ein treues Herz unter Ihren weltklugen Künsteleien zerbrach? Ich bin kein Bösewicht, sagte Ludowiko sanft. Sie zerreissen mein Herz in einem Augenblick, wo ich Trost bei Ihnen suche. Trost? – wiederholte die Gräfin. – O mein Gott, fiel er schnell ein, es ist jetzt nicht Zeit zu untersuchen, ob ich ein Recht darauf habe, sagen Sie mir nur, ob sie lebt? und ob ihr Zustand immer so ist, wie ich sie heute fand? Sie haben sie also gesehen? fragte Seraphine, der nun alles klar ward. Ewiger Gott, erwiderte Ludowiko, der Tod hat mich in ihren Armen gefasst, und alle gespenstische Schauer rissen mich aus meinem Träumen ihrem Wahnsinne nach! Seraphinens Blicke lagen noch immer forschend auf den seinigen, und er fuhr fort: ich kam auf Rosaliens dringenden Ruf hieher. Ein Brief, den ich auf eine seltsam geheime Weise in meinem Zimmer fand, zog mich unwiderstehlich zu ihr hin. Ich war so weit entfernt, ihre Zerrüttung zu ahnen, dass ich in dem Unzusammenhängenden und Phantastischen ihrer Einladung, nur die stimme lange bekämpfter leidenschaft erkannte. Ich trotzte den Gefahren der Verbannung und kam unerkannt zu dem stillen grab, das sie zum Ort unseres Wiedersehens festgesetzt hatte. – Sie trat mir entgegen, ihr Anblick griff wie glühende Zangen in mein Inneres. Unwillkührlich schloss ich sie in meine arme. Sie liess es still geschehen, plötzlich wand sie sich los, und mit einem Schrei des Entsetzens rief sie: Fernando, dein Kuss brennt wie eine dreizackige Flamme auf der Stirn der Sünderin. Ich bemühete mich vergebens, sie zu beruhigen, sie stiess mich von sich, ihr wilder blick flog unstät umher, und als jagten sie alle Furien der Hölle, so lief sie plötzlich vor mir her. Ich hatte sie bald aus dem gesicht verloren, und irrte in tödtlicher Angst um das Haus, ohne mich gleichwohl hinein zu wagen, als ich endlich Ihre stimme, liebste Seraphine, vernahm, und nun beschwöre ich Sie, wenn noch eine menschliche Regung für einen Unglücklichen sprechen kann, sagen Sie mir, was ist aus ihr geworden? Die Gräfin war tief erschüttert. Lieber Himmel, sagte sie, wer darf mit dem Andern rechten! Ich beklage Sie von ganzer Seele. Wenn Sie noch irgend eine anhänglichkeit für die Unglückliche erhielten, so werden Sie viel leiden. Rosaliens Wahnsinn hat durch Ihre Erscheinung nur eine andre Richtung genommen, sie gehörte sich längst nicht mehr an. Die Drohung ihres Bruders, und die unbezwingliche leidenschaft für Sie, wogten ringend in ihr auf und ab, und entzündeten allmählich ihr Gehirn. Sie kann nur der Tod retten. Ludowiko weinte still, seine Liebe schien gewaltsam erweckt zu sein. Die Gräfin versprach ihm Nachricht zu bringen, und liess uns allein. Ich hatte nicht den Mut, seinen stummen Schmerz durch eine unzeitige Anrede zu unterbrechen. Diese schwachen, beweglichen Gemüter haben bei allen dem einen eignen Reiz. Ihr willenloses Hingeben ist selten ohne Liebenswürdigkeit, und wie viel Unheil sie auch anrichten, man kann ihnen nicht feind sein. Ich empfand wirklich eine zärtliche Teilnahme für den schönen bekümmerten Mann, und schloss ihn ohne ein Wort zu sagen an mein Herz. Er verstand mein Gefühl, und schmiegte sich so vertrauend an mich, als wolle er sein ganzes Innres in meinen Busen ausschütten. – Ach Gott, sagte er nach einer Weile, ich erscheine wohl als ein grosser Sünder, und doch bin ich gewiss nicht ganz schlimm. Das kommt und geht so mit unsern Gefühlen, ohne dass man es wehren kann, und