wie die Armee, auf eine Entscheidung gehofft. Unbedeutende Plätze waren in ihrer Gewalt, während die Hauptfestung, der eigentliche Schlüssel des Landes, den kühnsten Widerstand leistete, und alles weitere Vordringen unmöglich machte. Rodrich konnte die ruhigen Maassregeln des Generals nicht begreifen, und tadelte sie um so strenger, je weniger Berührungspunkte zwischen ihrer beider Ansichten statt fanden, und je sorgsamer der erfahrne Krieger sich in sich selbst zurück zog. In dieser finstern Stimmung erhielt er einen Brief von Florio, der ihn, wie ein milder Frühlingshauch anwehend, einen Augenblick mit der Welt versöhnte. Sein Herz öffnete sich recht eigentlich, während er folgende Worte las.
"Mein Rodrich, warum kann ich nicht bei dir sein? warum halten mich Bande, die ich gern anerkennen und selbst um den Preis deiner Umarmung nicht lösen möchte? Sage mir, wie kann der Mensch so widersprechend und doch wieder so einig und beruhigend fühlen? In manchen Augenblicken überfällt mich eine sehnsucht nach dir, die oft zur peinlichsten Unruhe anschwillt, allein ich möchte dich eher in unserer Mitte wissen, als dort in dem verworrenen Getümmel aufsuchen. Es ist viel anders in mir geworden. Die Welt lockt und reizt mich nicht mehr wie sonst. Ich habe es nie geglaubt, dass man den Schmerz so lieben, und sich mit den schauerlichsten Erscheinungen befreunden könnte. Es soll nicht gut sein, sich der Wehmut und allen süssern Regungen des Herzens so ohne Widerstand hinzugeben, als wolle man sich in dem wonnigen Meere auflösen. Es ist wohl möglich, und ich glaube sogar, dass man aus diesen Träumen mit matten Widerstreben zu den kreisenden Bewegungen des Lebens erwacht, aber ich kann dir nicht beschreiben, wie heilig und still alles in dieser Einsamkeit atmet, und mit welcher seltsamen Bangigkeit ich jeden Ruf naher Weltereignisse vernehme! Wie ein feiges Kind möchte ich mir die Ohren verstopfen, um nichts von allem, was draussen vorgeht, zu hören. Ja, ich kann sagen, mir schlägt das Herz vor Angst, wenn ich denke, dass man deinen Nahmen ausserhalb dieses abgeschlossenen Kreises nennt. Wärst du nur hier! Ich kann meine kindischen Sorgen durch nichts rechtfertigen, und doch, könnte ich dich mit mir in diese Dunkelheit vergraben, uns wäre wohl allen besser. Wüsstest du indess, wie wir hier leben, wie Schmerz und Wahnsinn mit allen winterlichen Schauern, unsre öden Tage erfüllen, wie nur taube Blüten kranker Phantasie unsre einförmigen gespräche dann und wann anregen, und selten ein Sonnenblick über uns hinzieht, du würdest nicht begreifen, wie man solche Umgebungen lieben, wie man in ihnen frei atmen könne. Und doch ist es so. Seit dem tod des Grafen sind wir zu Rosalien gegangen, die uns ungern und mit sichtbarer Scheu aufnahm. Ihr Anblick überraschte mich schmerzlich. Die hagre, erloschne Gestalt umhüllte ein langer schwarzer Schleier, der ihr Stirn und Augen bedeckte, unter demselben sah ein frischer Myrtenkranz wie zum Spott auf ihr bleiches Gesicht herab. So lag sie unter einem grossen Bilde ihrer Mutter, zu deren Füssen sie und Fernando als Kinder spielen. Der Knabe steht in einer nachdenklichen Stellung, über einen sprudelnden Quell gebeugt, in welchem er, wie im Anschauen verloren, einzelne Rosen fallen lässt; Rosalie hat sich halb gewandt, und indem sie das volle Lockenköpfchen zu ihm neigt, deutet sie auf die verstreuten Rosen. Die Mutter sieht mit unendlicher Liebe auf beide herab, und als könnte ihr blick nicht ohne den ihrigen leben, so spiegelt sich das himmlische Gesicht auf den Fluten, und dringt aus der Tiefe zu ihnen herauf. Dies volle, beginnende Dasein im Bilde, alle die frohen Hoffnungen, die dazu berechtigten, und vor mir die welken Blüten! Mein Herz zerriss in dem schneidenden Widerspruch. Ich fühlte mich beklommen, und konnte kein Wort hervorbringen, um mein erscheinen mit der Gräfin zu rechtfertigen. Sie sah uns lange mit unsichern Blicken an, dann winkte sie, und sagte: man solle ihre stille Freuden nicht auf's neue trüben. Seraphine, deren Wunden heftiger als je bluteten, warf sich vor ihr nieder, und beschwor sie, ihrem heiligen Schmerz hier eine Freistatt zu gönnen. Sie schien gerührt, und liess es geschehen, dass wir blieben. Doch sprach sie weiter nicht, und wir sahen sie nachdem nur selten. Mich ängstete diese Abgeschlossenheit, allein die Gräfin schien wenig empfindlich dagegen, und die Tage verflossen, ohne dass einer den andern erfreuete, oder störte. Eines Abends, als ich in einem Cabinet, das Seraphine bewohnte, mit ihr vor dem Kamine sass, der das kleine Gemach halb dämmernd erhellte, öffnete sich die Tür, und ehe wir noch Zeit hatten, uns zu besinnen, trat Rosalie mit zurück geworfnem Schleier, im bräutlichen Schmuck vor uns hin. Ihre Augen rollten wild umher; das Haar von Regen und Sturm aufgelöst, ringelte sich um Hals und Brust, sie deutete auf die Stirn, und sagte mit furchtbarer stimme: seht ihr die Flamme, die nun hell brennt? Sie schlug die hände heftig zusammen, und fiel unter wiederholten Zuckungen ohnmächtig in meine arme. Seraphine rief mit ihrem gewohnten Mut ohne Weiteres um hülfe. Auf ihr wiederholtes Nachfragen erfuhren wir, dass die Kranke jeden Abend, um dieselbe Stunde, in dem nämlichen Aufzuge, nach dem grab ihrer Mutter gehe, und jedesmal still und betrübt wiederkehre. Der Arzt, den man davon benachrichtigte, befahl, ihr kein Hinderniss in den Weg zu legen, und