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was überall ist, oder nirgend. Dieselbe wiederkehrende Unzufriedenheit sagte ihm, dass dies die eigentlich bleibende Stimmung seines Geistes und eine Folge erkannter Täuschungen sei. Er glaubte tiefere Blicke als jemals über die Nichtigkeit menschlicher Strebungen getan zu haben, da nichts die innre sehnsucht stille, sondern den gläubigen Mut zerreisse und erdrücke. Was haben nun, fragte er sich oft im bittern Unmut, die unzähligen Opfer, der grosse Aufwand von Kräften, alle die äussern und inneren Erschütterungen bewirkt? In kurzem ist es vergessen, die neue Gestaltung wird eben so spurlos von einer neuern verdrängt, und während das kreisende Rad sich unaufhaltsam dreht, glauben wir töricht den Augenblick zu fesseln. Tausende haben dasselbe vor mir gewusst und empfunden, und doch arbeitet sich jeder auf seine Weise ab, und wenn er die mühselige Bahn durchlaufen ist, so wundert er sich, auf demselben Punkte zu stehen, von wo er ausging. Rodrich konnte aus den Widersprüchen nicht heraus, in denen er sich und die Welt gefangen sah. Das innere Drängen und Treiben und jene Verachtung menschlicher Tätigkeit, zerrissen ihn auf eine Weise, dass er in jedem Augenblick in Ungewissheit über sich selbst geriet. Seraphinens Worte: er sei weder unbefangen genug, um heiter, noch fest genug, um ruhig in der Welt zu leben, fielen ihm wohl zuweilen ein, indess glaubte er auch in der Gräfin etwas Gezwungenes, Systemartiges zu erkennen. Es kam ihm vor, als wolle sie mit Gewalt die anraisonnirte Heiterkeit, auf Kosten eigner, unangenehmer Gefühle oben auf spielen lassen, während Missmut und Widerwille sie im inneren folterten. Die kleinen Spielereien, die ihrem Leben den frischen Glanz liehen, schienen ihm künstliche Behelfe, eine Unbefangenheit geltend zu machen, die längst dem Lichte reflektirender Betrachtungen weichen musste. Überhaupt kam es ihm vor, als habe der Verstand alle eigentliche Originalität verwischt, und jedem nur ein Kleidchen aufgehängt, wie es sich gerade für Lage und Verhältnisse passen wolle. Die Menschen, meinte er, dächten im grund ziemlich einerlei, das heisst, an sich selbst. Über diese Sphäre gehe selten etwas hinaus, wie sich die Eitelkeit auch hinter bescheidner Selbstverläugnung verstecke. Er musste lachen, wenn er seines frühern Entusiasmus, der glühenden Bewundrung einzelner, grosser Erscheinungen, und all' der tausend Irrlichter gedachte, die den kindlich gläubigen Sinn blenden. Am wenigsten begriff er, wie Stephano, dessen Ansehen längst bei ihm gesunken war, diesen entscheidenden Eindruck auf ihn machen konnte. Er glaubte ihn jetzt ganz zu verstehen, um so mehr, da ihre gegenseitigen Neigungen, Ansichten und Gefühle, unaufhörlich einander begegneten, und Stephano nur da zu sein schien, um durch stäte Reibung, alle saiten in Rodrichs Seele zu berühren, und die verstecktesten Töne hervor zu rufen. Dies unwillkührliche Ergreisen, diese Ähnlichkeit, die keinesweges Gleichheit war, und dennoch jenes schauerliche erkennen in fremder Gestalt, drängte beide Freunde aus einander. Rodrich wandte sich ohne Schmerz von ihm ab. Er hatte etwas Ausserordentliches erwartet, lange die auffallenden Widersprüche wie geheimnissvolle Rätsel, mystische Anklänge einer unbegreiflich hohen natur angestaunt, jetzt entdeckte er kleinliche Regungen, die auch seine Brust anfüllten, und verzieh es ihm um so weniger, sich vor einer Überlegenheit gedemütigt zu haben, die nur die Beschränkteit eines kleinen Kreises dafür erkannte. Stephano liess es geschehen, ohne sonderliche Empfindlichkeit zu äussern. Rodrichs Freundschaft war ihm nie Zweck gewesen. Er empfand leicht ein bestechliches Wohlwollen für Menschen, die sich ihm anneigten, und versuchte dann ungesäumt, sie in seine Pläne hinüber zu ziehen. Wenige verstanden ihn, und auch diese Wenigen liess er durch inkonsequente Maassregeln erkalten. Rodrichs Abfall kam ihm nicht unerwartet. Er beschwichtigte das verletzte Gefühl mit einer Verstandesformel, und hing dem grossen Hauptgedanken seines Lebens mit gereizter Leidenschaftlichkeit nach. Es galt nichts weniger, als dem launenhaften Schicksal zum Trotz, sein abgerissenes, zweideutiges Dasein zu begründen, und die dunkle Hälfte desselben, durch einen gewichtigen Schlag zu überstrahlen. Es war nie klar in ihm geworden, was er eigentlich wollte und vermochte. Einzelne grosse begebenheiten fuhren wie Blitze durch sein Inneres, und drängten ihn verworren nach allen Richtungen. Mit einer unglaublichen Leichtigkeit jede äussere Anregung aufzufassen, arbeitete er sich innerlich bis zur Erschöpfung ab, ohne etwas Grosses zu leisten. Mut und Wille zerbrachen leicht an den gewöhnlichen Widersprüchen des Lebens, indess erschien er in solchen Krisen originell, kräftig, und oft sogar mit einer gewissen Verstandes-Konsequenz, die leicht imponirt, und der Welt die demütigende Klage auspresste: dass es eine Schmach sei, diesen gewaltigen Geist in den gemeinen Umgebungen verschmachten zu lassen. Stephano sagte dasselbe, freilich etwas bescheidner, allein die einmal gefasste Verachtung aller hergebrachten, gesetzlichen Verhältnisse, die unwillkührlich ein Fussschemel eigner Erhöhung wird, rechtfertigte genugsam das Misslingen seiner häufig geänderten Pläne. Was in Rodrich wie ein ungestümes Meer brauste, und ihn mit zerschmetternder Gewalt an die Brandung empörter Wünsche trieb, das hatte in ihm eine dürftige Phantasie und ein überlegner Verstand zu einem systemartigen Bau aufgetürmt, über den die ältere Erfahrung einen Schein von Weisheit ausgoss. Dieser Schein indess war es, der Rodrich mehr als alles verletzte. Er vermengte ganz natürliche Folgen mit absichtlicher Heuchelei, und während er das Unrecht zu bestrafen meinte, wandte er sich von einer Ruhe, die ihm seine eigne Heftigkeit vorwarf.

So war ihm ein teil des Winters unter feindseligen Kämpfen verflossen, die das Langweilige und Freudenlose seiner Lage nur noch mehr erhöheten. Vergebens hatte er, so