zu, sogar die an einander gewöhnten Pferde wieherten sich lustig entgegen. Doch bald ging es still und eilig vorwärts. Rodrichs Herz klopfte jetzt zum erstenmal heftiger. Man hörte stark feuern, des Grafen Blicke flogen nach dem Gebürge hin. Dampf und Rauch hüllten sie in dichte Nebel. Vor und hinter ihnen wimmelte es von heranrückenden Regimentern. Rodrich verlor sich immer mehr in die grossen Erscheinungen. Indem ward das Feuer schwächer, als zöge es sich weiter hin, und sie sahen Stephano heransprengen, der ihnen zurief: die Pässe sind frei, die Höhen genommen, der Feind ist geworfen, aufgerieben, doch rechts wälzt es sich wie ein Gewitter heran. Vorwärts, vorwärts, rief der Graf, und alles drang in schneller Ordnung vor. Bald zogen sie zwischen den Gebürgen an Leichen und Verwundeten vorüber. Des Grafen Pferd stutzte und bäumte sich bei dem blutigen Anblick, auf Rodrichs Lippen schwebten jene Worte:
Halt an die Zügel, halt an, um Gott,
Sieh vor dir die toten-Gebeine.
Der alte, unerschrockne Held gab indess dem Pferde unwillig die Spornen, und sie gelangten schnell in die weite unabsehbare Ebne, die sich nun vor ihnen hindehnte. Die Sonne drang am dunkeln Saum des Horizontes herauf, über der Erde schwebte und flimmerte es, wie tausend Luftgestalten, die ein klarer Morgen verjagte, die Trommeln schallten dumpf durch die tiefe Stille, die Infanterie marschirte auf, hell glänzten die polirten Bajonette. Die weissen Federbüsche der Cavallerie wogten wie ein bewegtes Meer im frischen Morgenwinde, alles stand in fester, geschlossener Ordnung zum Kampfe bereit, während ein feindliches Corps wild und verzweifelnd heranstürmte. Da schmetterten die Trompeten, wie Ein Leib bewegte sich die dichte Schaar. Sie stürzten auf einander ein; der Sieg war leicht, der Widerstand schwach, doch bald drängten sich die Haufen immer dichter und dichter heran. Rodrich sah alle Kräfte in einem furchtbaren Momente gegen einander aufsteigen. Der alte heilige Schooss der Erde bebte, und nahm die kreisenden Kugeln mit dumpfem Gestöhne auf, um und neben ihm sank ein blühendes Leben nach dem andern, schwarze Rauchsäulen drängten sich zum Himmel und hüllten die blutigen Gestalten in schattige Wolken, das lichte Gewölbe über ihm war umzogen, die Erde mit Blut und Leichen bedeckt. Unheimlich und beengend trat die grause Wirklichkeit vor Rodrich hin. Wie gebannt musste er neben dem Grafen halten, der von einer Anhöhe das Ganze scharf und ernst betrachtete. Der Sieg blieb eine Zeitlang ungewiss, Not und Verzweiflung gaben dem Feinde ungewöhnliche Kräfte. Rodrich sah das, und kämpfte mit der stechenden inneren Ungeduld und dem äussern Unvermögen, etwas Entscheidendes zu unternehmen. Jetzt, sagte der Graf, ist es Zeit. Die brennende Mittagssonne strahlt dem ermatteten Feinde entgegen, indess wir, frisch und stark, ihr den rücken zuwenden. Er eilte voran und sandte Rodrich, seinem fast umringten Regimente Unterstützung herbei zu führen. Wie eine Flamme riss dieser die Schaaren mit sich fort, durchdrang die Reihen, entwand einem gefallnen, sterbenden Jüngling die Standarte, und stürzte mit den jubelnden Reitern in die dichtesten Haufen. Bald darauf sah man den Feind wanken, die Reihen waren durchbrochen, die Ordnung nicht wieder herzustellen, die wilde Flut, Gesetz und Maass überspringend, rann unaufhaltsam aus einander. Mehrere Stunden wurden sie verfolgt, viele gefangen und getödtet, die Meisten retteten sich durch ungezügelte Flucht. Endlich ward alles still, die wachsende Schlachtwut tobte nur noch im inneren der aufgeregten Gemüter. Bald lagerten sich die siegreichen Truppen auf einem frischen Anger, den Dörfer und klare Bäche durchschnitten. Rodrich hatte indess mit steigender Angst den Grafen vergeblich aufgesucht. Auch Stephano fehlte. Er eilte unzähligen toten und Verwundeten vorüber, zitternd, in jedem einen dieser Geliebten zu erkennen. Seine Unruhe ward bald allgemein gefühlt, tausend kreuzende Gerüchte, wo man den Grafen zuletzt gesehen und gesprochen haben wollte, verwirrten nur die Meinungen und erhöheten die laut geäusserten Sorgen. Der Abend brach unter ängstlichen Nachforschungen herein, da sah Rodrich aus der Ferne drei Gestalten langsam zu Pferde herannahen. Er eilte ihnen entgegen, und erkannte, im trüben Dämmerlichte, den schwer verwundeten Grafen, von Stephano und einem Diener unterstützt. Zusammengesunken, mit schlaffen herabhangenden Armen, liess er sich fast bewusstlos von demselben Pferde schleichend forttragen, das sonst nur in raschen Sprüngen mit ihm über die blühende Erde hinflog. Rodrich weinte laut, als ihn der Tod aus den edlen Zügen so bleich und zerstörend anblickte. Er umfasste den geliebten Kranken und wollte ihn still und behutsam in eine nahe gelegene Hütte tragen, allein der Graf verlangte in gebrochnen Tönen nach einem Zelte bei seinen Reitern gebracht zu werden. Stephano eilte voran, die nötigen Anstalten zu treffen, und die Andern zogen schweigend an den bestürzten Regimentern vorüber, die den geliebten Feldherrn mit stummer Ehrfurcht begrüssten. Als sie nun aber vor dem Zelte anlangten, und der Graf in einem rückkehrenden Lebensblitz seine wackeren Kampfgenossen anredete, und sich und ihnen Glück zu dem wohlerfochtenen Siege wünschte, da hielt sich keiner länger; tausend Tränen flossen, Aller Herzen ergossen sich in Klagen über das teure Opfer, das nun so blutend vor ihnen lag. Die alten Krieger drängten sich um ihn her, sie wollten noch einmal in das sterbende Auge blicken, das ihnen so oft Ehre und Sieg verhiess. Er grüsste Alle mit erschöpfender Anstrengung, und wurde dann eilig von herzueilenden Ärzten auf ein bequemes Lager gebracht. Rodrich harrte am Eingange des Zeltes in dumpfer Erstarrung auf den entscheidenden Ausspruch des