mehreren Märschen mussten sie indess das Regiment verlassen, um die wechselnden Hauptquartiere schicklich und passend wählen zu können. Es ward nun immer reicher, vollwichtiger um sie her. Im buntesten Gewühl fremder und doch innig verbundener Gemüter, in der wilden Lustigkeit und dem Ernste anstrengender Beratschlagungen, in dem Zusammenklang alles dessen, was den Soldaten ausmacht, dehnte sich Rodrichs Seele, die Schranken traten immer weiter und weiter zurück, er umfasste die Weltgeschichte, in dem lauten, ans Herz dringenden Ruf der Gegenwart. Was längst gewesen, ward ihm wieder neu. Die nie verschollnen Nahmen ewiger Helden erklangen in seiner Brust, der allmächtige Geist hob sich, und trat die nichtigen Wünsche nieder. Was seine Blicke bis jetzt wie Irrlichter verlockt, die schwankenden Vorstellungen unsichrer Grösse, drängten sich hier in einen gewichtigen Gedanken zusammen. Das Leben fasste ihn recht herzhaft an, und er begegnete der wohltuenden Erschütterung mit wachsender Kraft. Überall fühlte er sich wohl, überall blitzten ihm die versprüheten Funken göttlicher Herrlichkeit entgegen, die hier in einer Flamme aufloderten. Er lernte die Welt wieder lieben, die er nie recht kannte, am wenigsten, wenn er sie aus dem gesicht verlierend, sich selbst überflog. Es sah ihn alles so gross, so neu, wie aus langem Schlaf erwacht, mit frischen, lebendigen Augen an. Alle Klagen über gesunkene Welterrlichkeit erkannte er als erste Regung des Erwachens. Er glaubte einzusehen, wie das tiefe, bis zum Schmerz beschämender Erniedrigung empfundene Bedürfniss grosser Wirksamkeit, die Tat notwendig herbei führen müsse, und wie der Geist nie lange in der Hülle schmachte, ohne sie zu sprengen und gewaltsam zu fodern, was ihm werden muss, sobald er es will.
Noch war er nie so bleibend ruhig in sich selbst, so versöhnlich mit der Welt, so zuversichtlich und heiter gewesen, als in den stillen Abenden, die er mit Stephano allein bei dem Grafen zubrachte. Alles, bis auf die unbedeutenden Beschränkungen äusserer Bequemlichkeit, erinnerte sie an das erwünschte Ziel, dem sie mit jedem Tage näher rückten. Der Graf schürte die Flamme noch mehr an, indem er sich selbst wohltätig erwärmte, und seine Pläne an dem stillen, inneren Lichte reisen liess.
So waren sie über die Grenzen, dem überraschten Feinde entgegen, in sein eigenes Gebiet gerückt. Kaum hatte dieser so viel Zeit gewonnen, sich vor die Festungen zu werfen, und das Innere des Landes mit allen Kräften überwiegender Macht, und allen Vorteilen wohlgelegener, stark befestigter Plätze zu sichern. Der Graf sah mit Freuden, wie sein Gegner, immer stärker und stärker gegen seinen rechten Flügel anrückend, einen Hauptangriff von dieser Seite zu erwarten schien, indess er sich links nur schwach gegen das Gebirge lehnte, das sich hier stark erhebend, weiteres Vordringen unwahrscheinlich machte. Auch rechtfertigten des Grafen Bewegungen diese Maassregeln eine Zeit lang, und die Armee selbst glaubte, dass hier der Schlag fallen müsse, bis er durch eine geschickte Stellung den Kern der Truppen plötzlich links wandte, während leichte Corps den Feind von der andern Seite ungewiss hinhielten. Die Regimenter zogen sich, immer vorrückend, dichter und dichter zusammen. Alles ging den festen gang auf Leben und Tod mit Zuversicht. Endlich kam der grosse Tag, des Grafen Pläne waren reif, alle Befehle in der Stille gegeben, Maassregeln und Vorkehrungen getroffen. Das tiefste geheimnis deckte die Zukunft, Niemand wusste, aber Jeder glaubte und wollte das Beste, darum blieben die Gemüter frei und sicher, und die Herzen voll Kampfeslust. So stand es in und um den edlen Grafen, als er am Abend vor der Schlacht seinen jungen Freunden entdeckte, dass noch in dieser Nacht ein Scheinangriff die feindlichen Anführer täuschen werde, indess sie wenige Stunden darauf mit zusammengedrängter Kraft von der Gebirgsseite einbrechen, und wahrscheinlich alles aufreiben und sprengen würden, ehe noch ein Mann zu hülfe eilen könne. Stephano ward deshalb sogleich zur Avantgarde verschickt, um jede Bewegung zu beobachten und dem Grafen nötigen Bericht abzustatten. Er hatte mit gespannter Aufmerksamkeit jedes Wort in sich gesogen, sein Herz zitterte vor innerm Entzücken, er konnte keine Sylbe hervorbringen, so wogte und brauste es in seiner Brust; unwillkührlich fasste er Rodrich's Hand, um doch etwas in der gewaltsamen Anspannung zu ergreifen, er schüttelte und drückte sie während grosse Tränen über das glühende, fast verschämte Antlitz des Jünglings rollten. Nun gehen sie mit Gott, sagte der Graf bewegt, und als wäre die Erde unter ihm verschwunden, so pfeilschnell war er ihnen aus dem Gesicht.
Rodrich war heute still und innerlich, wie Jemand, dem das Grösste im Leben plötzlich ganz nahe tritt. Der erwünschte Augenblick war anders, als er sich ihn gedacht hatte, unendlich schön, aber ernst und heilig. Er spürte nichts von der leidenschaftlichen Erschütterung, die ihn über sich hinaus zu nie gesehenen Taten treiben sollte. Weit Geringeres hatte ihn sonst wohl heftiger fortgerissen. Jetzt war er ruhig und sicher, seit sich die grossen Bahnen vor ihm erschlossen. Er erschien sich selbst ungewohnt, und was er tat und sah, erfüllte ihn mit unbekannter feierlicher Ehrfurcht.
So war ihm ein teil der Nacht verflossen, als des Grafen Regiment einrückte, das im entscheidenden Augenblick den gewohnten Führer nicht entbehren sollte. Es ward nun alles lebendiger, als der Graf sich auf sein Pferd schwingend den Leuten zurief: nun Kinder in Gottes Nahmen vorwärts! Wie ein freudiger Blitz fuhr es über alle Gesichter, die Alten sahen so vertrauend drein, tausend Grüsse flogen ihm