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so reif und kräftig, und doch so scheidend an. Die Erde dampfte und tauete in unzähligen Tropfen nieder, als weine sie ihren Kindern nach. Da hoben die Reiter folgendes Lied an, das, wie ein Gespräch, von dem Einzelnen angefangen, und von der ganzen Schaar beantwortet wurde. Was zieht dich so lustig zum Tore hinaus, Was locket dich über die brücke? Was reisst dich von Weib und Kind und Haus, Zu jagen nach schönerem Glücke? Der Krieg, der Krieg, der lustige Krieg, Der locket den Reiter, der ruft ihn zum Sieg. Ach wende die Augen, sieh jenseit dem Fluss, Sieh Wellen in Wellen sich kreisen, Es schäumet die Brandung, es sprudelt der Guss, Lass schweigen die lustigen Weisen, Und schlängen die Wellen auch Habe und Gut Der Reiter blickt vorwärts, lacht spottend der Flut. Die brücke sieh fallen, zerbrechen den Steg, Kannst nimmer zur Heimat nun wandern. Die Kindlein, sie jammern auf schlüpfrigem Weg, Die Mutter verhöhnt dich mit Andern. Lass brechen, lass brechen, was halten nicht kann, Verloren hat niemals, der wieder gewann. Halt an die Zügel, halt an, um Gott! Sieh vor dir die toten-Gebeine, Es öffnen die Türen, dem Frevler zum Spott, Die Gräber, im stummen Vereine. Wen kümmern die Gräber, wer achtet den Tod? Es treibet den Krieger ein göttlich Gebot! Der Graf trabte indess munter vor seinem Regimente her, welches, ohne achtet er das Haupt-Corps führte, so selten und so spät als möglich, von ihm entfernt sein durfte. Stephano und Rodrich ritten an seiner Seite. Alle drei hörten dem lied zu, als der Wind rauschend durch die trocknen Blätter fuhr, und sie kreisend des Grafen Wange streiften. Das ist wohl gar der Tod, sagte er lachend, indem er ein welkes Blatt zerdrückte; nun, setzte er hinzu, das Lied hat Recht, wer achtet den Tod! Die beiden konnten nicht lachen. Seine Worte waren ihnen schwer auf's Herz gefallen. Rodrich dachte an Seraphinens prophetische Klagen; seine Blicke richteten sich wehmütig auf den heitern Greis. Das mögliche Unglück schien ihm gewiss, schien ihm so nahe, dass er kaum dem inneren Drange widerstand, ihn an sein Herz zu drücken. Lieber Sohn, sagte der Graf, der seine Bewegung wahrnahm, lass dich das nicht irre machen, in der Jugend hält man viel auf solche Zeichen, im Alter weiss man, dass sich der menschliche Verstand überall anhängt, wo er nicht hindurch kann, und in den engen Schranken alles zu sehen meint, was ihm Gottes Hand verbarg. Das geheimnis deuten zu wollen, führt auf böse Trugschlüsse oder kindische Spielereien. Wer nicht alles weiss, darf niemals glauben die dunklen Worte zu verstehen, die wohl zuweilen in und um uns erschallen, und die nur an die unsichtbare Weisheit erinnern, und zur Demut und Standhaftigkeit ermuntern sollen. Lass jetzt deine Gedanken sich lieber auf die tatenreiche Gegenwart lenken! Viel Sinnen in das Blaue hinein, macht den blick unsicher und die Tritte schwankend. Kinder, ich kann euch nicht sagen, fuhr er nach einer Weile fort, mit welchem blick ich die Gegend umher betrachte! Keine frühern Erinnerungen knüpfen mich an sie, ich bin nicht alt geworden mit diesen Bäumen, ihr Schatten und ihre Früchte haben erst spät den Fremdling erquickt, und dennoch hält sie mein ganzes Herz gefangen. Ich könnte die Erde küssen, die mich so gastlich aufnahm, wo mir so viel, so viel Freuden erblüheten! Ja ich will sie schützen als mein köstlichstes Gut! Wir wollen ihr eine Vormauer sein, an der die räuberischen hände zerbrechen sollen! Wachend und schlafend habe ich nur den einen Gedanken. Wohl tausendmal schlage ich den Feind im Traume. Nun es wird geschehen, bei Gott, es wird! Jetzt dringen wir in Eilmärschen vor. Rechts deckt uns das Meer, links die feste Gebürgskette, so sind wir über den grenzen, in Feindes Land, ehe es die weisen Staatsräte noch ahnen. Die Armee ist frisch, kräftig, zu Anstrengungen gewöhnt, von den Einwohnern geliebt. In solchen zeiten wird es dem Landmanne erst anschaulich, was der Soldat im Frieden bedeutet. Sie haben einen Respekt vor ihm, der zugleich Liebe ist und Dankbarkeit. Das fühlt der Reiter besonders, der überall einen gewissen Stolz hat, der ihm wohl ansteht, und nur in einzelnen seltenen Fällen Übermut wird. Rodrich glaubte nichts Herrlicheres gesehen zu haben, als dies wachsende Feuer, das in den schönen, beweglichen Zügen des Grafen spielte. Er selbst ward wie neugeboren, heiter, in sich gewiss. So ging es mehrere Tage. Das tätige Leben, der Wechsel der Gegenstände, die Neuheit der ungewohnten Verhältnisse, alles tat ihm wohl, trieb ihn aus sich selbst heraus, und gab seinen Gedanken einen äussern, festen Halt, an dem sie wuchsen und reiften, und eben deshalb beruhigter in sich selbst zurück gingen. Er stiess auf nichts, was ihn zurück drängte, oder feindlich erbitterte. Stephano war ein gefälliger Freund, ihre beiderseitige Wünsche für den Augenblick erfüllt, des Grafen achtung und Freundschaft zwischen ihnen geteilt, die Unterhaltung durch ihn bestimmt, leicht und unterrichtend. Alles traf zu um das verhältnis rein zu erhalten, und Rodrich eine tätige Ruhe kennen zu lehren, die seiner natur eigentlich fremd, und nur durch die Umstände erzeugt war.

Nach