ernsten Augenblicken künstlichen Spielereien, darum lasst uns das Übel recht scharf ansehen, man gewöhnt sich ja an den hässlichsten Anblick. Seraphine lehnte sich an ihn, und weinte sanft, während er fortfuhr mit Ernst über den Krieg zu reden, und die Herrlichkeit eines ehrenvollen Todes herauszuheben. Die mutige Seele meiner Seraphine, sagte er, sollte nicht vor dem schönsten Lohne zurückbeben, der einen tapfern Krieger erwartet. Ich habe das Leben immer heiter angesehen, der letzte Augenblick wird mich ja auch nicht tauschen. Gott weiss es, ich denke nicht leichtsinnig daran, ich werde ihn auch nicht vermessen herbeiführen; allein überraschen sollte er wohl Niemand unter uns! Darum lasst uns recht still und innerlich froh sein, wie Menschen, die am Ziele einer langen Fahrt noch einmal einander die hände reichen, und wehmütig und getrost auf die getrennten Lebenswege blicken. Ach, setzte er hinzu, es gibt Leiden ganz andrer Art! Ich habe gestern mein armes Kind gesehen, das in dumpfem Jammer hinwelkt, und den Todeskampf wohl tausendmal besteht. Jugend und Lebenslust ringen wie Gewapnete mit den kalten Stürmen, die über ihre Blüten hinfahren, und zuweilen dringt ein lauter Schrei aus der Tiefe ihres Elendes, dass man wohl fühlt, wie die Seele noch nicht vom leib scheiden will. Ich habe den Anblick nicht ertragen können, am wenigsten aber, wenn in andern Stunden die erschöpfte natur so in sich abgeschlossen, so kalt und gleichgültig in die dunkle Nacht hinstarrte, und alles, alles in ihr schwieg. Gott! sagte er bewegt, gieb uns einen klaren, besonnenen Tod. Alle Blicke richteten sich auf ihn, wie er mit gefaltnen Händen recht verklärt zum Himmel sah, und eine grosse Träne über sein glänzendes Angesicht rollte.
Gewiss, sagte die Gräfin nach einer Weile, ich scheue die Schmerzen nicht, die mich jetzt fast auflösen. Man fühlt in ihnen Gottes Hand, und das Herz wendet sich liebreich und ergeben zu Allem, was einem auf Erden teuer ist; allein mich ängstet im voraus die Unlust, das Einerlei, die rechte innere Müdigkeit, die bei manchen Gemütern auf solche Erschütterung folgt, und die ich ganz von fern kommen sehe. Denkt euch, wie farbelos alles, in dem grauen Winter vor mich hintreten wird! Kein lebendiger Odem kann die ermüdenden Frauengesellschaften beleben, in denen die Langeweile sich so gern als Kummer und Trübsinn bewähren möchte, wenn die schlaffen Züge nicht unverkennbar ihre Spuren trügen. Manche stille Seele weint dann wohl im Verborgenen, und gedenkt seliger Stunden, aber das entzweiet vollends mit der Gegenwart, die Blicke auf das zu lenken, was nicht mehr ist. Oft, sagte Stephano, der während dem mit dem Gelehrten gekommen war, söhnt man sich aber auch mit ihr aus, wenn man sich lange in andre zeiten verlor, und nun plötzlich zu ihr, wie zu der alten Heimat, zurückkehrt, in der zwar wenig von der verlassenen Herrlichkeit zu finden ist, die indess zu uns gehört, und der Leib unsrer zeiten ist. – Nun, dieser Leib, sagte der Gelehrte, sieht freilich ziemlich zerbrechlich aus; ich wollte das dürre Gerippe zerfiele, und der jugendliche, lebendige Gott schritte wieder wie ein starker und gläubiger Held durch die neuen zeiten. Das wird er, das wird er, riefen die jungen Krieger! Ja das wird er, sagte der Graf, glauben sie nur, das Alte wird wieder neu, freilich anders, aber was jetzt hier glüht, ist doch auch schön und Gott wohlgefällig. Es regt sich in der Asche, fuhr der Gelehrte fort, vieles kann wieder kommen, was man oft töricht verloren gibt; ob jetzt? das weiss Gott! Allein gewiss ist es, der Phönix hebt die Schwingen, durch einen kühnen Flug kann er sich frei machen! Es ist Schade, fiel Stephano ein, dass der Herzog nicht mitgeht! Warum? unterbrach ihn Rodrich schnell, das Volk liebt ihn nicht, das Heer kennt ihn kaum, was soll er nützen? Nun, erwiderte der Graf, sein Name deutet darauf, in solcher Zeit ziehen sich alle Bande fester, das Vertrauen wächst mit der Gefahr, und: Herren Auge, Gottes Auge! Sonst war es so, erwiderte der Gelehrte, und mich dünkt, der gibt sein Land verloren, der die Armee verlassen kann. Wirklich? sagte Rodrich lächelnd. Der Cardinal, habe ich gehört, hat den Bruder auch heldenmütig zum Aufbruche ermuntert, und sich edel genug zur Verwaltung des Reiches erboten. Wer weiss, erwiderte Stephano beleidigt, stände es dann nicht gut. Sein fester blick würde die Frechen und Kindischgesinnten zügeln, die des Herzogs Gleichgültigkeit unbeachtet lässt. – Es sind grosse Opfer für den Glanz dieses Hauses gefallen, sagte der Graf, dem Cardinal ist nichts zu wert, was er dieser idee nicht gern unterwürfe. Gewiss ist es, er bleibt den Winter über hier. Ohne Absicht geschieht das nicht. Nun Gott möge alles nach seinem Willen lenken! Der Herzog kann nicht mitgehen, die Stände wollen es nicht, und er darf hoffen, dass er auch unsichtbar bei jedem unter uns ist.
Seraphine hatte unterdessen mit Florio geredet, und konnte nicht genugsam ihr Gefallen über ihn ausdrükken. Nein, sagte sie zu Rodrich, es ist etwas so Eigentümliches, Fremdes, ja Veraltetes in ihm, dass ich bald ein Kind, bald einen Heiligen zu hören glaube, so unschuldig und doch so besonnen, so klar und tief