einmal glaubte Rodrich eine Träne in den dunkeln Wimpern zu sehen. Er wusste selbst nicht was ihn zurückhielt, sich ihr wie viele Andre zu nähern. Er zögerte und kämpfte, als plötzlich alles aufbrach, und er in einer kalten Verbeugung sein Blut erstarren fühlte. Die zurückgedrängte leidenschaft drohete ihn zu ersticken. Er hatte nicht die Kraft den Fuss zu heben, und verweilte in ängstlicher Betäubung einen Augenblick, als die Prinzessin schnell auf ihn zutrat. Ihre Brust hob sich unruhig, als kämpfe sie mit zurückgehaltnen Tränen; stockend sagte sie endlich: Ich habe vergessen, sie von Rosalie zu grüssen, bei der ich diesen Nachmittag war. Die arme hoffte sie jeden Augenblick zu sehen, um ihnen Lebewohl zu sagen. Ich habe recht mit ihr getrauert, sie hätten sie nicht um diese letzte Freude betrüben sollen. Es war eine von den wenigen klaren Stunden, in denen sie ihr Leben mit Ruhe umfasst, und still in sich selbst zurückgehet. Vergessen sie es nicht, dass eine bekümmerte Freundin für sie betet, die ihnen dies Andenken, als eine liebe Erinnerung schöner Augenblicke, gibt. Er empfing mit Entzücken einen kleinen Ring aus ihrer Hand, den er noch betrachtete, als sich alles um ihn her verloren und Miranda längst entfernt hatte. So liebreiche Worte durfte er kaum erwarten. Er drückte das Zeichen stiller, heiliger Zuneigung an seine Lippen. Ja, meine fromme Geliebte, sagte er leise, bete nur, dass ich immer so demütig und rein, wie in diesem Augenblick, zu dir aufsehe! Ist es doch, wenn ich den Ton ihrer stimme höre, als geböte sie den inneren Wogen Stille. Ich gebe mich dann auch so willig hin, und lasse sie walten, als hätten ihr von Ewigkeit alle meine Gedanken angehört. Es war ihm fast lieb, nicht bei Rosalien gewesen zu sein, so gewiss er auch glauben durfte, dass Miranda ihn dort aufgesucht habe. Dieser plötzliche Wechsel, der geheimnissvoll wehende Liebeshauch, der ihn anrührte, als wolle er die Flammen aus dem Eismeere locken, die unnennbare Freude, die plötzlich durch sein ganzes Wesen zitterte, welche andre Wonnen konnten diese aufwiegen?
Er eilte zu Florio, um in dies treue Herz sein Glück zu ergiessen. Als er ihn sah, schloss er, ihn freudig in die arme, und zeigte ihm den Ring, der ihm sein stummes Entzücken erklären sollte. Florio betrachtete gerührt das Kleinod. Es war eine grosse Perle, die in einem Blumenkranz von feinstem Golde lag. Je länger er darauf verweilte, je lebhafter ward er an den feurigen Reif auf dem Bilde der Dame erinnert. Er konnte sich kaum der Tränen erwehren, und gab ihm den Ring schweigend zurück. Verzeihe, sagte er, als ihn Rodrich verwundert ansahe, wenn ich dir kalt erscheine, ich bin von allem, was ich heute sehe, auf eine ängstliche Weise ergriffen. Die ganze Welt scheint mir in einer peinlichen Beklemmung zu liegen. Es ist als wenn alle zurückgehaltene Tränen des nahen Abschiedes auf meine Seele fielen. Ich war bei der Gräfin, wie du es wolltest. Sie empfing mich gütig, und meinte: wir müssen beide die Undankbaren vergessen, die uns jetzt mit freudiger Ungeduld verliessen; aber sie lächelte dabei so wehmütig und sah so kummervoll auf den geschäftigen Grafen, dass man wohl fühlte, was ihr jeder Scherz kostet. Sie bittet dich, die letzten Stunden dieses Abends bei ihr zuzubringen. Alle Freunde sind dort. Sie versichert im voraus, dass sie eure Freude auf keine Weise stören, sondern den Augenblick so fest halten wolle, als könne der morgende Tag niemals hereinbrechen. Florio, sagte Rodrich sanft, du entkömmst mir nicht, trotz dem ungewohnten Strom deiner Worte, und den neuen Bildern, die du ängstlich vorüberführst. Beschäftigt auch dich der Ring allein? Sage doch, mein guter Junge, was bewegt dich dabei so seltsam? Hast du nicht in meine offne Seele gesehen? war ich je bemühet, dir selbst die trüben Flecken darin zu verbergen? und darfst du dich gleichwohl vor mir verschliessen? Florio widerstand dem sanften Eindringen nicht. Er fasste seine Hand, und vertraute ihm, was er seit jenem Augenblick sorgfältig in seiner Brust verschloss. Sie betrachteten beide den Ring; in dem rötlichen Schein der Perle strahlte Florio jene nächtliche Erscheinung zurück, er senkte den Kopf in beide hände, und weinte still vor sich hin. Lass nur, sagte Rodrich, die Zeit wird das Rätsel lösen, und mag auch eine blutige Träne auf die flammende Glut fallen, wer weiss was daraus hervorgeht!
Bald darauf trafen sie bei Seraphinen ein, die sie bleich und mit verweinten Augen empfing. Rodrich fasste gerührt ihre Hand. O, sagte sie halb lachend halb weinend, tun sie sich keine Gewalt an, die Freude glänzt so unverschämt aus ihren Augen, dass jede Bemühung, traurig zu scheinen, vergeblich ist. Nein, nein, fuhr sie fort, als Rodrich im Begrif war zu antworten, lasst uns durch nichts erweichen, der Ton ist der rechte, den ich eben angestimmt habe, die dreiste Fröhlichkeit soll den Schmerz wenigstens für heute verscheuchen. Sie versuchte bald dem Gespräch eine leichtere Wendung zu geben; allein was sie auch tat, die Anstrengung war überall sichtbar, und verbreitete eine ängstliche Unruhe, jede Lücke auszufüllen, die das unterdrückte Gefühl nur noch stechender hervorrief. Ihr Kinder, sagte endlich der Graf, so geht es nicht. Das Herz widersteht in