ich einst in der Nacht von einem leisen Geräusch erwachte. Ich blickte um mich, und sah beim schwachen Schein einer Lampe, wie Eusebio sorgsam ein Kästchen unter seinem Lager hervorzog, es eröffnete, und einen reichgestickten Mantel mit goldenem Ordenskreutz daraus hervorzog. Er breitete ihn vor sich hin, blieb gedankenvoll stehen, und küsste dann ehrerbietig den Saum des Gewandes. Ich hatte mich während dem genahet, und rief voll Entzücken: Vater, was hast du da für herrliche Sachen! Der Alte liess erschrocken die arme sinken und sagte mit wehmütigem Tone: Kind, das sollte Dir ewig ein geheimnis bleiben! Musst Du so voreilig in das bunte Gewebe deines Schicksals eingreifen! Begierig nahm ich indess den Mantel von der Erde, hüllte mich hinein, und trat so in höchster Lust vor Eusebio hin, der von dem Anblick überwältigt, mich in seine arme schloss, und weinend ausrief: Ist mir doch, als sehe ich deinen unglücklichen Vater, als er das letzte mal vor der Welt und seinem König erschien. Ihn deckt die kalte Erde, während Du mit den Trümmern seiner Herrlichkeit spielst. War es doch immer mein Wunsch, Dich so geschmückt zu sehen! und, fuhr er fort, indem er mir die Hand auf die Stirn legte, ich ahnde es, diese Flammen werden ihrer weltklugen Weisheit spotten, was vermag der allmächtige Geist des Menschen nicht! Er sank bei diesen Worten erschöpft auf sein Lager. Ich kniete neben ihn, und um ihn zu erheitern, wie ich es sonst wohl tat, nahm ich die Laute, die vor ihm auf einem Tischchen lag, und griff leise in die saiten. Von dem Klange wie begeistert richtete er sich in die Höhe, nahm mir das Instrument aus der Hand, spielte und sang folgendes Lied, das mir wie mit Flammenzügen eingegraben blieb.
Vergebens hab ich hier gerungen,
Vergebens war der eitle Wahn,
Es könne Leib und Geist durchdrungen
Auf Erden gleiche Lust empfah'n.
Ich fühlte Herz von Herz sich reissen,
Und Angst und Schmerz in wunder Brust
Wollt' ich dem Tod zu leben heissen,
Und kämpft' und rang in trüber Lust.
Ich sehe' dich, farb'ge Pracht, erblassen,
Es naht sich bleich und kalt der Tod.
Ach süsses Kind, dich muss ich lassen,
Mich ruft ein göttlich ernst Gebot.
So rauscht denn einmal noch ihr saiten,
Ihr dringt aus einer frischen Welt;
Der leise Hauch soll euch begleiten,
Der mich noch hier gefangen hält.
Die letzten Worte zerrannen fast auf seinen Lippen, und flossen so mit dem Klange zusammen, der immer leiser verhallte, bis die Laute den starren Händen entsank.
Auf mein Angstgeschrei eilten die erschrockenen Mönche herzu. Es währte lange, ehe sie mir begreiflich machen konnten, dass Eusebio tot und für mich verloren sei. Von dem Augenblick ward ich so kalt und verschlossen, wie die geliebte Leiche, die man mit Gewalt aus meinen Armen riss. Jener furchtbare Wechsel von Lust und Schmerz schien alle Lebenskraft in mir aufgezehrt zu haben. Der natürliche Trotz in meinem Gemüt lehnte sich gegen die ganze mir bekannte Welt auf, ich hasste alles, was sich mir nahete, da ich unter den erloschenen abgezehrten Gesichtern nicht eins fand, das meinem Eusebio glich, und Niemand als er mich je geliebt hatte. Jede andre Erinnerung ward in das Grab meiner höchsten Freude versenkt, und erst sehr lange nachher unter freudigern Umgebungen gedachte ich des Mantels und jener bedeutenden Worte, die mich zuerst über die Klostermauern hinaushoben.
Als ich von Eusebio's Begräbniss zurückkam, ward ich in eine fremde Zelle unter die Aufsicht eines jungen Mönches gebracht, der in eigenen Schmerz versenkt, wenig auf mich achtete. Ich fühle noch heute die entsetzliche Angst, die mich in dem Augenblick überfiel, da man mich vor meinem alten, geliebten Zimmer vorbei in dies neue führte. Mit innerer Wut schloss ich die Augen, um nichts zu sehen, was mich so kalt und fremd abstiess. Auch lernte ich nie meinen neuen Aufseher lieben, vor dessen achtlosen Blicken ich dennoch tun konnte was ich wollte. Überall bekümmerte sich Niemand sonderlich um mich, man schien hinreichende Sicherheit in meinem dumpfen trägen Sinn gefunden zu haben. So kam es denn, dass man mich, als einst Feuer im Kloster ausbrach, mit anderem Gerät in den Garten schleppte, und dort allein liess. Ich war weder erschrocken noch erfreut. Nur fuhr es einmal wie ein Blitz in mir auf: wenn die Flammen das hässliche Gebäude verzehrten, so müsse man mich wohl frei lassen, und ich könne dann hingehen, wohin ich wolle. Doch war das auch kein bleibender Wunsch, ich kannte ja nichts, wonach ich mich hätte sehnen können. So ging ich gleichgültig auf und ab, bis ich eine kleine Pforte, die nach einem See hinaus führte, und durch welche man wohl in der allgemeinen Not wasser herbeigeschafft hatte, offen fand. Ich trat hinaus, ohne etwas Bestimmtes zu wollen, und ging Anfangs den schmalen Fusssteig, der den See hinauf führte, ganz langsam fort. Doch je weiter ich ging, desto freier hob sich meine Brust. Das wasser rauschte und quoll so lebendig neben mir hin, ich atmete zum erstenmal frisches Leben, und der Gedanke zu entfliehen ward mir nun erst deutlich. Die erwachte Kraft beflügelte meine Schritte. Ich hatte bald die hohe Mauer im rücken, und kam auf eine Wiese, die sich wie ein bunter Teppich