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und Nord dürfen die je einander berühren? Es war um Mitternacht, hub Florio erzählend an, als er eben die Messe gehalten, und sein Herz vielleicht in Demut zu Gott gewendet hatte, dass er nicht eben weit von der Kirche, vor einem kleinen haus vorüber ging, an welchem ich singend lehnte. Es war ein heilig Lied, das in frommer Andacht aus meinem inneren drang. Er blieb einen Augenblick, mich betrachtend, stehen. Da schwieg ich ehrerbietig, und er ging still vorüber, wandte indess mehreremale den Kopf, und sah immer wieder zu mir hin. Ich hatte ihn schon vergessen, als wir bald darauf einander in der Kirche trafen. Ich weiss nicht, was er sich bei meinem Anblick denken mochte, allein er stutzte anfangs, und doch konnte er seine Augen nicht von mir wenden. Mir kam er seltsam vor. Ich hatte kein rechtes Herz zu ihm, indess folgte ich wenige Tage darauf seiner Einladung, die mich zu ihm führte. Er empfing mich mit mehr Güte, als sein stolzes Ansehen erwarten liess, doch sah er vornehmer als in der Kirche auf mich hin. Nach einigen Worten über mein Talent, das, wie er versicherte, ihn überrascht habe, fragte er nach meinem vaterland, meiner Herkunft, den Ursachen, die mich zu dieser Stadt geführt hätten, in welcher ich augenscheinlich als Fremder ohne sonderlichen Anhang lebe? Ich hatte viel Mut, allein ich empfand eine innere Scheu in seiner Gegenwart, unsrer frühern Verbindung, meiner kindischen Wünsche und unsichern Hoffnungen zu gedenken. Es wäre mir unmöglich gewesen, deinen Namen auszusprechen, und doch hing er mit allen geheimnissvollen Regungen, mit dem verwischten Glanz meiner Jugend, ach, mit jedem Gedanken, der mich von da an begleitete, zusammen. Ich sagte daher, mein einfaches Leben sei nicht wert von ihm beachtet zu werden. Ein Hirtenknabe wandre ich unstät durch die Welt, die mir von meinen Tälern aus so lockend erschienen sei. Ich freue mich Sprache und Sitten der Völker in ihren Gesängen zu erkennen, und finde meine Heimat überall in der Zauberwelt der Klänge. Er schien unbefriedigt, und ich fühlte mich unsicher und ängstlich. Nach einem augenblicklichen Schweigen trat er auf mich zu, und fragte mit gespannten zweideutigen Mienen, ob ich meine früheren Jahre nicht in einem Kloster verlebt habe? Es war sichtlich, dass ihn irgend eine falsche Vermutung missleite; indess war mir aller Irrtum von jeher zuwider, mich befiel eine peinliche Angst, und ich mochte wohl betroffen aussehen, als er mich gütig bei der Hand nahm und sagte, er wolle nicht in mich dringen, wenn diese Erinnerungen mich schmerzten; er wisse überdem jetzt genug, es würde sich alles aufklären. Dies gab mir die nötige Zuversicht wieder, und ich versicherte ihm sehr unbefangen und ehrlich, dass ich wohl in Klöstern gelebt, sie aber erst in spätern Jahren aufgesucht und in ihnen gelernt habe, dass die Wahrheit überall siegen müsse. Er liess meine Hand fahren, und ging schweigend im Zimmer aus und nieder. In mir war alles wieder ruhig und still, und ich ergötzte mich an den reichen Verzierungen, die uns umgaben, als er mit vieler Heftigkeit ein Seitenzimmer öffnete, mir einen reich gestickten Mantel mit goldnem Ordenskreuz zeigte, und mich ernstaft fragte: ob ich dies Gewand nie als Kind gesehen und im Spiele getragen habe? Mein Gott, was erwiedertest du? sagte Rodrich in der heftigsten Bewegung. Ich musste wirklich lachen, entgegnete Florio, seine Unruhe nicht beachtend, da unsre Hütte solchen Reichtum wohl nie umfasste. Der Cardinal konnte auch meine Aufrichtigkeit nicht länger bezweifeln, denn er sagte gerührt: nein, so lügt man nicht in der Jugend! Als wir bald darauf von einander schieden, hörte ich im Weggehen, dass er laut ausrief: es ist unbegreiflich, dass diese Züge mich täuschen konnten! Wir sahen einander oftmals wieder. Das Geheimnissvolle in seinem Betragen hatte etwas Anziehendes für mich, und da er sich immer bei meinem Anblick zu erweichen und zufriedner zu sein schien, so willigte ich ein, ihn hieher zu begleiten. – Es ist klar, sagte Rodrich nach einem kurzen Schweigen, mich, mich will er haben! O jetzt treten die allerfrühesten Erinnerungen hervor. So könnte ich denn mein dunkles Schicksal aufdecken! Gott weiss es, welche peinliche Angst mich zurückhält! aber ich kann nur mit Schrecken daran denken, den Schleier zu heben. Wer weiss, was darunter liegt! Ich zittere wie ein Kind, etwas Ausserordentliches zu sehen, und am Ende ist es wohl nichts, als das Allergemeinste, was mich spottend ansieht, und die stolzen Hoffnungen in den trüben Strom bedürftiger Wünsche zurückwirft. Jetzt, nur jetzt, muss ich den glänzenden Wahn noch festalten! mögen dann die zeiten alles zerstörend berühren, wer kann wissen, wie es über kurz oder lang endet! – Was redest du für seltsame Dinge? unterbrach ihn Florio. Dich suchte der Cardinal? warst du denn jemals im Kloster? und mich soll er für dich angesehen haben? Ach du weisst es nur nicht, erwiderte jener, ich schwieg ja in eurer Gegenwart von allem, was mir das Herz zusammenzog. Ja, ich war im Kloster lange Jahre hindurch, und wie auch der Cardinal mit meinem Leben zusammenhängt, ich glaube ihn dort gesehen zu haben, doch so früh, dass mir nur das Schreckende seines Anblickes geblieben ist, und er, die kindischen Züge leicht vergessend, sie überall