1806_Fouqu_018_47.txt

Nun, es gehört ja auch dazu, darum lass uns nur immer frisch Hand anlegen. Sie sprachen hier weitläuftig über die nötigen Einrichtungen, und trennten sich endlich, damit jeder das Seinige besorge. Vor allem musste Rodrich zum Grafen. Er eilte zu ihm, und erhielt dort Aufträge, die ihn eine Zeitlang von sich und seinen schwankenden Vorstellungen der Zukunft abzogen. Florio sah ihn kommen und gehen, ohne gleichwohl sein geschäftiges Treiben durch irgend eine Beziehung auf sich zu unterbrechen. Nur am Abend, als Rodrich einen Augenblick neben ihm ruhete, und schweigend seine Hand drückte, brach der innre Schmerz hervor. Wie seltsam, sagte er, spielt das Schicksal mit mir! Nachdem ich leichtgesinnt alle Hindernisse überflogen, alles verlassen habe, was mich von dir zurückhielt, unbekannte Gegenden durchstreifend, die Welt wie eine liebe Heimat begrüsste, weil ich dich überall ahnete und sah, muss ich dich endlich finden, um dich gleich darauf zu verlieren! Soll denn das Leben wie ein buntes Spiel an mir vorüberziehen, und darf ich nie bei einer Freude verweilen? – Rodrich eröffnete ihm beruhigend eine bessere Zukunft, ohnerachtet er selbst den eignen Wünschen keine bestimmte Richtung zu geben wusste. Er bat ihn darauf um nähere Auskunft seines vergangenen Lebens. Darüber, erwiderte jener, weiss ich wenig Deutliches anzugeben. Das Meiste liegt wie ein Traum hinter mir, wo sich die Erscheinungen in einander verlieren, und das dunkle Gefühl der Wehmut oder Freude uns allein übrig bleibt. Auch habe ich weniger mit Menschen als mit der natur gelebt. Nicht dass ich jene nicht unaussprechlich liebte, oder dass ich kalt von ihnen zurückgewiesen wäre, allein Vieles in ihren Verhältnissen ist mir fremd geblieben, oder erschien mir doch schwer und drückend. Späterhin zogen mich die Klöster, ihres herrlichen Gesanges und der wundervollen Gemälde wegen, zu sich hin. Die alten frommen Sagen, die Gebilde der Vorzeit, das heimliche, innerliche Leben, das sich nur dann und wann in Klängen verkündet, alles dies fesselte mich oft viele Tage hindurch, und ich verstand die natur nie besser, als wenn ich so aus dieser abgeschlossenen Welt zu ihren wechselnden Spielen zurückkehrte. Ich erkannte hier den heiligen Ernst, wie er in bunten Kleidern an den Menschen vorübergeht, die ihn lieben, ohne ihn zu kennen, und oft dachte ich des Abends, wenn der lustige Farbenschmuck zerrann, und Hain und Wälder schwiegen, die frommen Brüder träten zu mir hin, und sagten mir dasselbe, was jene zuvor in tausend Weisen verkündeten. Mir ward es in solchen Augenblicken klar, dass wir, so wie die Nacht, auch das innere Walten des Geistes, verträumen, und dass es recht schwer ist, sich selbst in den einzelnen Lauten zu verstehen, die, gerade wie der Traum, zu uns heraufdringen, und dann wieder lange Zeit hindurch schweigen. Ich habe in ähnlichen Stimmungen viel gedichtet, aber es war so lose und unzusammenhängend, dass es dem Gedächtniss entfiel, und ich darüber die schönsten Erinnerungen einbüsste. Ich verlor mich dann auch wieder in grosse Städte, bei festlichen Aufzügen, Versammlungen, überall, wo ich dich zu finden hoffte. Gesang und Musik verschaffte mir leicht Zutritt. Dies sind Bande, die überall die Menschen vereinen. Es ist wohl sicher Gottes stimme, die Niemand überhört. Viele reden freilich mehr davon, als sie empfinden; aber es geht ihnen damit, wie mit der Tugend. Sie ahnen ihre Göttlichkeit, und möchten sie doch zum Scheine lieben, und ohne dass sie es glauben, werden sie, wenigstens für augenblicke, durch sie bezwungen. Wie viel kalte Herzen sah ich durch die Gewalt der Töne erweicht und belebt, die sich dann wohl wieder verschlossen, aber doch eine sehnsucht nach jenem seligen Vergessen ihrer einengenden Rücksichten behielten. So habe ich den Cardinal, und durch ihn dich gefunden. Wie, unterbrach ihn Rodrich, diese Hand hätte dir den Weg zu mir gebahnt? Ich weiss nicht, erwiderte jener, wie es kam, dass mich sein kalter blick nicht schreckte, und ich darein willigte, ihn hieher zu begleiten. Mich bestimmte weder ein lebhafter Gedanke an dich, noch irgend eine andre Hoffnung. Ich gab mich dem Schicksale ganz rücksichtslos hin, da mir überdies alles gleich unwichtig schien, so lange du mir fehltest. Ach und sieh, die Menschen denken und sinnen, erwägen und messen, und am Ende tun sie doch auch nichts anders, als sich gläubig in Gottes arme werfen. Es gibt immer einen Punkt, wo die menschliche Klugheit nicht zureicht. Zuweilen ahnen wir ganz dunkel, dass diese uns überall missleiten könne, und werfen uns getrost in das offne Meer des Lebens. Wie töricht das auch von fern aussieht, so ist es dennoch schön, dass man sich überall gehalten fühlt. Mein Cardinal war wohl ein trocknes Reis, aber es hielt mich dennoch, und ich kam bis zu dir. Wer möchte auch über die Mittel rechten, die uns die Vorsehung sendet! Fürchte übrigens nicht, fuhr er fort, als Rodrich gedankenvoll vor sich hin sah, dass mich irgend ein Band an ihn kettet. Ich habe immer die Freiheit über alles geschätzt. Beschwerden achtete ich nie, Bedürfnisse kenne ich nicht, was sollte mich daher fesseln, wenn es nicht die unendliche Liebe ist, die ich von jeher zu dir im Herzen trug. Wie kam es aber, sagte Rodrich, noch immer das Bild des Cardinals festaltend, dass ihr euch traft? Süd