sich der Schimmer ergoss. Ein offnes halb verfallnes Gittertor führte ihn zwischen hohen Blumenwänden zu einem Altan, über welchem die rankenden Stauden, wild durch einander gebogen, einen farbigen Schleier vor den Lichtschein zogen. Florio blieb betroffen stehen. Die Sage des verzauberten Gartens kam mit allen Schauern jener frühern Eindrücke wieder in sein Gedächtniss. Er blickte in einem seltsamen Gemisch von Furcht und kühnem Verlangen um sich her. Alles, was er in der Dämmerung unterscheiden konnte, sah wüst und traurig aus einer bessern Vergangenheit herauf. Sarois Klagen legten sich aufs neue wehmütig an sein Herz, da setzte er sich auf einen umgestürzten Baum, und sah bekümmert zu den zerbrochenen Fenstern hinauf, hinter welchen herabgerollte Vorhänge ungehindert hin und her flatterten. Keines Menschen Hand hatte hier seit Jahren gewaltet, und dennoch brannte das Licht, und zeugte von nächtigen, unheimlichen Bewohnern. In der Todtenstille hörte Florio nichts, als das Flüstern der Blumen, die ihre Blätter in seinen Schooss schütteten. Eine unbeschreibliche sehnsucht drängte ihn, den niedern Altan zu betreten; aber, als wollten ihm die Zweige den Eingang verwehren, so bogen sie sich in einander, und er schwankte schon, ob er dem Winke folgen und umkehren solle, als ein langer Schatten hinter dem grünen Gewebe vorüber zog, und ein leises Rauschen, als striche der Wind über volle saiten, hindurch drang. Ohne länger zu weilen, teilte er nun schnell die Ranken, und stand vor einer hohen Glastüre, deren verblindete trübe Scheiben das schwach erhellte Zimmer wie in einen Nebel hüllten. Die wachsende Begier, irgend etwas zu entdecken, trieb seine Blicke unstät umher. Alles wogte und flimmerte ihm vor den Augen. Das Herz klopfte hörbar in seiner Brust, sonst war es still wie im grab. Plötzlich hörte er eine Uhr zwölf schlagen, und leise Flöten ein Sterbelied spielen. Unwillkührlich sank er auf die Knie nieder, und betete für die Erlösung der Seele. Als er sich wieder ausrichtete, bemerkte er unterhalb der Tür eine ausgehobene Scheibe; er sah hindurch, in ein hellgraues Gemach, den Berggeist auf die Harfe gelehnt, unbeweglich vor einem verhangenen Ruhebette stehen, dessen Decke sich zu bewegen schien, als atmete jemand schwer und langsam unter ihr. Auf einem schwarzen Altar brannte die Lampe, und erhellte ein Cruzifix von weissem Marmor, über welchem das Bild der schönen Dame aus dem Traume hing, nur trug sie weder goldene Harfe noch Blumen, sondern einen feurigen Reif, in dessen Mitte eine rötliche Perle, wie eine blutige Träne schwamm. Sie hatte ihn mit bittern Leidensmienen vom Finger gezogen, und schien bereit, ihn in das offne vor ihr liegende Meer zu werfen. Florio betrachtete das Bild mit steigender Wehmut. Es waren die holden Züge, die ihn träumend so oft entzückten. Der schöne Mund lächelte ihn so vertraut und lebendig an, die ganze Gestalt schien immer dichter und gerundeter aus dem Bilde hervor zu treten, da hörte er tief aus gepresster Brust seufzen, seine Blicke flogen zu dem Ruhebette, er breitete die arme aus, er wollte die Scheidewand zersprengen, indem erlosch die Lampe, und er stürzte, halb sinnlos vor Schreck, aus dem Garten. Noch in diesem Augenblick fasste ihn derselbe Schauer, da jene Erinnerungen wieder erwachten, und dennoch wollte er sich nicht davon losmachen, sondern versenkte sich immer tiefer, mit geheimer ahndungsvoller Lust hinein, als Rodrich halb träumend zu ihm aufblickte, und leise wie im Schlafe fragte, warum ist er nicht bei dir geblieben, da ich euch doch bei einander sah, und er es war, der dich zu mir führte? Florio fühlte bebend, dass derselbe Gedanke sie beide erfüllte. Er wandte sich von dem schlaftrunkenen Freunde, und sang still zur Harfe:
Wenn die Nacht, heraufbeschworen
Von der Erde stillem Ruf,
Nieder ihre Schleier senkend
Zu verhüllen keusche Glut:
Sterne bald als Liebesboten,
Spielend auf der Tiefe Grund,
Sich in duft'ge Perlen tauchen
Die entquellen innrer Lust:
Alle Farben dann verschwimmen,
Tragend auf bewegter Flut
Erd' und Himmel im Vereine,
Aufgelöst in sel'gem Kuss:
Dann zerspringen alle Bande,
Freiheit atmet die natur,
Aus den Wolken, aus den Grüften
Dringt ein geistig leiser Gruss.
Was der Sonne kreisend Walten
Frech getödtet, was der Sturm
Trüber zeiten längst verwehte,
Paradieses Blütenschmuck,
Keimt aus wonnevollen Tränen
Zieht heran in Wolkenduft.
Frei gegeben sind die Spiele,
Frei, im inneren Heiligtum.
Traum und Schatten zieh'n im Fluge
Durch die offne Menschenbrust,
Grüssen froh die alte Heimat,
Wecken ahndend heissen Wunsch.
Wünsche sind geheime Seufzer
Nach entfloh'ner Götterlust;
sehnsucht ist die heil'ge stimme
Die zum Paradiese ruft.
Der Morgen war indess heraufgezogen, und trieb nach und nach Teresens muntre Gäste zur Stadt zurück. Auf den Strassen wimmelte es bald von bunten Masken, die schwirrend durch einander hinzogen, und ihr mutwilliges Spiel erst in den stillen Wohnsitzen dürftiger Genügsamkeit endeten. Rodrich war auf den wachsenden Lärm herbeigekommen, und lehnte an Florio's Seite im offnen Fenster. Er konnte sich weder des augenblicklichen Rausches noch der phantastischen Gestalten recht erfreuen. Der Tag war zu nahe, er wehete kühl herüber, die ganze Lust schien ihm ein mattes Spiel, die armen Sinne zu betrügen, die beim hellen Licht den engen Kreis bald wieder erkennen, und befangener als je darin atmen würden. Gedankenvoll lauschte er vorüberziehenden Klängen, die endlich vor dem eintönigen Treiben der nahen Werkstätte schwiegen,