1806_Fouqu_018_40.txt

die Einsamkeit zurück, und immer fort schreiben, bis ich selbst nichts mehr weiss. Das Papier nimmt alle meine Gedanken so willig auf, und ein leerer Bogen sieht mich so lange lockend an, bis ich ihm mein heiligstes geheimnis vertraue. Ich könnte gar nicht mehr leben, wenn ich die weisse Fläche nicht vor mir sehe. Nur fühle ich zuweilen hier, auf der Stirn einen unerträglichen Schmerz, dann wird mir so seltsam, alle meine Träume verschwinden, ich kann dann gar nichts denken. Die Cammerfrau sagte jetzt, dass alles bereit sei und der Wagen sie erwarte. Rodrich bat um die erlaubnis, sie in ihrem schloss aufsuchen zu dürfen, und versicherte sie seiner zärtlichsten Teilnahme, die jeden Augenblick für ihr schönes Vertrauen dankbar sein werde; allein sie schien auf nichts anders zu achten, als nur schnell fortzukommen, und so entkräftet sie war, eilte sie mit ängstlicher Hast dem Wagen entgegen.

Rodrich sah ihr wehmütig nach. Die schöne Gestalt, über die der Schmerz so hinziehend alle Blüten eines edlen Geistes grausam abstreifte, rührte ihn unbeschreiblich. Er sah mit Schmerzen, wie das freie Spiel ihrer Gedanken sich verwirrte, und ihre Phantasie wie ein drehend Rad herumtrieb. Die hellen Flammen des Verstandes entzündeten wohl auch ihr Licht, aber der Brennpunkt war verschoben, und es kreisete alles wild durcheinander. Er hatte sich unter wehmütigen Erinnerungen auf ihren Platz gesetzt, als ihm jene Blätter in die Augen fielen, die sie ohnlängst beschrieb, und ohne weiter einen Wert auf sie zu legen, hier vergass. Er konnte sich nicht erwehren, hineinzusehn, und fand gleich zu Anfang folgende Worte.

"Ich sehe die alte Liebe wieder in Deinen Augen glänzen, Du verschmähst nicht länger, was Dir ewig angehört. Wie könntest Du auch den schmeichelnden Regungen widerstehen, die Dich, wie mich gefangen halten. Ende darum nur bald das ängstende Spiel, und löse die Ketten, die Dich halten."

Gleich darunter stand:

"Niemand darf unsre Verbindung ahnen. Die toten sollen unser Glück beschützen. Ich fliehe aus der Stadt, am grab meiner Mutter erwarte ich Dich. Da ist es still und heimlich."

Rodrich wusste kaum, was er las, die Sicherheit und der Zusammenhang dieser Worte machte ihn zweifelhaft, ob sie nicht mehr als einen glücklichen Traum entielten. Doch bald riss ihn Folgendes aus allen Zweifeln.

"Fernando weiss um unsre Liebe. Er wird mich begleiten. Fürchte Dich nur nicht. Der Stern in seiner Brust dreht sich zwar kreisend umher, und berührt mich oft mit seinen Strahlen, dass es wie Flammen auf meiner Stirn brennt; aber er hat mir versprochen, ihn zu verdecken, und darum sei nur ruhig."

Rodrich hatte noch nie die Qualen seiner unglücklichen Freundinn so lebendig als heute empfunden. Alle Kämpfe dieser geängsteten Brust, das fruchtlose Ringen und der arme Trost einer geträumten Liebe, pressten ihm heisse Tränen aus. Er lag noch weinend vor ihrem Bilde in Seraphinens Cabinet, als ein nahes Geräusch ihm die Ankunft des Grafen verkündete. Er sammelte sich so gut es gehen wollte, um mit Anstand vor ihm zu erscheinen. Doch kaum gedachte er mit rechtem Ernste seines Geschäfts und dessen Beziehung auf eine freudige Zukunft, so blitzte die alte Lust wieder in ihm auf, und er ging rüstig und frei zu dem Grafen und richtete seine Aufträge aus. Nach einer kurzen Unterredung, in welcher er mit Freuden hörte, dass die Entscheidung nahe und der Krieg mehr als wahrscheinlich sei, der Herzog aber die jetzige fröhliche Stimmung durch keine voreilige Nachricht trüben wolle, trat die gräfin herein, und berührte Rosaliens schnelle Abreise, die ihrem Gemahl noch unbekannt war, mit aller ihr eignen Schonung, indem sie hinzusetzte, dass der Arzt mit dieser Veränderung ihres Aufentaltes zufrieden sei, und von der Stille und Ruhe ländlicher Einsamkeit wenigstens körperliche Erholung erwarte. Allein der Graf war diesmal nicht so leicht zu beruhigen, und verlor sich in vergeblichen Mutmassungen über diesen unerwarteten Entschluss. Rodrich, der wohl die tiefsten Blicke in ihr zerrüttetes Gemüt getan, wusste ihm nichts tröstliches zu sagen, und so schwiegen sie alle betrübt, denn selbst Seraphine hatte nicht mehr das Herz ihre ewig blühenden Hoffnungen laut werden zu lassen. und blickte selbst mutlos in die Zukunft. Doch riss sie der Graf, der sich nie dem Kummer ergab, und den Schmerz als seinen bittersten Feind hasste, gegen den er schnell und immer ankämpfte, aus der augenblicklichen Verstimmung, indem er selbst andre gespräche herbeiführte, und sich mit vieler Laune über den Hof und seine ganz eigne Demut gegen den Cardinal ausliess. Ich weiss nicht, sagte Seraphine, welche seltsame Scheu er auch mir einflösst, es ist nicht Ehrfurcht, nicht Andacht, die ich bei seinem Anblick empfinde; aber mir ist als wenn die göttliche Verdammniss über der Erde hinschritte, und ich sinke ordentlich zerknirscht in mich zusammen, jeder lustige Gedanke erstirbt mir auf der Zunge, wenn die scharfen Blicke so gerade auf mich hinzielen, und auf der glatten Fläche des kalten Gesichts keine Spur von Teilnahme und Wohlwollen zu finden ist. Ich begreife nur nicht, wie man noch seinetwegen Feste anstellen und freudige Menschen versammeln kann. Er sieht so gleichgültig darüber hinweg und steht da, wie der rächende Engel, dem das Verderben von selbst in die arme laufen müsse. Miranda ist die einzige, die sich in seiner Nähe gleich bleibt, und welche die achtung für seinen Stand, mit der eignen Würde zu behaupten weiss. Alle