noch mehrte. Er konnte Anfangs nicht begreifen, wie dieser für den heitern offnen Grafen passe, und was sie eigentlich verbinde. Allein es offenbarte sich ihm bald eine ganz neue Seite seines Standes, die er bis jetzt noch nicht so beachtete, und die der erfahrne Graf wohl zu ehren verstand. Es war nicht sowohl das freie mutige Soldatenleben, was er hier traf, sondern der tiefere Kriegersinn, das Wissenschaftliche der edlen Kunst, was sich im Laufe der ernsten gespräche verkündete, und als Rodrich seine Unwissenheit hierin nicht bergen konnte, mahnte ihn der gebildete Feldherr zum Fleiss und strengen Studium an, und gab ihm mit vieler Güte selbst einige Anleitungen, indem er ihm die reichen Hülfsquellen seiner Büchersammlung eröffnete. Ich sehe wohl, sagte er, es fehlt Ihnen nicht an dem schnellen blick, der Gewandteit und Kraft, die das eigentliche Geniale des Kriegers verkünden, und was keine Kunst der verschlossnen natur aufdringt; allein verschmähen Sie nichts, was Sie tiefer in das Wesen der Sache einführt, und Ihren Gesichtskreis in jedem Augenblick erweitert. Es ist nicht selten, dass die jugendliche Fülle sich ohne inneren Halt früh erschöpft, und das schnell verströmte Feuer eine leere, schlaffe Untätigkeit zurücklässt. Ich habe Jünglinge gekannt, die wohl früher die Welt erstürmt hätten, und sich dann in den engen Kreis mechanischer Fertigkeiten zurückzogen, um ein träges Leben hinter einer gemeinen Wirksamkeit zu verbergen. Und wer weiss, ist die früh geendigte Laufbahn vieler Helden nicht oft die Rettung ihres Ruhms gewesen. Manchem wollte das Schicksal nicht so wohl, der dann eine glorreiche Jugend durch kleine Rücksichten befleckte. Es ist notwendig, eine grosse innere Tätigkeit in sich zu erhalten, um den gewaltsamen Drang nach aussen zu beschränken, der nicht immer das Rechte erzielt. Nur da, wo die Einsicht Vorsicht wird, und den eigentlichen prophetischen blick erzeugt, ohne welchen der Feldherr nicht einen Schritt tun kann, da soll sich die innere Kraft ungemessen ergiessen, bei der wachsenden Gefahr immer stärker anschwellen und wie ein gewaltiger Strom alles zu dem hohen, erkannten Ziele fortreissen.
Rodrich sah wohl dass ihm noch vieles mangele, um mit Sicherheit den leicht betretnen Weg fortzugehen, und dass er, wie es wohl mehrere tun, die umfassende Wirksamkeit zu flüchtig überschaute, um sie gehörig zu würdigen. Es beruhigte ihn daher, als der General fortfuhr: Sie haben durch die Kenntniss alter Sprachen vielfache Mittel in Händen, alle Stufen der Kriegskunst zu durchlaufen. Je tiefer Sie sich in die grossen begebenheiten der Welt verlieren, je herrlichere Ideen strömen Ihnen von allen Seiten entgegen. Dies weite Feld eigener Nachforschungen und spekulativer Folgerungen, kann nur der rohe Haufe zu betreten verschmähen. Ich dächte, auch ein wenig entzündbares Gemüt müsse es bewegen, die grossen Worte des Cäsar zu lesen, und wer nimmt ohne Ehrfurcht die Anabasis in die Hand und bleibt kalt bei den Beschreibungen der selbst erlebten, oft mitgefochtnen Schlachten grosser Geschichtschreiber! Es gehört glücklicherweise zu den nicht mehr geltenden Gemeinplätzen, dass dem Soldaten Gelehrsamkeit unnütz sei, und ich freue mich Ihretwegen, dass Sie die grössten Schwierigkeiten überwunden haben.
Mehrere Tage waren ihm auf die angenehmste Weise in dieser unterrichtenden Gesellschaft verflossen, als ein Brief des Grafen seine Rückreise beschleunigte. Er schied von seinem neuen gönner und den leicht gewonnenen Cameraden in der besten Hoffnung, Sie Alle nächstens im feld zu begrüssen und eilte der Hauptstadt entgegen, wo er Alles in Bewegung und zum Aufbruch bereit zu finden meinte, statt dessen aber Strassen und Häuser festlich geschmückt, und viel Volk vor den Fenstern des Schlosses stehen, aus welchem laute freudige Klänge erschallten. Auf sein Nachfragen erfuhr er, dass der Cardinal den Abend zuvor eingezogen und heute seine Ankunft bei hof gefeiert werde. Er blickte nicht ohne Widerwillen zu dem schloss auf, wo die ersten unangenehmen Eindrücke seine Freude trübten, und ging dem Grafen seinen Bericht abzustatten. Allein hier war alles leer. Die grosse Feierlichkeit hatte die schöne Seraphine und ihren Gemahl notwendig herbeigezogen, kaum erfuhr er noch, was sie alle beschäftige, da die ansehnliche Dienerschaft sie fast insgesammt, den Glanz zu vergrössern, begleitet hatte. Er ging verdriesslich durch die leeren Zimmer, und da der Auftrag des Grafen einen Aufschub von wenigen Stunden litt, und er ihn noch nicht zurück erwarten konnte, so beschloss er, zu Stephano zu gehen, wenn er nicht auch etwa zu dem verhassten Feste geladen sei. Im Hinausgehen bemerkte er indessen durch eine Seitentür Rosalien, die emsig schrieb, während ihre Cammerfrau mit Einpakken beschäftigt, Anstalten zu einer Reise machte. Er trat hinein, um die Veranlassung dieses unerwarteten Entschlusses zu erfahren. Doch als er sich nahete, und sie die seltsam glänzenden Augen aufschlug, ohne ihn eigentlich zu sehen, ohnerachtet ihre Blicke auf ihm ruheten, fühlte er sich so befangen, dass er sie kaum anzureden wagte. Nach einigem Besinnen schob sie indessen das Geschriebene fort, und sagte: Sie sehen, ich muss wieder fort! Es geht hier auch nicht. Ich finde überall keine Ruhe, und alles widersteht mir so leicht, so gar die Musik, ich kann keinen Ton mehr finden, der mir nicht die heftigsten Schmerzen erregte. Wenn ich nur so recht aus voller Seele reden könnte, bis sich alles löste und der Druck, der furchtbare Druck verginge! Aber die Worte versagen mir, und meine Freunde verstehen mich nicht mehr, und sehen mich so befremdet an, dass mir gleich die Lust am gespräche vergeht. Darum will ich auch in