sich still von dem Schauplatz der seligsten Erinnerungen und opferte ohne Klage ihrer Ruhe alle gehofften Freuden. So verstrichen mehrere Jahre, während denen ihr verwöhntes Herz zwischen Pflicht und unbefriedigter sehnsucht schwankte. Ein einziges Kind, das in der verzehrenden Glut ihrer Liebe aufwuchs, erregte unaufhörlich ihre Sorgen, und wenn sie sich einen Augenblick den seligen Genuss seines Anschauens gewährte, so erschrack sie über die sorglose Ruhe und ahnete irgend ein Unglück, das sie zu beschleichen drohe. Ihren Gemahl betrachtete sie wie das gewaltige Schicksal, das mit eisernen Schritten auf ihrem Wege hin und her gehe. Daher erschreckte sie sein Anblick jedesmal, und sie erkrankte endlich bei der wachsenden Reitzbarkeit ihrer Sinne. – Ihre Familie, die das Uebel von körperlicher Schwäche herleitete, bot jedes Mittel zu ihrer Herstellung vergeblich auf. ärzte und Heilige scheiterten an der inneren Unzugänglichkeit dieser zerrütteten natur.
Sie ward nach und nach immer stiller und man sah sie nur zuweilen mit ihrem kind im arme zu einem nahen Kloster wallen, wo sie unter eifrigem Gebet oft mehrere Stunden zubrachte. Einst als sie dort in der heftigsten Anstrengung vor einem Heiligenbilde kniete, sank sie ohnmächtig nieder, und wie sie die Augen aufschlug, stand ihr Geliebter an ihrer Seite. Sie breitete sehnend die arme aus, allein ihre Frauen, durch dies plötzliche Uebel erschreckt, trugen sie ins Freie, wo sie in der süssesten Verwirrung alles um sich her anstaunte, und selbst nicht zu unterscheiden wusste, ob ihr jenes Gesicht im Traume, oder wirklich erschienen sei. Von diesem Augenblick an genass sie. Die wiederkehrenden Blüten ihrer Schönheit, die Milde und die Weichheit in ihrem Betragen, alles täuschte ihre Freunde über den wahren Zustand ihres Herzens, das durch neue Hoffnungen belebt, eine verderbliche Liebe hegte. Das Kloster betrat sie nie mehr, wohl aber umfingen sie die dunklen Schatten dieser Bäume jeden Abend, in deren Geflister sie die Vergangenheit hervorrief. Einst sass sie hier bis spät in der Nacht, da trat der schöne Jüngling reich geschmückt vor sie hin. Schweigend sanken sie einander in die arme, und keins wagte die entzückende Stille zu unterbrechen. Da stürzte ihr Gemahl aus dem Dikkicht, und nach einem kurzen lautlosen Kampfe sanken beide zu Boden. Starr und tot lagen sie auf derselben Stelle, die nun ihr Grab geworden. Ich fand die Unglückliche ohne Zeichen des Lebens wie eingewurzelt an einen Baum gelehnt, während die kleine Viormona ruhig zu ihren Füssen schlief. Viormona! rief Rodrich aus, und seine Augen trafen die Inschrift des Leichensteins, die ihm bald sagte, dass jene wundervolle Gestalt, die ihn so unwiderstehlich fortriss, aus dem bittern Streit der quälendsten Gefühle hervorging.
Diese lebt in Glanz und Herrlichkeit, sagte der Greis, und weiss wohl wenig von den Leiden ihrer Mutter, die nur noch ein Jahr lebte, in welchem sie die prächtige Villa niederreissen und diese Capelle erbauen liess, die nun alle drei in ihrem Schoosse birgt. Rodrich konnte sich von dem Anblick der Gräber und der seltsamen Gedanken nicht losreissen, ob ihn gleich der Geistliche, durch Berufsgeschäfte abgehalten, bald verliess, und die Winke und das halblaute Flistern seines Dieners ihn zur Fortsetzung der Reise mahnten. Alle Schmerzen, alle Kämpfe eines ganzen Lebens, sagte er betrübt, sinken so schnell in die Vergessenheit, dass sie nur noch bei äusseren Anregungen in dem Gedächtniss eines verlebten Greises wieder erwachen. Was die Unglückliche liebte und litt, das ruhet mit dem armen herzen in der Erde. Ach, und Niemand, selbst die verwaiste Tochter ahnet ihre Qualen! Es konnte ihn nicht trösten, das nun alles vorüber, und das Leben wohl nur ein langer Traum sei. Dies spurlose Vorüberziehen einer grossen Gegenwart war ihm schmerzlich, und er konnte lange seine vorige Stimmung nicht wiederfinden.
Als er endlich wieder zu Pferde und auf dem Wege war, fragte ihn Felix, ob er nicht lieber bei der grossen Hitze in das Dorf einkehren wolle, um etwas zu geniessen, was ihnen dort nicht fehlen könne, weil der Gastwirt, wie er von den Vorüberziehenden erfahren, heute das Kindtaufsfest feiere, und die allgemeine Lust sicher gross sein werde.
Rodrich sehnte sich wirklich nach Erholung, und nahm den Vorschlag an. Da sie nun den schmalen Fusssteig zwischen den Weinbergen hinritten, die vollen Trauben lockend aus dem Laube winkten und die Wirklichkeit sich in tausend üppigen Gestalten wieder vor seinen Augen verdichtete, dachte er daran, dass er fast hier wieder, wie so oft im Leben, den Genuss des Augenblicks für eine ungewisse Zukunft hingegeben hätte, ohne zu erwägen, dass sich die verschmähete Freude dann gern in der getäuschten Erwartung räche.
Er war jetzt in das Dorf eingeritten, wo ihm fast aus jedem haus Gesang und Musik entgegen schallte. Vor einem derselben war das Mädchen aus der Kirche beschäftigt, in einer weit vorgebaueten geräumigen Epheulaube Tische und Stühle zu ordnen, während ein kleiner Mann ihr zur Seite alles verbessernd musterte, und sie zur Eile antrieb. Felix sagte mit grosser Zuversicht, dies sei unfehlbar der Gastof, und er möchte nur getrost hier absteigen. Rodrich trat unter das grüne Dach, und bat das Mädchen, welches ihm in der Erinnerung noch so heilig vorschwebte, bescheiden um Milch und Früchte. Allein der eilfertige Wirt liess ihr nicht Zeit zu antworten, er flog den vornehmen Gast zu bedienen. Rodrich setzte sich indessen zwischen den blühenden Ranken und freuete sich der lustigen Geschäftigkeit, die Gross und Klein in Bewegung setzte. Ueberall sah man Vorkehrungen zu dem morgenden Tage