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Sonne stand in voller Pracht über der glänzenden Kuppel und die nahe stehenden Silberpappeln zitterten wie tausend lichte Flämmchen in ihrem Schein. Er betrachtete sie noch aufmerksam, als die Messe eingeläutet ward, und der helle Klang durch Berge und Klüfte wiederhallte. In dem Augenblick vernahm er auch einen volltönigen Gesang und ein Trupp geschmückter Landleute ging aus einem nahen Dörfchen den Weg zur Kirche hinan. Vier Knaben mit langen Blütenzweigen und blendend weissen Tüchern, die sie hoch in der Lust flattern liessen, eröffneten den Zug, in ihrer Mitte ging eine Jungfrau mit einem neugebohrnen kind, dessen bunte Deckchen mit Blumen und Bändern geziert, den lustigsten Anblick gewährten. Hinter ihnen kamen Männer und Frauen im schönsten Festtagsputz, Crucifixe und Heiligenbilder tragend, die sie in frommer Andacht zum Himmel erhoben und bei jedem Schlusse des Chors ein freudiges Halleluja aus voller Brust anstimmten. – Rodrich hatte seit der Flucht aus dem Kloster nie eine Kirche besucht. Jene düstre Erinnerungen verschlossen sein Herz für die Seligkeit heiliger, hingebender Andacht. Nur einmal hatte er die Entzückungen des Gebets erkannt. Wie ein himmlisch Licht hatte es seine Seele durchdrungen, hingerissen, aufgelöst in Wonne hauchte er sein ganzes Wesen in einem unaussprechlichen Ton der Liebe aus. Was konnte ihm jenen Augenblick zurückführen, der das Ende seines Lebens hätte sein sollen! Wie konnten schaale Gebräuche ihn erheben, deren tägliche Wiederholung seine Kindheit so unbarmherzig trübten! Mit wahrer Bitterkeit hatte er sich davon abgewandt, und es sorgfältig vermieden, sein Inneres durch so gehässige Gefühle zu zerreissen. Hier in der Einsamkeit rührte ihn der einfache Gesang zum erstenmal, und als die frommen Knaben sich naheten, wiederholte er unwillkührlich die Worte des Liedes, bis ihn der Ton immer mehr fortriss, und er sich plötzlich am Eingange der Capelle befand. Er stieg vom Pferde und trat in das weite herrliche Gebäude. Ein schöner Greis mit glänzenden Silberlocken stand vor dem Hochaltar, vor welchem drei weisse Grabsteine eingesenkt waren. Auf einem derselben kniete die Mutter mit dem kind, das von ihren Lilienarmen umringt, hell und verheissend über die Gräber hinaus sah! Rodrich hatte sich dem Altar gegenüber an ein Monument gelehnt, hinter welchem herbeigelaufene Kinder leise Versteck spielten. Er betrachtete jetzt das steinerne Bild näher, das ihn halb verdeckte und erkannte bald den Tod in der Gestalt eines schönen Jünglings, dessen umgewandter Fackel, Blumen wie einem Füllhorne entströmten, während sich auf den Mohnstengeln Genien in einem Schlangenreise wiegten. Rodrich glaubte, dies Denkmal müsse Beziehung auf die Grabsteine haben, und als er dortin sah, war es gerade, dass der Geistliche das Kind aus des Mädchens Arm nahm und es schwebend über den Weihkessel hielt. Die vielfachen Bilder verwirrten sein Inneres. Er glaubte, die Gräber hätten sich aufgetan, und die Jungfrau träte mit dem Jesuskinde hervor, und reiche der harrenden Zeit noch einmal die ewigen Blüten des Lebens. Und als die Einsetzungsworte gesprochen, und Alles andächtig zur Erde sank, da kniete er weinend nieder, denn er sah die unaussprechlichen Martern, und den Erlöser am Kreutz; ihm war, als stehe das Elend und der Hohn und die Schmach schon bereit, ihn zu empfangen; ach, und die verkannte Liebe brach nun so plötzlich hervor, dass er sich lange nicht fassen konnte, als die Knaben schon ihr Lied angestimmt und die muntre Schaar an ihm vorüberzog. Sein Diener, den indessen weniger heilige Dinge beschäftigten, ging unruhig mit den Pferden unter den Bäumen auf und ab, und da er die Kirche leer sah und merkte und sein Herr nicht kam, so wagte er es, sich zu nahen und den Kopf durch eine Seitentür zu stecken, als die Pferde plötzlich ungewöhnlich stampften und wieherten, worauf Rodrich erschrocken aus seinen Träumen aufsprang, und durch ein versehen den losgehakten Degen mit grossem Geräusch die Stufen des Monuments herunter fallen liess. Der Capellan, der eben sein stilles Gebet geendet, sah verwundert umher, und als sich Rodrich entschuldigend nahete, sagte er heiter: es geht den Kriegern nicht anders, die einmal fromm sein wollen, die Welt ruft sie auf tausend Weisen zurück, und rächt ihr augenblickliches Vergessen durch irgend einen Hohn der Kirche.

Rodrich liess sich bald in ein weitläuftigeres Gespräch mit ihm ein, und eilte, ihn nach der Bedeutung des Denkmals und der Gräber zu fragen. Hier, sagte der Geistliche ernst, ruhen drei Herzen neben einander, die sich im Leben durch Hass und Liebe verfolgten. Es waltet oft ein furchtbares Verhängniss über den Sterblichen, der es erkennt und geängstet in die arme der Tugend flüchtet, aber die losgelassenen Wünsche ziehen ihn fort und fort ins Verderben. Die Erbauerinn dieser Capelle, fuhr er fort, war aus fürstlichem Stamme. Ihr leidenschaftlicher Sinn umfasste alles mit einer Heftigkeit, die sich bald in der Neigung zu einem schönen Knaben offenbarte, den ihr Vater im Pallast erziehen liess. Sie war nicht fest genug, diese Liebe auf Kosten des väterlichen Zornes geltend zu machen; daher beugte sie sich in die notwendigkeit, und das lockende Dunkel des Geheimnisses barg und nährte ihre Flammen. Wie denn aber Sicherheit und Gefahr oft Hand in Hand gehen, so nahete sich ihr die letzte, ehe sie es ahnete. Die Entdeckung ihrer Liebe liess ihr die Wahl zwischen dem Kloster oder der Hand eines vornehmen Verwandten. Der heitre Strom ihres Lebens war getrübt, ihr Glück zertrümmert, und dennoch schauderte ihr vor der Einsamkeit. Sie willigte also, nach den ersten Ausbrüchen des Schmerzes, in die vorgeschlagne Verbindung. Ihr Geliebter wandte