Er ist mein Freund, und seine Bekanntschaft mag Ihnen einmal erspriesslich sein, wenn im Laufe der Dinge sich manches ändert, und meine Hand Sie nicht mehr schützen kann. Rodrich ergriff die teure Hand und drückte sie gerührt an die Brust. Mein Sohn, sagte der Graf, ich hoffe, du bist meines Vertrauens wert, und meine zärtliche Vorliebe soll mich nicht getäuscht haben. Zügle dein strebend Gemüt und bewache dich in dunklen Augenblicken. Das Grösseste bist du fähig zu leisten, aber das Kleine geht unbeachtet an dir vorüber, und darum hüte dich vor der steilen Höhe, der du so kühn, ja ich möchte sagen, so frech entgegen fliegst. Die mitgeteilte Nachricht sollte dich aus deiner dumpfen Gleichgültigkeit aufschrecken, du bist aber so gespannt, dass ich vor meinem Geheimnisse fürchte. Darum sammle dich, und reise morgen in aller Frühe. Heute Abend erhältst du die nötigen Instruktionen. Die Reise soll dir, denke ich, in jeder Art gut sein. Ach, mein Vater, sagte Rodrich, wie demütigt mich diese Güte, und wie zerrinnen meine hochfliegenden Plane vor dieser ruhigen klarheit, und der Sicherheit eines so schuldlosen Gemütes! Ich bin wohl recht unglücklich, dass mein Gefühl so oft in mich zurückgedrängt ward, und der starre Trotz die mildesten Regungen gefangen nahm. Mir ist davon in manchen Stunden eine Kälte geblieben, die mich oft selbst geschreckt, und die nur solcher Liebe weicht. Der Graf umarmte ihn, und bat ihn zu Rosalien zu gehen, die gern von Miranda und der Gesellschaft diesen Abend hören wollte.
Er fand sie äusserst matt, durch Erschöpfung entstellt, neben der gräfin sitzen, die bemühet war, aus verschiednen vor ihr liegenden Büchern, eine leichte fast spielende Unterhaltung aufzufinden. Mit grosser Geduld nahm sie ein Heft nach dem andern zur Hand, wenn Rosaliens unruhige Blicke die innere Langeweile verkündigten, und lächelnd, wie der Genius des Lebens, verhiess sie ihr von jedem Neuen Genuss. – Das ist noch mein grösstes Elend, sagte die Kranke bei Rodrichs Eintritt, dass ich zu dem Geist- und Herzertödtendsten meine Zuflucht nehmen muss, um die innere Angst los zu werden. So lange ich den Schmerz liebte, war ich eine seelige Martyrerinn. Jetzt ist das weit anders. Eine rechte sehnsucht nach dem freudigen Leben der Jugend drängt und quält mich. Ich möchte die Fesseln eignen Unvermögens zersprengen, und mich der Lust der Welt hingeben. Die Briefe, ach die unglückseeligen Briefe, haben mich so verwirrt. Seitdem führen mich alle Träume in jenen Zauberkreis zurück, und mir ist, als müsse ich das Fliehende erjagen. Seraphine glaubte wirklich in diesem unstäten Verlangen die ersten Regungen rückkehrender Lebenslust zu entdecken, und freuete sich Rodrichs Ankunft, dessen frühere Neigung ihr wie dem Grafen frohe Hoffnung einflösste. Aber in Rodrichs Innerem wogten die aufgefassten Bilder unruhig durcheinander, und die verworrenen Anklänge hemmten jedes stille Ineinanderfliessen der Gefühle. Jetzt insbesondere, da sich die helleste Ferne vor ihm auftat, und alle ängstigenden Rücksichten vor einem freien, beweglichen Leben schwanden, jetzt fühlte er sich in der Nähe dieser gestörten natur gedrückt, und die Zuckungen ohnmächtigen Schmerzes legten sich erkältend an sein Herz. So kam es denn, dass er, ohne sonderlich auf Rosaliens Worte zu achten, einzig um quälende Gedanken zu verscheuchen, von Teresens Bekanntschaft, ihren Umgebungen und dem Eindruck des Ganzen sprach. Seraphine stimmte seinem Lobe bei, und setzte hinzu, dass ihr nichts so auffallend gewesen sei, als wie die prinzessin bei der fast verschwindenden Weichheit ihres Charakters, ihrer kleinen Zauberwelt diese Haltung und Einheit gegeben habe. Freilich, sagte sie, spricht alles die zarteste Milde aus, aber auch diese hat ihren bestimmten Charakter, und man vermisst in ihrem ruhigen Schein den Mangel an grossen Gegenständen nicht, da das Ganze weder farblos noch peinlich ist, und in sich einen grossen Reichtum hat. Es ist kaum zu begreifen, wie sie hier so sicher geht, da sie oft im Leben durch zu zärtliches Nachgeben ein Ansehen von Willenlosigkeit erhält, das Mancher missbraucht. Vor allen, sagte Rodrich, ist mir diese Nachsicht bei Elwiren auffallend gewesen, deren flache Unterhaltung sie nicht einmal zu ermüden schien. Nun Elwiren nehme ich in Schutz, sagte die gräfin, das ist ein zierliches Wiesenblümchen, das an seinem Platz unendlich reitzend sein würde. Sie hat nur das Schicksal anzuklagen, welches sie in diese Kreise versetzte. Ein Anflug halber Bildung, wie der Wunsch neben Miranda nicht ganz zu verschwinden, heben sie zuweilen über sich selbst hinaus. Sonst ist sie die Güte, die Sanftmut selbst, und die ganz eigne Liebenswürdigkeit ihres wohlwollenden Gemütes bricht frei hervor, sobald der Wunsch zu glänzen nicht mit der inneren Unzulänglichkeit kämpft. Es ist überall schwer, den Punkt anzugeben, wo man eigentlich steht, vorzüglich denen, die nicht zu den höhern Stufen gehören. Und was ist denn am Ende hoch und niedrig? wir sind mit dieser Rangordnung sehr schnell bei der Hand, indem wir uns selbst unbedingt auf die Spitze stellen. Rodrich war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um irgend einen Gedanken fest ins Auge zu fassen, am wenigsten, um ihn ruhig zu bestreiten, nur schien ihm Seraphine mehr wohlwollend als zärtlich, und ihr Urteil eher durch friedliche Gesinnungen, als durch klare Einsicht bestimmt zu sein. Schon in frühern Streiten mit Alexis, erkannte er diese behagliche Ruhe, die sich so gern mit allen befreunden, und die scharfe Ecke aus dem Leben verbannen