sein verborgnes Gefühl aufzudecken, und sagte gleichgültig: warum wollen wir Vergleiche anstellen? Ich hörte ja eher von dir, dass jedes in sich schön sei, und man das Urteil nicht durch Verrückung des Standpunktes verwirren müsse. Du hast Recht, erwiderte Stephano, eine Vergleichung ist hier so unmöglich, wie ein Verein dieser Gemüter. Ich glaubte dich nur für das ganz Entgegengesetzte nicht so empfänglich. Das ändert freilich viel. Unser Interesse ist geteilt, und du wirst mich so wenig verstehen wollen, als ich dir verständlich sein kann. Nimm es nicht so ernstlich, sagte Rodrich einlenkend, aber gestehe mir, dass ihr Schicksal hart ist, und nichts den menschlichen Stolz so empört, als die Verletzung angeborner Rechte. – Wer kann, erwiderte Rodrich, im steten Wechsel des Lebens das Fliehende aufhalten wollen. – Und wie darf der Einzelne mit dem Schicksal rechten, da seit Jahrtausenden das ewige Spiel wiederkehrt und der verschollne Name ganzer Geschlechter, deren ehemalige Grösse mit dem Staub ihrer Gräber verwehete, in die spurlose Vergangenheit sinkt. Flüchte nicht so zu dem Allgemeinen, sagte Rodrich, wenn das Leiden beschränkter Gegenwart uns nahe tritt. Dieser blick darf den Menschen wohl über sich selbst erheben, aber die lebendige Teilnahme soll er nicht ersticken. Was nennst du so? fragte Stephano. Wo das scheinbare Uebel Segen bereitet, da kann ich die augenblicklichen Schmerzen lindern, die fortlaufende Kette der begebenheiten aber niemals eines einzelnen Vorteils wegen zerreissen wollen. Jedes Uebel, entgegnete Rodrich, ist von deinem Standpunkt aus scheinbar, und darf das kurzsichtige Menschenauge bestimmen, wie nahe oder fern das erwartete Ziel sei? Ist es nicht frech, so zermalmend hinzutreten und der weinenden Menge neue Blüten aus den zusammengestürzten Trümmern zu verheissen? Wie warm du die Rechte der Menschheit vertrittst, sagte Stephano, seit ein schönes Auge beredt in das deine sah. Aber vergiss nicht, dass du kurz zuvor über dumpfes Hingeben, Beschränkteit des Willens und Armut kräftiger Gedanken klagtest, dass dir die hergebrachte Weise erdrückend schien, und dass dein Urteil, durch individuelle Beziehungen bestochen, einseitig ausfällt. Und kannst du die alte Ordnung herstellen, ohne die neue zu zertreten? Und welches blutige Zeichen müsstest du über ein Land aushängen, das dich gastlich aufnahm, das Miranda's milder Sinn beherrschen wird? Ist Miranda gewisse Erbin des Reichs? fragte Rodrich schnell. Nicht ohne Widerstand, sagte Stephano, aber ich habe auf dich, wie auf die Bessern, gerechnet, und ich gelobe es fest, diesem hohen Ziele mein lebendigstes Streben, ohne irgend eine anderweitige Rücksicht, zu weihen. Rodrich bewunderte, wie Stephano, sich selbst täuschend, die Herzensschwäche hinter Vaterlandsliebe verberge. Indessen konnte er nicht leugnen, dass er sich ihm wahr zeigen wolle, und er schwankte, ob er diese Offenheit nicht durch die freieste Hingebung vergelten, und jedes Missverständniss lösen müsse, als eine Botschaft des Grafen ihn eilends dahin abrief.
Er hatte dem edlen Beschützer lange nur die gewohnte achtung gezeigt, zu welcher sein äusseres verhältnis ihn zwang, ohne ihm die dankbare Liebe zu beweisen, die in den ersten Augenblicken sein Herz erfüllte. Er schämte sich jetzt, vor ihm zu erscheinen, und trat mit einiger Verlegenheit in dasselbe Zimmer, wo er das Schwerd und die heilige Weihe seines Standes empfing. Der Graf trat ihm, wie damals, heiter entgegen, und sagte nach den ersten Begrüssungen: junger Freund, Sie wissen, ich lasse jeden seinen Weg gehen, ohne dass es mir, selbst bei denen die mir näher sind, einfiele, das Schicksal spielen, und ihnen eine eigenmächtige Richtung geben zu wollen, indessen glaube ich ohne Anmassung sagen zu können, dass mir der Ihrige nicht gefällt. Der innere Missmut leitet sie abwärts, mit halbem Herzen tut man auch nur das Halbe, und der Soldat braucht mehr als ein Anderer frischen Lebensmut, um sich selbst anzugehören. Das Gewöhnliche darf ihn nicht ermüden, weil es zu dem Ausserordentlichen führt; und wo die rechte Lust und Heiterkeit nicht obenauf schwimmen, da wird der Bodensatz des Gemeinen die schwerfällige Kraft bald erdrücken. Auch im Kriege ist es nicht viel anders. Das Seltene und Grosse läuft einem auch hier nicht bei jedem Schritt entgegen, und muss man sich oft durch langweiliges, mühseliges Harren hinschleppen, ehe der erste Augenblick eintritt. Freilich, setzte er beruhigend hinzu, als Rodrich beschämt zur Erde sah, freilich bedarf der Eine einen grösseren Wirkungskreis als der Andere, und so wird Sie die nahe Aussicht des Krieges freuen! Des Krieges? fragte Rodrich, aus allen drückenden Gefühlen plötzlich emporgerissen. O mein edler Wohltäter, Sie sollen mich noch freudig in Ihre arme schliessen, und es nicht bereuen, den Jüngling grossmütig beschützt zu haben, der alle Glut eines lebendigen Lebens der Ehre und der Dankbarkeit weihete. Wann und wohin ziehen wir? fragte er mit verlangenden Blicken. So weit sind wir noch nicht, erwiderte der Graf lächelnd. Es ist nur von der Aussicht, nicht von der Gewissheit des Krieges die Rede; eine grössere Macht bedroht die Selbstständigkeit des staates, der Herzog kennt die Würde seines Namens und ehrt sein Volk. Er ist zu jedem Widerstande bereit. Wir erwarten nur das Ende einer Unterhandlung, deren Zweck abzusehen ist, um dem Feinde entgegen zu gehen. Die Grenzregimenter haben bereits geheime Ordre sich marschfertig zu halten, und ich werde Sie mit Aufträgen zu einem unsrer Generale schicken, der bei der jetzigen Lage der Dinge einen bedeutenden Posten hat.