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meinte, ich würde wohl selbst von dieser Torheit, wie er es nannte, genesen. Nach und nach erhielt indessen unser verhältnis eine Art von Gültigkeit vor der Welt, nur ward Ludoviko fortgesetzt kalt, ja feindselig von meiner Familie behandelt, was mich den bittersten Kämpfen hingab, und oft dahin trieb, meine Wünsche und Hoffnungen hinzugeben, um ihm ähnliche Kränkungen zu ersparen. In einem solchen Augenblick schrieb ich ihm, als er den Herzog auf einer Reise begleitete, diese Worte, die ich der merkwürdigen Auslegung wegen späterhin wieder aufzeichnete und hier bewahre.

"Wie lieb' ich Dich, mein Ludoviko, der schonenden Ruhe wegen, mit der Du jede Unannehmlichkeit erträgst, die Dich meinetwegen trifft. Aber glaube nur, gerade was mich unauflöslich an Dich kettet, das flösst mir oft den Gedanken ein, mich selbst aufzuopfern, um Dich unter würdigern Umgebungen ein schöneres Glück geniessen zu lassen, als Dir meine Liebe gibt. Ach! fühle es nur, wie ich ganz in Dir lebe, um so etwas denken zu können, und bist Du stark genug, Dich meinetwegen zu verleugnen, so tödte die Schwäche nicht, mit der ich dennoch meinen Wünschen schmeichle."

Bald darauf erhielt ich folgende Antwort.

"Dahin hat es also die kurze Trennung gebracht! Rosalie, so schnell konntest Du den Gedanken fassen, mich aufzugeben? so geläufig ist er Dir geworden, dass Du mir ihn ohne Rückhalt mitteilst? Will sich denn alles von mir wenden, und soll ich jede freudige Erscheinung meines Lebens schwinden sehen! Aber Du hast Recht. Der Kampf, der Dich zwischen Deinem Bruder und mir hin und her treibt, fällt Deiner sanften Seele zu schwer. Einen von beiden musstest Du fahren lassen. Ich weiche, Rosalie. Du hast mich die notwendigkeit einsehen gelehrt, und ich muss die zarte Hand segnen, die mir so schonend diese Wunde schlug."

Ich war weit entfernt das Gift zu ahnen, das hier verborgen lag, und sah in allem nur ein Uebermaass leicht zu verletzender Zärtlichkeit. In diesem Sinne und in einem Gemisch von Unruhe und dankbarer Rührung schrieb ich ihm eines Morgens, als mein Bruder mit so verstörtem Gesicht zu mir hereintrat, dass ich erschrocken aufsprang, ohne den Mut zu haben, nach der ursache seines Kummers zu fragen. Er ging schweigend auf und ab, dann nahete er sich mir mit einem blick, in welchem Tod und Verderben lag. Rosalie, sagte er mit zitternder stimme, wir sind beschimpft, Ludoviko hat dich verlassen, und mich und uns Alle dem Gelächter preisgegeben. Ich weiss nicht deutlich, was ich damals empfand, allein ich erinnere mich, dass ich freier atmete, seit ich wusste, was ihn so gewaltsam bewegte. Ich hatte etwas Aergeres gefürchtet, und sagte nur: also ist er doch nicht tot? – Wollte Gott, er wär' es, erwiderte Fernando; aber zweifle nicht an seinem Untergang, so lange ein Atemzug in mir ist, soll er die Schmach büssen. Oder trauest du meinen Worten nicht? Glaubst du, man kennet mich nicht genug, um mir ein leicht ersonnenes Mährchen aufzuheften. Sieh, ich schwöre dir, er ist für dich verloren. Gestern war seine Verlobung mit einem schönen, unschuldigen Mädchen, das sich ihm so vertrauend hingab, wie du. Aber ich will diese Taube retten. Der Weg zum Altar geht nur über meine Leiche. Ich hatte alles in dumpfer Verwirrung angehört, und wusste nicht, was ich glauben und fürchten sollte. Mein Bruder schloss mich ungestüm in die arme, und nachdem er mich auf die Stirn geküsst, sagte er: so stähle ich dich gegen alle glattzüngige Verführung, und könntest du diesen Kuss vergessen, so möge er dich brennend an meine Worte mahnen. Er stürzte ausser sich zum Zimmer hinaus, ach! und niemals fühlte ich das treue Herz wieder an dem meinigen schlagen! Sie hielt einen Augenblick ein, dann sagte sie: wenn ich einen Augenblick nachdenke, wie alles plötzlich so da stand, wie es mir oft in Fieberträumen vorschwebte, so ist mir's unbegreiflich, wie der Mensch die warnende stimme überhört, die oft so furchtbar aus seinem inneren heraufdringt, und wie die anschwellenden Wogen ungezügelten Verlangens ihn von Klippe zu Klippe reissen, bis das lang Gefürchtete, Ungekannte ihn aus tausend Augen ansieht und er in dumpfer Verwirrung dem Verderben in die arme sinkt! Ich fasste auch damals mein Unglück nur halb. Fernando hatte mich erschüttert, ohne mich zu überzeugen. Welch schuldloses Herz ahnet auch diese Verräterei! Ludoviko's Brief löste endlich jeden Zweifel, und meines Bruders blutige Gestalt drängte mich aus einer Welt, wo mir nie eine Freude blühet!

Sie nahm hier ein Blatt aus dem Kästchen, und gab es Rodrich, der in der heftigsten Bewegung folgendes las:

"Du hast es gewollt, meine Rosalie! Ich folgte Deinem Wink, und fasste die Hand eines frommen Kindes, das auf der Welt Niemand hat, als mich, und dessen freies Gefühl dem mann unbedingt angehört, der es zu beschützen und durchs Leben zu führen verhiess. Warum sollte ich es Dir verhehlen, dass ich mich in meiner jetzigen Lage ruhiger fühle, wo ich auch dich frei von ängstlichen Kämpfen und unsre Gefühle zu einer schönen Freundschaft veredelt sehe, die, sich nach den Umständen modifizirend, einen ganz eigentümlichen, Dir angemessenen Charakter behaupten wird. Wie könntest Du auch ein Band lösen wollen, das Du selbst so fest