1806_Fouqu_018_24.txt

halben Weg zu führen, um ein verpfuschtes Leben durch ohnmächtiges Wollen und törichtes Vollbringen zu verwirren, das war jenen frühern Dichtern fremd, die alles scharf und bestimmt ausser sich hinstellten, und wie die Urkräfte der natur das Chaos gewaltsam durchbrachen. – Das mag sein, sagte die gräfin, aber wir sind längst über den Zeitpunkt hinaus, wo das rohe Walten jener Kräfte dem Menschen so nahe lag, dass er sein eigenes Dasein darin wiederfand, und wie Sie es auch stellen mögen, die Erscheinungen heutiger Zeit sind dennoch milder, beruhigender, kurz unserm Herzen verwandter. Je beschränkter der Kreis, erwiderte der Gelehrte, je näher berühren sich die Gegenstände, und dem ungeachtet, könnten Sie plötzlich das allgemeine Band einengender Rücksichten von den Herzen der Menschen lösen, und mit ihm den Schein des Gleichartigen weghauchen, Sie würden jetzt, wie damals, das Hohe vom Niedern getrennt im schärfsten Gegensatze erblicken. Dass so oft das einzelne Grosse in der allgemeinen Nichtigkeit verschwimmt, dass liegt nicht sowohl daran, dass die Menschen nicht können, was sie wollen, sondern dass sie nicht wollen, was sie können. Nun, erwiderte Seraphine, ich kann und will Ihnen gute Nacht sagen und dem langweiligen Streite ein Ende machen, wo jeder Recht behält; denn ich will nun einmal nicht die lustige Gegenwart für jene halb verwischte, unkenntlich gewordene Bilder der Vergangenheit hingeben. Wer so frisch und lebendig in ihr erscheint und alles um sich her verschönt, sagte der Gelehrte, der hätte auch Unrecht, eine so reitzende Einheit zu unterbrechen. Gottlob! sagte sie lachend, Sie ersetzen mir den Ritter; nun, wir wollen bald mehr streiten, jetzt schlafen Sie wohl. Sie eilte an des Grafen Arm zum Wagen, und liess Rodrich mit den beiden Andern zurück, die das Gespräch noch weiter fortsetzten. Sie verkennen in der Tat das Streben heutiger Welt, sagte Stephano, das sich gerade in der allgemeinen Verwirrung dartut. Sehen Sie denn nicht den Wunsch alles zu umfassen, sowohl aus dunklen als erkannten Regungen hervorleuchten. Und ist es nicht natürlich, dass, seit die Richtungen mannichfacher wurden, der Einzelne den aufgeschlossnen Weg nicht mehr so streng verfolgt, sondern sich nach allen Seiten neigt und die Kräfte auf tausend Weisen übt. Mich dünkt aber, sagte Rodrich, der erweiterte Kreis werde den inneren Reichtum nicht schmälern, so bald ein fester Punkt da ist, wohin man zurückkehrt, und es ist ja nach früher geäusserten grundsätzen auch wohl Ihre Meinung, dass darin die Consequenz der Allseitigkeit bestehe, in Vielem das Eine aufzusuchen und zu reflektiren. Ganz richtig, erwiderte Stephano, aber dies Eine ist jetzt nicht sowohl der Mensch, als die Menschheit überhaupt. Dasselbe, sagte der Gelehrte, war weit früher und auf eine weit würdigere Weise die Tendenz des christentum, und ist die Aufopferung des Individuums im Staale bei den Römern etwas anderes? Ganz gewiss, erwiderte Stephano, denn Christentum und Römischer Staat sind zwei abstrakte Begriffe, die sich in der idee der Menschheit erst auffinden. Daher die Einseitigkeit, zu der beide ausarteten. Und was ist denn die jetzige Universalität? fragte der Gelehrte. Ich sage nicht, dass sie überall schon etwas ist, erwiderte Stephano, allein man darf ahnen, wohin alles führt. Manches Licht glüht im Verborgnen, undein zerlumpter Knabe nahete sich hier mit einer Laterne, und fragte, ob er ihnen zu haus leuchten sollte. Sie sahen mit Erstaunen, wie das alles leer und dunkel um sie war. Der wieder aufgezogene Vorhang zeigte ihnen die erloschnen Lampen, und schmutziges Gesindel, das den Weihkessel der Prophetinnen, Birnams Wald und Maebets blutiges Schwerdt hin und her zerrte. Das nackte Gerüst blickte sie frostig nach dem lebendigen Spiele an, der Zugwind strich durch die geöffneten Türen und bewegte die halb sichtbare Talia auf dem Vorhange schauerlich hin und her, das letzte Licht erlosch und sie mussten des Knaben Anerbieten benutzen, um die langen Gänge hindurch zu finden. Schweigend begrüssten sie einander im Vorhofe, und jeder ging den eignen Weg.

In Rodrichs Seele stiegen dunkle Ahnungen auf, und kämpften mit dem unbezwinglichen Drange nach Grösse und Herrlichkeit. Was ist es denn mit den Wünschen der Menschen, sagte er mutlos, wenn ihn am Ziele die vergeudete Kraft und die hingeworfene Blüten unter Trümmern eines gescheiterten Glückes begraben, und alles was ihn hier bewegte, in einen erstarrten Blutstropfen zusammendringt! Und wird nicht einem jeden, wenn die Jugend zerronnen und der frische Glanz verblichen ist, die Wirklichkeit wie ein Gerippe erscheinen? Täte man denn nicht besser, sich langsam vom Strom dahin treiben zu lassen, wohin man doch einmal gelangt, als mit ängstlicher Hast die wohltätige Trägheit der Zeit zu beflügeln? Hier ging ein Mädchen mit einer Cyter vorbei, von deren vorüberrauschendem Gesange er nur folgende Worte erhaschte:

Lass die Schatten zieh'n und wandeln,

Flüchtig Spiel fand nimmer Stillstand,

Wünsche wechseln wie Gedanken,

Bleibend Licht erfreut hier Niemand.

Leben ist ein streitend Lieben,

Lieb' im Streit des Lebens Anfang,

Wie sich Mut und Kraft entbinden,

Strömt erst siegend kühler Balsam.

Die schlanke Gestalt hüpfte so leicht über die Strasse hinweg, während sie mit den zierlichsten Bewegungen den Takt der Musik angab, dass ihr Rodrich noch lange nachsah, als die Töne schon in der Ferne verhallten, und er nur noch ganz schwach "Leben ist ein streitend Lieben" zu hören glaubte, Worte die sein Herz mit der wehmütigsten sehnsucht erfüllten. Er konnte sich