ihr eigentlich nicht wehe tun. Er meinte, es solle sich alles so fügen, und es ist wohl nicht unbedeutend, wie das Schicksal so kurzsichtiger Plane spottet. Der lächelnde, schwankende Ludovico, der nichts als gefallen und der herrschenden Meinung jedes Opfer bringen wollte, musste die unsichre Hand in das edelste Blut tauchen und scheu das Vaterland fliehen. Es ist unbegreiflich, sagte Rodrich, wie Rosaliens hohe natur sich bis zu ihm neigen konnte! Die gänzliche Charakterlosigkeit, erwiderte Stephano, hat dies mit der reichsten Fülle gemein, dass sich in beiden die ganze Welt spiegelt. Frauen wollen in der Regel im Einzelnen das Ganze umfassen. In der gränzenlosesten Hingebung vergessen sie, dass sich der leere Grund flacher Seelen wie eine Schraube nach allen Seiten dreht, und nur den Schein des Bildes aufnimmt. Erwägen Sie noch, sagte die gräfin, dass der erste blick, der ein unbewachtes Herz berührt, für das ganze Leben entscheidet, und die spätere Überlegung jenes Zusammenfallen keimender Gefühle nicht wieder aufhebt. Tiefen Gemütern bleibt dann der Schmerz, indessen Leichtgesinntere mit der Liebe spielen, oder sie, wie ein verzehrendes Gift scheuen. Eine flüchtige Röte überzog bei diesen Worten ihr Gesicht. O, sagte sie schnell, als der Graf ihr lächelnd die Hand reichte: gedankenlose Tändeleien gehören nicht hieher. Ich bin leicht über das Leben hingegangen, ohne je meine Eigentümlichkeit einzubüssen, und was mir Eitelkeit als wahr aufdringen wollte, habe ich bald gegen etwas edleres vertauscht, setzte sie schmeichelnd hinzu, und hüpfte, als der Wagen eben hielt, zu dem breiten schönen Portal hinein, an dessen Eingang der Gelehrte stand, und ihnen sagte, dass der Herzog oben und das Spiel bereits angefangen sei. Was wird denn gegeben, fragte Seraphine gleichgültig? Alle lachten, dass Niemand bisher daran gedacht hatte, und als der Gelehrte Macbet nannte, sagte die gräfin, ich hätte so etwas erwarten können, da der Herzog zugegen ist. Liebt er das Tragische so ausschliessend, fragte Rodrich? Ich weiss nicht, erwiderte Seraphine, allein es ist, als wolle er sich an den Riesengestalten aufrichten, und als bedürfe er es, alle Schauer der Hölle ausser sich zu sehen, um innerlich ruhiger zu werden. Wieder das alte Misstrauen, rief der Graf unwillig; ich dächte, vorherrschende Neigungen sollten in Dir eine billige Richterinn finden. Nun mindestens, erwiderte sie, wollen die schlaffen Sinne durch eine derbe Erschütterung gehoben sein, denn so ausser allem Zusammenhange mit dem übrigen Menschen stehen seine Neigungen doch wohl nicht. Ich weiss nicht, sagte der Gelehrte, ob die sehnsucht nach dem Gediegenen, in sich Feststehenden, gerade von einer kraftlosen Seele zeugt, oder ob nicht vielmehr dies Bedürfniss selbst schon erweckte Kraft ist, die sich nach einem Wiederschein von aussen sehnt. Auch für Sie, sagte die gräfin lachend, ist es genug, dass man den nordischen Dichter liebt, um etwas Edles in dieser Vorliebe zu finden! Gewiss, erwiderte er, sind es nur befangene Menschen, die sich in ihm so wenig als in der reichen Gestaltung der natur finden können. Das Nationale der Farbenmischung, so wie alles dasjenige, was dem Zeitmoment angehört, sollte billig für Niemand eine Störung sein, der die mannichfache Bedeutung der natur aufsucht. Und wie Shakespear auch in der bloss äussern Darstellung frühere Zeitalter verstand, wie südliche Glut in ihrer höchsten Fülle, in der zartesten Lieblichkeit ihn durchdrangen, das sehen wir in den historischen Stücken und in Romeo und Julie.
Sie traten jetzt in die Loge, und Rodrich ward durch den Anblick der wogenden schimmernden Menge, die das weite Haus umfasste, wie durch den Glanz der herzoglichen Umgebungen angenehm überrascht. Er kannte bis jetzt nur einzelne herumziehende Truppen, und der hohe Maassstab römischer Amphiteater war zu dem beschränkten Raum elender Breterbuden zusammen geschrumpft. Jetzt eröffnete sich ihm ein neuer ungeahneter Genuss. Vergangenheit und Gegenwart traten lebendig vor ihn hin und rissen ihn unaufhaltsam fort. Die Schauspielerinn, welche Lady Macbet darstellte, spielte mit einer erschütternden Wahrheit. Rodrich fühlte die Gewalt, mit welcher sie den in seiner Grausamkeit schwankenden Gemahl zum Ziele riss. Und als nun die Tat geschehen war, und die freche Sünde noch einmal mit der Reue stritt, bis diese sie gespenstisch anfasste und der bleiche Tod auf den starren Zügen lag, da überfiel ihn eine Angst, dass er kaum aufzublicken wagte. Um sie los zu werden, teilte er Macbets Trotz, und focht in Gedanken für ihn um den Tron, bis sein blutiges Haupt die furchtbare Prophezeiung löste und das Verderben der Rache die Hand bot.
Rodrich sass mit klopfendem Herzen da, auf allen Gesichtern lag Entsetzen. Zufällig blickte er nach der herzoglichen Loge. Die tief gebrannten Lichter warfen unsichere Schatten, ihm war als schwankte der Herzog und wolle niederfallen, unwillkührlich sprang er auf, als ihn Seraphine bei der Hand fasste, und unruhig sagte: Lassen Sie uns fortgehen, die blutigen Gestalten ängsten mich. Fühlen Sie wohl, sagte der Gelehrte, wie ächte Poesie durch alle zeiten fortschreitet und nach Jahrhunderten die innere Wahrheit sich in aller Herzen behauptet. Ich wünschte, sagte die gräfin, sie nahete sich in freundlichern Gebilden; diese Verzerrungen bemächtigen sich wohl des Gefühls, lassen aber eine widrige Störung zurück. Es kommt darauf an, erwiderte er, ob man bei dieser stehen bleibt, oder bis zur idee des Gedichts hindurchdringt. Das Laster in dem verblichnen Schein matterziger Tugend auftreten zu lassen, so wie das Verbrechen auf den