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niemand zu haben, in dessen aufblühendem Dasein sie jene entschwundene Hoffnungen und Freuden wiederfände. – Ganz anders blickte Rodrich auf sein verlassenes Leben! Hatte je eine Mutter Freudentränen auf sein kümmerliches Lager vergossen? oder waren die matten Wünsche eines sterbenden Greises die einzigen Segnungen, die für ihn zum Himmel stiegen? Warum musste er unter Tausenden so lossgerissen und verlassen da stehen! Was war alle Teilnahme fremder Menschen gegen das innige Zusammenhalten, das Ineinanderströmen aller Gefühle einer Familie! Ach, und wie durfte der glückliche klagen, der in der bedrängten Gegenwart noch die Erinnerungen seeliger Vergangenheit rettete. War er nicht überall, auch an Florio's Seite, ein Fremdling gewesen? und sah ihn die sorgsame Mutter aus ihrem Kreise treten? Drängt mich, fragte er sich bitter, das Schicksal etwa darum so gewaltsam in mich selbst zurück, dass die riesenhaften Wünsche übermässig emporschiessen und ich die Welt wie ein Atlas auf meinen Schultern tragen soll? Die inneren Schatten gingen über sein düsteres Gesicht, und Seraphine, die ihn eine Zeit lang angeblickt, sagte lächelnd: mir wird fast bange in dieser trüben Gesellschaft. Kinder, ich bitte Euch, lasst uns nur einmal wieder aus voller Seele lachen und aller störenden Erinnerungen vergessen! Was hülfe das, sagte Rosalie, der Schmerz lebt immer wieder auf, man wird ihn trotz allem Widerstande niemals los. Sagen Sie das nicht, erwiderte Stephano, es ist entweder überall, oder nirgend Glückseligkeit zu finden. Wie verstehen Sie das? fragte Rosalie. – Ich meine, erwiderte er, wer es dahin gebracht hat, die Bedeutung jeder Störung zu ahnen, müsse die innere Harmonie sogleich wiederherstellen und über jeder momentanen Unterbrechung schweben können. Das kann nur die Unschuld, oder die göttliche Weisheit, erwiderte Rosalie, was dazwischen liegt, wird gleich einem Ball hin und her getrieben, und erliegt endlich der steten Anstrengung. Ach, und sagte nicht der Heiland am Kreutze: Herr, wenn es sein kann, so lass diesen Kelch an mir vorübergehen! Warum sollten wir uns mit einer störrigen Tugend brüsten, die jeder irgend einmal verleugnet. Es ist doch eigen, sagte der Graf, der während dem nachdenkend auf und ab gegangen war, wie Familienähnlichkeiten so wiederkehren. Ich hatte einen ältern Bruder, den mir Alexis lebhaft zurückruft. Er verschwand einem Freunde zu Liebe aus der Welt, und sein verschollnes Andenken lebt nur noch in meiner Brust. Wir beide, setzte er hinzu, erregten den Zorn der Geistlichkeit, weil wir der Kirche einen Diener entzogen, weshalb ich auch mein Vaterland niemals wiedersah! Auch Alexis Mutter traf das Schicksal ihrer Brüder. Eine schnell vollzogene Heirat rettete sie nur vor kränkenden Verfolgungen. So gewiss ist es, sagte er halb vor sich, dass der Einzelne, wie er sich selbst ungetreu wird, alle Andre mit ins Verderben zieht. – Die Zeit, fuhr er nach einer Weile fort, hatte nach und nach einen teil unsrer zerstreuten Familie hier wieder versammelt, und wer weiss, wo wir noch einst den teuren Jüngling antreffen! In der geliebten Heimat, mein Vater, sagte Rosalie, wo die beruhigten Herzen still an einander schlagen und alle Wünsche sich in einer seligen Umarmung auflösen. Der Graf blickte wehmütig auf ihr bleiches Gesicht und drückte sie schweigend an die Brust. Vergebens hatte Seraphine wiederholt gesucht das Gespräch auf freudigere Gegenstände zu lenken; sie stand endlich ermüdet auf, und begann hunderterlei kleine Geschäfte, wobei sie unruhig nach der Uhr sah und jedem vorüberrollenden Wagen verlangende Blicke nachsandte. Rosalie, die es bemerkte, sagte endlich: Geliebte Seraphine, Ihre Wünsche tragen Sie nach dem Schauspiel. Lassen Sie doch, um alles, durch mich die gewohnte Lebensweise nicht unterbrechen; ich wäre sehr unglücklich, wenn meine Gegenwart auch Ihre schuldlosen Freuden trübte. Und glauben Sie nur, setzte sie hinzu, als die gräfin im Begriff war, den Vorschlag abzulehnen, ich bedarf der einsamen Stunden, um mich zu sammeln, und Ihnen Allen ein heitres Gesicht zu zeigen. Der Graf war Rosaliens Meinung, und fand es um so notwendiger, gerade heute öffentlich zu erscheinen, um des Ritters schneller Abreise den Anschein des Gewöhnlichen und Vorhergesehenen zu geben. Du weisst, sagte er, wie sehr die allgemeine Aufmerksamkeit auf unser Haus, als Fremdlinge und Anhänger der neuen herzoglichen Familie, gerichtet ist, und wie oft man sich schon der inneren Störungen gefreut hat. Seraphine sah ihre Wünsche gern durch so triftige Gründe gerechtfertigt und lud Rodrich und Stephano ein, sie zu ihrer Loge zu begleiten. Rosalie reichte ihnen beim Abschiede die Hand, und sagte gerührt: geht nur, Ihr Glücklichen, die noch alles freut und jede neue Lust eine frohe Zukunft voraussagt; was Euch bewegt, glühete auch einmal in diesem verödeten Herzen!

Als ihr Wagen an den Fenstern vorüberrollte, wo die einsame Rosalie wie ein Marmorbild an einer Säule lehnte, hub der Graf an: Wenn ich nur begreifen könnte, wie das tiefe Gefühl der Frauen so oft der kalten herzlosen Eitelkeit der Männer erliegt, und ihre leidenschaftliche Ausdauer allein das matte Spiel erhält. Dieser Ludovico war ein feiner, anmutiger Jüngling, voll kleiner Talente für die Gesellschaft, geschmeidig, hingebend, ohne Liebe und ohne Hass, leidenschaftlich, so viel es braucht um ein Weiberherz zu berücken, doch ohne Zärtlichkeit und Mitgefühl. Er wählte Rosalien, wie er jede Andre gewählt haben würde, und verliess sie eben so. Er folgte auch hier nur den willenlosen Regungen verzärtelter Herzen, und wollte