Hand, den sie Rodrich sogleich mit den Worten gab: Sehen Sie, das ist der Fluch, der mich traf, dass mich alles wie eine giftige Blume flieht und ich das Liebste ins Grab stürze! Rodrich beugte sich in stummen Schmerze über ihre Hand, während sie ihn drängte, folgende Zeilen zu lesen.
"Tadlen Sie es nicht, mein gütiger Beschützer, wenn ich so plötzlich aus Ihrem Kreise verschwinde, und mich aufs neue dem ungewissen Spiele des Lebens überlasse. Sie fühlten es wohl eher, wie schwer es dem Menschen wird, von allem was er liebt zu scheiden, und in fremden Herzen die Teilnahme zu suchen, die er in der geliebten Heimat zurücklässt. Aber gewiss, es muss so sein! Ich habe lange mit wachen Sinnen die Träume der Kindheit fortgespielt, und meine arme sehnend nach einem Schattenbilde ausgebreitet. Ein heftiger Sturm zerriss die Nebel. In der Erschütterung findet der Mann sich am ersten wieder. Ich tue endlich, was ich längst gesollt. Nicht jeder darf erwarten, hier seine Wünsche gekrönt zu sehen, und im fruchtlosen Kampfe gegen einen höhern Willen ermatten die besten Kräfte. Vielleicht war ich überall zu schweren Opfern bestimmt, vielleicht sollte ich das irdische Dasein hinwerfen, um mich selbst zu behaupten! Ich folge der inneren stimme, und eile, meines Heilandes Ruhm auf fernen Küsten zu verbreiten oder unterzugehen. Tragen meine Wünsche mich einst zu Rosaliens Füssen, so wird sie den Helden im Märtyrer ehren, und ihm die achtung wiederschenken, die sie dem schwankenden Jünglinge versagte. Ach, mein geliebter Vater, könnte ich an ihrem Herzen alle Liebe und alle sehnsucht ausweinen, und Ihren Seegen mit in die dunkle Zukunft nehmen! Aber ich soll Sie nicht mehr sehen! Ich muss, ich muss fort! Ewig der Ihrige.
Alexis."
Ich hätte es wissen sollen, sagte Rosalie, wie das zurückgeschreckte Gefühl immer das Äusserste ergreift und sich selbst in der verlornen Hoffnung vernichtet. Aber ich kannte nur den eignen Schmerz und sah überall nichts als den Spott eines höhnenden Schicksals! – Warum musste ich auch gerade da mit dieser ängstigenden Beständigkeit geliebt werden, wo mein Herz unverändert schwieg! Die gräfin die nur froh war, dass Rosalie wieder sprach, und im eignen Unglück Trost und Entschuldigung für Alexis Schmerzen suchte, fragte begierig, wie es zugegangen sei, dass der Ritter bei so viel Liebenswürdigkeit und einem fast demütigen Hingeben auch in frühern Kinderjahren nie einen günstigen Eindruck auf sie habe machen können? Ich weiss nicht, erwiderte Rosalie, warum mir die Wünsche meiner Mutter, die Alexis sehr liebte, und die kleinen Neckereien meiner Gespielinnen, ehe ich sie noch ganz verstand, Widerwillen erregten, und ich ein Glück verschmähete, das mir von allen Seiten gezeigt ward. Das frei ausströmende Gefühl hätte sich vielleicht dahin gerichtet, wohin man es absichtlich zu lenken suchte; allein jeder Schein von Zwang empört ein jugendliches Herz, und ich betrübte oft die gütige Mutter durch einen Widerstand, in welchem sie mehr Eigensinn als Abneigung erblickte. Ach, und sähe sie mich jetzt! Verstossen, zernichtet den Unglücklichen, den sie beschützte, elend durch mich, die ihn beglücken sollte! War es doch von jeher mein los, die Erwartungen derer zu täuschen, die mit voller Seele an mir hingen! Welche Mutter, sagte Stephano, darf auch hoffen ihre frommen Wünsche gekrönt zu sehen? Darum blicken wir so wehmütig auf unsre Kindheit zurück, weil der einsame Mensch die goldnen Träume wieder erkennt, die seine Wiege umflatterten, und das Paradies, das ihm in der mütterlichen Liebe erblühete, so unschuldig aus den Trümmern eines zerbrochnen Lebens hervorsieht! Rosalie, die aufgestanden war, trat zum Clavier und sang folgendes Lied:
Hier im wald, süsses Leben,
Hier im wald ruhe sanft;
Sieh, es neigen sich die Zweige,
Flechten dir ein Blütendach.
Und es rauschen durch die Blätter,
Von den Lüften angefacht,
Linde Töne, dich zu wiegen
In den lang ersehnten Schlaf.
Will dich auf den Rasen betten,
An der frischen Quelle Rand;
Wächter sind dir meine Sorgen
Schutz und Wehr, der Mutter Arm.
Blumen spriessen aus der Erde,
Hüllen dich in farb'ge Pracht,
Und die zarten Düfte weben
Luft'ge Schleier um dein Haar.
Wie sich schon die Augen schliessen,
Und der Wimpern dunkles Schwarz,
Auf dem ros'gegen Hauch der Wangen,
Atmend auf und nieder wallt.
Reitzend schmiegen sich die Glieder
Wie Crystalle licht und klar
Auf dem frischen Blütenteppich,
Schimmernd in der Sterne Glanz.
Lösst sich doch mein ganzes Innre,
sehe ich dich so reich begabt;
Und die Freudentränen fliessen
Auf dich Engelsbild herab.
Jesus, schreit das Kind im Traume,
Jesus, sieh das Schlangenpaar,
Wie es sich durch Blumen windend,
Drohend aus dem Dickicht nah't.
Mutter, nun hat's mich ergriffen,
Sieh die Ringel um den Hals;
Blut'ge Tränen muss ich weinen,
Wie es mich am Herzen fasst.
Schlangen, Kind, sind goldne Reisen,
Sagt sie lächelnd, küsst es wach,
Und die Tränen deuten Perlen,
Dich zu schmücken am Altar.
Sinnend ging das Kind von dannen,
Bis es Traum und Wald vergass.
Ach ihm zeigte bald das Leben,
Was die flücht'ge Ahnung war.
Alle fühlten sich auf eine eigene Weise durch das Lied bewegt. Selbst die gräfin gedachte mit Rührung einzelner vorüberrauschender Anklänge ihrer Kindheit, und fühlte zum erstenmal schmerzlich,