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zu sehen glaubten, ist nur eine Folge des Vorhergehenden. Schon früher als der Blitz uns verwirrte, hatte Rosaliens sterbendes Auge Alle erschüttert. Der Schreck über sie und diese unerwartete Erscheinung treffen zusammen, wir sahen mit kranken Sinnen. – Ihrer Erklärung, sagte der Gelehrte, geht es, wie allen Erklärungen dieser Art; sie sind unbefriedigend. Dass nichts allein, losgerissen von mitwirkenden Ursachen, deren jede wieder die wirkung einer andern ist, und so ins Unendliche fort, scheinen Sie auch beweisen zu wollen. Diese mögen wir indessen wohl nicht in einer Folgereihe aufstellen können. Sichtbare und unsichtbare Kräfte berühren sich, wir sehen die Sternenwelt durch ihr Licht mit der unsrigen verbunden; ist der Schein anders und leichter zu erklären, als der Ton? Und lassen Sie es einen Wahn sein, der mindestens sehr ausfallend Alle zugleich betörte, was ist denn Wahn? Ist es ein absoluter Gegensatz der Wahrheit: so sage ich, dass er gar nicht statt finden, und dem Menschen einwohnen könne; ist er nur das Zufällige der Wahrheit: so lassen Sie uns das Bleibende darin aufsuchen und dies ist Glaube an die Verwandtschaft aller Kräfte, Liebe zu jener inneren Mystik, sehnsucht nach einer Offenbarung derselben. Wenn Missgriffe daraus hervorgehen, so steigen Sie bis zum grund, und Sie werden eine innre Wahrheit empfinden. Vieles hat sich dem menschlichen Geist aufgehellt, und wir werden die verborgenen Tiefen verstehen lernen. – Wenn Sie es so meinen, sagte Stephano, sind wir einig; ich bestritt auch nur die Missgriffe.

Das tobende Unwetter hatte sich indessen mit dem letzten Ausbruch erschöpft. Es ward nach und nach stiller. Der heraufkommende Abend wiegte die beruhigte natur in den seeligen Schlaf der Frommen. Rosalie erholte sich, und trat mit ergebenem Sinn auf den Altan. Rodrich, den ihr Bild seit dem Augenblick, da er sie wie einen sterbenden Engel an seinem Herzen fühlte, nicht mehr verliess, war ihr gefolgt, und hörte sie mit leiser stimme singen:

Ich ging im bittern Schmerze,

Tief in der Berge Grund

Verklungen Lust und Scherze

Im inneren todeswund.

Was Jugend mir gelogen,

Was Liebe mir verhiess,

Wie ich mich selbst betrogen,

Vom Schein betören liess,

Und fort, in schnellen Flügen

Das Rechte übersah,

Das stand in Flammenzügen

Vor meiner Seele da.

Mir war die Welt verschlossen,

Gebleicht der frische Glanz,

Aus Liebe Leid entsprossen,

Zerrissen Blüt' und Kranz.

Da zog es mich zur Tiefe

Durch öder Felsen Spur

Der grausen Hieroglyphe

Umwandelnder natur.

Und über mir im Bogen

Sprang hell ein Wasserstrahl,

Des Perlen niederflogen,

Benetzend Fels und Tal.

Da grünten frisch die Moose,

Und aus dem kalten Stein

Wand eine weisse Rose

Sich einsam und allein.

Ich weiss nicht welch ein Sehnen

Mich plötzlich überfiel,

Es flossen meine Tränen,

Als ständ' ich hier am Ziel.

Ach Rose, süsse Blume,

Du nah'st dich mir auf's neu;

Im dunkeln Heiligtume

Bewahrt dich stille Treu'.

Du wirst mich neu beglücken,

Dich färbt der Liebe Hauch!

So rief ich voll Entzücken,

Und nahte mich dem Strauch.

Und wie ich sie berühre,

So teilt sich schnell das Laub;

Ich sah des Grabes tür,

Und alles sank in Staub.

Ich kann den Fluch nicht lösen,

So rauscht es fern herauf;

Dich traf die Macht des Bösen

Im herben Lebenslauf.

So walle nun von dannen,

Im Leiden wirst Du gross.

Was Lieb' und Lust gewannen,

Birgt nun der Erde Schooss.

Rodrich weinte heftig zu ihren Füssen. O um Gottes willen nicht diese stille Verzweifelung, rief er, ich möchte meines Herzens Blut geben, um Ihnen einen freudigen Augenblick zu gewinnen. – Sie wollen mein Elend, sagte der Ritter, der plötzlich hinter ihnen stand. Mutwillig geben Sie sich der Erkältung, dem tod hin, oder fachen die Geister dieses Zauberschlosses neue Flammen in ihrem Busen an? – Rodrich verstand ihn anfangs nicht, doch als er den Sinn seiner Worte ahnete, sagte er bewegt: Du zerreisst das edelste Herz, das ohnehin in Kummer vergeht. Die welkende Blume, sagte Rosalie, blühet ihm noch zu frisch, er muss sie völlig in den Staub treten. Sie ging stolz und empört an Alexis vorüber, der ihr schweigend nachsah, dann sank er an Rodrichs Brust und rief schluchzend: ach! hüte diesen Himmelsfunken, wenn du ihn anzufachen verstandest; ich werde ungesehen mein Leid tragen. Seraphine rief sie hier zur Rückreise ab. Alles war bereit, und die muntre Gesellschaft kehrte erschöpft und verstimmt von dem gehofften Feste zurück.

Zweites Buch

Rodrich hatte die Nacht kein Auge geschlossen. Des Ritters Worte erregten Wünsche in ihm, die seinem Herzen bis dahin sehr fremd waren. Jetzt fiel es ihm ein, ob er nicht wirklich Rosaliens Liebe gesucht und den grossmütigen Freund beleidigt habe? Er ward ungewiss über sich selbst, und die innere Angst wuchs in der einsamen Nacht. – Bald verscheuchte indessen Rosaliens Schmerz jedes andre Gefühl. Er sah sie wieder auf dem Altan wie eine schwankende Lilie in Liebeshauch zerrinnen, und begriff nicht, wie der Ritter sie mit rauhen Worten berühren, wie er es wagen könne, dies gequälte Herz durch Vorwürfe zu verletzen. Welche Rechte, sagte er mit steigender Bitterkeit, darf er sich über sie anmassen? und gibt es etwas widersinnigeres, als eine erzwungene Liebe? Kann der Verein zweier Seelen aus dem matten Hingeben erschöpfter natur erblühen? und