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Abreise bereit. Seraphine trat ihm in einem dunkelgrünen Reitkleide freudig entgegen. Der kleine Hut mit weissen Federn gab ihrem zarten Gesichtchen etwas keckes, wie überall der halb männliche Anzug der zierlichen Gestalt sehr wohl stand. Rodrich fand sie jeden Augenblick reitzender, ihre Bewegungen schienen ihm wie lustige Musik jedes ihrer Worte zu begleiten, er konnte die Augen nicht von ihr abwenden, und als er ihr nachher auf's Pferd half und sie sich vertraulich an ihn lehnte, fühlte er eine Unruhe, die ihn für den ganzen Tag weich und reitzbar stimmte. – Die übrige Gesellschaft machte sich nun auf den Weg, der sie mehrere Stunden leicht und angenehm über Wiesen und Felder führte. Doch beim Eintritt in dem Wald ward er uneben, und manche Stösse und Schläge weckten die Reisenden aus ihren Träumereien. Stephano hatte dafür gesorgt, dass ein Platz vor dem schloss geebnet, und des Köhlers Reichtum an Stühlen, Tischen, Milch und Brodt herbeigeschafft wurde. Der Ritter und der Gelehrte sahen mit nüchternen Mienen auf die ärmliche Kost. Ueberdem war es drückend heiss. Kein Lüftchen durchstrich den dichten Wald, und der gutmütig dargebrachte Honig der Köhlerinn, der den Durst nur noch mehr reitzte, war für die Feinde des Wassers und der Milch kein erfreuliches Labsal. Seraphine weidete sich einige Augenblicke an der inneren Unzufriedenheit der meisten, die sich jedoch bei vielen hinter emphatischen Ausbrüchen erzwungenen Entzückens verbarg; dann winkte sie ihren Knaben, und Saumtiere mit Wein und speisen wurden herbeigeführt. Sie ordnete alles geschäftig an, und indem sie das Köstlichste vor Alexis und seinen Freund hinstellte, sagte sie: Euch gebühren vor Allen die stärkenden speisen; denn sonst lauft ihr Gefahr, der Erde ohne Widerstand in den Schooss zu sinken.

Alles erheiterte sich jetzt, und viele gestanden, dass es mit den gewohnten Bequemlichkeiten doch eine schöne Sache sei, und man sich ungern davon losmache. Wie wäre es aber, Alexis, sagte die gräfin, wenn Sie sich hier eine Einsiedelei anlegten? Der Wald, die Trümmer der Vorzeit, die Abgeschiedenheit der Welt, hier eine Quelle, dort das Echo, das Ihre frommen Seufzer nachhallt, Wurzeln, Kräuter, kurz alles, was der genügsame Mensch bedarf. Nur Ihr Anblick nicht, schöne gräfin, sagte Alexis; wie könnte ich mich trösten, Ihnen nicht mehr als Gegenstand des heitersten Spottes zur Seite zu stehen! Gewiss, erwiderte Seraphine herzlich, Niemand lässt sich so willig auslachen und erwiedert meinen Spott mit dieser wohlwollenden Güte. Sie reichte ihm hier die Hand, und die Gesellschaft folgte ihnen und Stephano über zerbrochne Stiegen und halb verfallne Gewölbe in die oberen Zimmer des Schlosses. Sie hatten lange Zeit vom Altane die herrliche Aussicht genossen, als ein dumpfes Rauschen im wald sie erschreckte. Stephano trat hinaus, und sah wie die Bäume ihre Wipfel bewegten, und das fliegende Gewölk sausend über ihnen hinzog. Indem kam der Ritter lachend heraus, und sagte, dass der Köhler ein entsetzliches Unwetter prophezeie, und er daher der Gesellschaft, die vielleicht nie solche gelegenheit zur Contemplation ähnlicher Naturscenen finden werde, rate, hier versammelt zu bleiben, da des Köhlers Stübchen ohnehin die Menschenzahl nicht fassen könne. Während er sprach, blitzte es entsetzlich; die Frauen liefen mit verhülltem gesicht davon, und einige versicherten, lieber in das unterste Gewölbe zwischen Molche und Kröten zu flüchten, als hier die Angst zu ertragen. Seraphine trat beherzt unter sie und stellte ihnen vor, dass sie nirgend sichrer als gerade hier in der gewölbten Gallerie sein könnten. Lasst uns daher, fuhr sie fort, ruhig dort bleiben, und das gestörte fest trotz allem drohenden Ungemach auf irgend eine erfreuliche Weise enden. Die geängsteten Schönen fügten sich widerstrebend der notwendigkeit. Morsche Bänke wurden zusammen geschoben und alles drängte sich in einen engen Kreis, während das Gewitter immer schwerer heraufzog. Der Wind heulte furchtbar durch die zerbrochnen Türen. Steine rollten krachend von den Mauern herunter; wie ein Feuerregen schossen die häufigen Blitze ihre Strahlen durch die fensterreiche Gallerie. Seraphine war keinesweges gleichgültig. Sie zitterte heftig, und hielt sich in der inneren Angst an Rodrich und Stephano, die ihr zur Seite sassen. Plötzlich sprang sie auf; lasst Musik kommen! rief sie. Wir wollten ohnehin im Freien tanzen, warum nicht hier? Freudige Klänge verscheuchen böse Geister.

Die Knaben kamen mit ihren kleinen Instrumenten. Seraphine nahm Rodrich bei der Hand, alles folgte unwillkührlich, jeder übertäubte sich selbst in der Todesangst. Rosalie schweifte geisterbleich an des Ritters Arm durch die Reihen. In dem Augenblick fuhr ein Blitz schlängelnd durch das Gemach. Das zitternde Licht brach sich zischend an den Wänden, und verschwand durch die Fenster. Die erschrocknen Tänzer blickten sich erstaunt an. Alle glaubten Rosaliens Gestalt doppelt gesehen, und ein leises Wimmern vernommen zu haben; sie selbst lag ohnmächtig in Seraphinens Armen. Rodrich trug sie schnell in ein Nebenzimmer, während der zerrüttete Alexis in einen Wald floh, und seine Ahnungen und Schmerzen in bittere Klagen ausströmte. In der allgemeinen Verwirrung schwieg die Musik, der Tanz war aufgehoben, man trat zusammen, ohne dass jemand das Herz hatte zu reden. Endlich sagte Stephano mit leiser stimme: warum erschrecken wir vor einer ganz natürlichen Begebenheit? Der Hang zum Wunderbaren verblendet die klarsten Menschen und reisst alle gesunde Überlegung mit sich fort. Was ist es denn, das diese Bestürzung erregte? Ein Blitz, Rosaliens Ohnmacht und der jammervolle Ton, der während dem aus ihrer Brust drang? Was wir sonst sahen oder