verwachsnen Wald, den ein reissender Bach durchschneidet, während er mit dumpfem Rauschen eine ferne Mühle treibt. Von der andern Seite eröffnet sich eine ganz entgegengesetzte Welt. Bebaute, blühende Felder, Gärten, Triften, ruhig weidende Heerden, kleine Landhäuser, alles still, friedlich, wenn Sie wollen gewöhnlich, allein durch den Contrast gehoben, und gleichsam da, um die aufgeregten Sinne zu beruhigen. Im inneren des Gebäudes finden sich noch einige wohl erhaltene Zimmer, vorzüglich eine Gallerie, die zu einem hervorspringenden Altane nach der Feldseite führt, von wo sich erst die rechte Herrlichkeit offenbart. Rosalie bezeigte ein grosses Verlangen, das Schloss zu sehen, und die gräfin, die sich ein neues fest davon versprach, sah mit Ungeduld einer Wanderung nach dem wald entgegen. Stephano's Beschreibung hatte mehrere herbeigezogen, und alle stimmten für den Plan, nächstens dort ein ländliches Mahl einzunehmen. Wenn Sie die verwöhnten Sinne einmal mit einfacher Kost reizen wollen, sagte Stephano, so will ich schon dafür sorgen, dass die Köhlerfrau mindestens Ihren Hunger stille. Die jungen Leute sprachen viel von dem Poetischen solcher Feste, und verhiessen einander grossen Genuss von den lustigen Waldscenen. Ich, sagte eine junge Dame mit vielem Nachdruck, ich liebe nichts so sehr, als das unmittelbare Leben in der natur. Da streifen die Menschen alles Conventionelle ab, und zeigen sich in ihrer ganzen Eigentümlichkeit. Ach meine Liebe, sagte die gräfin, das tun Sie in jedem unbewachten Augenblick. Es braucht dazu keiner Wälder und Ruinen, um die Gebrechlichkeit zu ahnen. Verdammen Sie das Formelle nicht so absolut, es bedeckt manche Blösse, und viele gehen in dem Festgewande noch ganz erträglich einher, die in den gewohnten Kleidern widerwärtig erscheinen würden. – Überdem, sagte ein Gelehrter, der zu Seraphinens täglicher Gesellschaft gehörte, ist es noch die Frage, ob sich die Menschen auch so wahr in der freien natur zeigen, als Sie mein fräulein es glauben, oder ob nicht vielmehr die ungewohnten Umgebungen dem Gemüte nur etwas neues aufdringen, das gerade der Neuheit wegen für das Rechte gehalten wird. Die Unschuld des Sinnes, das geheime Band zwischen Mensch und natur, der eigentliche Schlüssel ihrer Hieroglyphen-Sprache, kann sich wohl auch in conventionellen Verhältnissen erhalten, und wo der einmal verloren ging, da wird ihn kein vorüberrauschendes Lüftchen wieder erzeugen. Sehr wahr, sagte Alexis, und ich sehe es nicht wohl ein, warum man sich unaufhörlich in Luft und Duft ertränken müsse, um die Herrlichkeit der Welt zu erkennen! Im Gegenteil, dünkt mich, zeuge es von einer Beschränkteit, alles nur von aussen zu erwarten. Nun, sagte die Dame empfindlich, so fliehen Sie nur gleich in eine Zelle, und trennen Sie sich von einer Welt, die Ihnen so entbehrlich dünkt. – Wer den Mut hat, erwiderte der Ritter, freiwillig, aus einer angebornen Lust, eine Scheidewand zwischen sich und der Welt zu ziehen, der muss gewiss einen grossen Reichtum in sich tragen. – Die Bären, sagte Stephano, zehren auch von dem eignen Fette, daher verschlafen sie auch die halbe Lebenszeit. – Wer weiss, fiel Alexis ein, zeigt sich Ihnen im Traume nicht etwas Besseres, als wachend an ihnen vorübergeht. Rodrich hatte einst die ganze Fülle ausströmender Seeligkeit in der erwachten natur empfunden, unwiderstehlich zog ihn alles zu ihr hin. Er war nie besser, nie gotterfüllter, als wenn er in dem reinen Luftmeere schwamm, und die ewig bewegte Flut alle Bilder des Lebens an ihm vorüberführte. Jetzt hörte er das Klosterleben preisen, das, seine Jugend verdunkelnd, eine widrige Störung zurückgelassen hatte. Er blickte unwillig auf den Ritter, indem er sagte: ich zweifle nicht, dass Sie in strenger Abgezogenheit eine Welt in sich hervorrufen könnten, die als ideale Anschauung für Sie keine Spur der Mangelhaftigkeit an sich trüge; ob indessen die lebendige Frische, die Beweglichkeit in ihr zu finden wäre, die uns die stete Reibung gemeinsamer Kräfte täglich offenbart; ob der gesunde Sinn nicht dennoch einen kränklichen Schimmer in ihr wahrnehme, bleibt unentschieden, bis Sie ihr Inneres in irgend einem bleibenden Kunstwerke ausser sich hinstellen. Ihr seid seltsame Menschen, sagte die gräfin, Euch über den mannigfaltigen Lebensgenuss zu streiten, und so eigenmächtige Abteilungen darin vorzunehmen, während ihr mit vollen Sinnen in der Gegenwart lebt, und Euch, wie mich dünkt, ganz wohl darin gefallt. Und Sie, Alexis, kommen trotz alle dem, von der kleinen Wallfahrt nicht los, so bitter Sie sich auch über die milden Einflüsse der natur auslassen. Der Ritter küsste ihr lachend die Hand, indem er sagte, womit verständen Sie nicht die hartnäckigsten Gemüter auszusöhnen, liebenswürdige Seraphine! Ich werde den dunklen Wald mit allen Schlangen und Kröten für ein Elysium halten, und Mücken und Käfer als eine Würze der speisen tapfer mit hinunter schlucken. Sie sind ein feindseliges Gemüt, sagte die gräfin unwillig, und wenig geschickt zu kleinen Aufopferungen. Weil ich, erwiderte er ernst, in den grösseren zu streng geübt werde. Rosalie begann schnell ein anderes Gespräch, und bald darauf ging man unter frohen Erwartungen des lustigen Festes aus einander.
Mehrere Tage waren Rodrich unter Beschäftigungen verflossen, die seine neue Lage herbei führte, und deren edle Bedeutung ihn mit den freudigsten Aussichten erfüllte, als er eines Morgens zu der gräfin beschieden ward, um nach eingenommenem Frühstück die verabredete Wanderung anzutreten. Er folgte sogleich ihrem Befehle, und fand im Vorhofe schon Wagen und Pferde zur