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so unwillkührlich wie das Entstehen der Liebe ist. Zwar rechtfertigte ihn des Herzogs Anblick auf keine Weise. Die zerstörten Blüten schimmerten noch aus den Trümmern hervor, und er galt überall für einen schönen Mann. Er begrüsste Rodrich mit Würde, und hatte eben einige fürstliche Worte unverständlich hingeworfen, als er plötzlich schnell auf ihn zutrat, die unsichern Blicke über ihn hingleiten liess und ihn dann schärfer und immer schärfer anstarrend todtenbleich in des Grafen arme sank. Rodrich schauderte bei dem furchtbaren Ereigniss, und ohnerachtet ihm der Graf und mehrere herzueilende Diener versicherten, dass er öfters diesem Zufalle ausgesetzt sei, so wollte er doch nicht länger in dem schloss verweilen, wo ihn alles so peinlich drückte.

Auf dem Rückwege traf er den Ritter, der bei seinem Anblicke erschrack, und als er die Veranlassung erfuhr, ihn beruhigend, manch' ähnlichen Fall erzählte, und wie dieser krankhafte Zustand den Herzog in den liebsten Umgebungen an Miranda's Seite, die er anbete, überfalle, ohne dass er von aussen die geringste Anregung erhalte. Das geschwätzige Volk, fuhr er fort, das ihn ohnehin nicht liebt, hat tausend Ursachen dieses Uebels ersonnen. Vor allem glaubt man ihn nicht unschuldig an dem plötzlichen tod seiner gemahlin, durch deren Hand ihm, als einem fremden Prinzen, dies Land erst zugefallen ist. Indessen hält ihn mein Oheim, der ihn seit langen Jahren kennt, und auf dessen Schicksal er früher einen bedeutenden Einfluss hatte, solcher Tat nicht fähig. Auch ist es gewiss, dass der schwankende Mensch zum Morde nicht reif ist, wenn ihn der Augenblick nicht fortreisst. Diesen, fiel Rodrich ein, weiss nur der Starke herbeizuführen, der in der lebendigen Anschauung der Tat, das Verbrechen zur Tugend adelt. Er dachte hier an Brutus, und was diesen selbst vom Cassius unterschied. Allein der Ritter betrachtete ihn verwundert und er selbst erschrack über die Heftigkeit, mit welcher er eben gesprochen hatte. Sie schwiegen beide einige Augenblicke. Er war verstimmt und wusste das Gespräch auf keine Weise wieder anzuknüpfen. Doch bald lud ihn sein Freund in Seraphinens Namen zu einem Conzert für diesen Abend ein, wo er Rosalien und viel schöne Frauen der Stadt sehen werde. Seraphinens Bild verscheuchte jeden ängstigenden Gedanken. Er nahm die Einladung gern an, und trennte sich mit erheitertem Gemüt vom Ritter.

Ungeduldig hatte er den Augenblick erwartet, wo es ihm vergönnet war, vor der gräfin zu erscheinen. Endlich betrat er ihre freudige wohnung, und kam durch eine Reihe ungewöhnlich bunt verzierter Gemächer zu einem saal, dessen eine Hälfte ein halber Kreis glänzender Schönen, auf grünen Polstern ruhend, einnahm, die in dem wechselnden Farbenschmuck wie ein fortlaufendes Blumengewinde auf dunklem grund prangten. In dem andern Teile des Zimmers waren die Herren mit verschiedenartigen Unterhaltungen beschäftigt, als sich oberhalb der Kuppel plötzlich eine Gallerie, von einer beweglichen chrystallnen Sonne beleuchtet, eröffnete, und Chöre von Knaben und Mädchen, hinter bläulichem Flor geisterartig schwebend, Rosaliens Ankunft in weichen gleitenden Tönen feierten. Indem trat diese an der gräfin Hand in die Versammlung. Alle Blicke waren auf sie gerichtet. Sie erschien mit den bleichen Mienen des Kummers, in der einfachen Kleidung, unendlich rührend. Ihr dunkles Haar lag ganz schlicht auf der Stirn, und ward nur von einer Perlenschnur zusammen gehalten. Ein schwarz sammetnes Kleid von ungewöhnlichem Schnitt bildete den schönsten Faltenwurf, und während es sich der schlanken Gestalt anschmiegte, erhob es den seltnen Glanz ihrer Haut. Sie neigte sich mit einiger Verlegenheit gegen die Gesellschaft, zu deren neugierigen Blicken sie ungern hinaufsah. Indessen wehrete Seraphine jedes unzarte Wort von ihr ab, und als sie bemerkte, wie sehr die Musik sie bewege, winkte sie mit der Hand; die Sonne verschwand; ein frisches Laubdach überzog die Kuppel und breitete sich längs den Wänden herunter. Bald erschienen die kleinen Sänger in vielfacher Hirtentracht, und tanzten zu dem Klange der Flöten und Schalmeien, wie Rodrich nur im Gebirge hatte tanzen sehen. Er ward lebhaft an seine Kindheit erinnert, und teilte vielleicht unter Allen Rosaliens Rührung am meisten.

Die Gesellschaft hatte sich indessen immer bunter in einander gemischt. Man ging und kam aus anstossenden geschmackvoll erleuchteten Cabinetten, wo man Erfrischungen, Bücher, Musikalien, tausend klone Spiele, kurz die mannichfachste Unterhaltung fand. Seraphine war überall, und überall von ihrem kleinen Gefolge umringt, in dessen Mitte sie wie eine Feenköniginn erschien. Der Ritter hatte sich jetzt Rosalien genahet, die ihn mit höflicher Kälte entfernte. Sie schien das zu fühlen, und suchte es durch einige freundliche Worte wieder gut zu machen, die den armen Alexis, auf's neue betörend, unablässig an ihre Seite fesselten. Rodrich bemerkte mit innerer Angst wie sie sich in dem Maasse von ihm abwandte, als er sie ungeteilt fesseln wollte. Ihre Ungeduld wuchs, in den gespannten Zügen lag Widerwille und Aerger. Er nahete sich, um durch ein verändertes Gespräch seinem Freunde diese Entdeckung zu ersparen. Einige allgemeine Höflichkeiten veranlassten bald die Frage: ob er schon mit den Umgebungen der Stadt bekannt sei? und als er es verneinte, erzählte sie ihm von schönen Wasserfällen, Tälern und überaus anziehenden Spaziergängen in den nahen Gebirgswäldern. Stephano, der herzugekommen war, sagte: was indessen von allem das Interessanteste und dennoch hier ganz ungekannt sein möchte, ist ein altes Bergschloss, in dessen Trümmern eine Köhlerfamilie lebt. Es ist unmöglich, eine prachtvollere Lage zu erdenken. Von einer steilen Anhöhe sieht man auf der einen Seite in einen dunklen dicht