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als der Wein die Gemüter freudiger stimmte, trat auch Stephano aus seiner trüben Laune hervor, und riss alles durch die Kraft und den Reichtum seiner ausströmenden Fröhlichkeit hin. Ja es war, als hätte er den Schmerz mit Gewalt niedergetreten und wollte jetzt allen Mächten des Schicksals zum Trotz den Himmel erstürmen. In dem allgemeinen Taumel zeigte er kühn die Gewandheit und Sicherheit seines Körpers. Mit einer Art von Wut trug er ungeheure Lasten, mass im Sprunge einen Raum, vor dem jeder sich entsetzte, balanzirte Leichtes und Schweres gleich geschickt, kurz, er zwang seinen bewundernden Freunden neues Erstaunen und neue achtung ab. Bald führte man auch mutige, schön verzierte Pferde auf den geräumigen Hof, und mancher, der nun erst an seinem platz war, zeigte, wie selbst die flache Unbedeutenheit in der edlen Uebung freier Kräfte liebenswert erscheine. Rodrichs Brust schwoll beim Anblick der herrlichen Tiere. Er konnte der Lust nicht widerstehen, und schwang sich auf einen nahstehenden Rappen, der hoch mit ihm in die Lust stieg und in weiten Sätzen fortsprengte. Rodrichs Mut wuchs mit jedem Augenblick, er fasste kühn die Zügel und flog im Kreise an seinen Freunden vorüber, deren lautes Bravo ihm wie Sphärenmusik erscholl. Schäumend stand das wilde Tier endlich auf seinen Wink, und Rodrich sah erstaunt den Grafen, dessen Ankunft er nicht bemerkt hatte, mit den freudigsten Mienen vor ihn hintreten und ihm ein versiegeltes Papier überreichen, indem er sagte: so gebe ich Ihnen mit doppelter Lust meines Fürsten Befehl und die Erfüllung meines herzlichsten Wunsches. Rodrich erbrach schnell das Siegel und das Offizierpatent sah ihm recht feierlich mit des Fürsten Unterschrift entgegen. Ganz ausser sich vor Freude fiel er dem Grafen in die arme, eilte dann zu Stephano, dem Ritter, den übrigen Offizieren; alle umfasste er in dem Augenblick mit gleicher Liebe, alle sollten gleich sehr empfinden, wie glücklich er war. Der Graf nahm ihn darauf sehr ernst bei der Hand und stellte ihn den Uebrigen in seiner neuen Würde vor; allein er war viel zu bewegt, um ruhig unter Menschen auszuhalten. Er fühlte das, und erbat sich die Freiheit, diesen Abend allein zubringen zu dürfen. Der Graf gestattete ihm dies gern, nur, setzte er hinzu, müssen Sie mich morgen früh um 10 Uhr zum Herzoge begleiten, der Sie durchaus sehen will.

Die wechselnden Bilder seines wunderbaren Lebens, Ahnungen einer hohen Geburt, einer glänzenden Zukunft, der er wie mit Zaubergewalt entgegen eilte, wachsender Stolz und sehnsüchtige Regungen, alles drängte Rodrich auf sein stilles Zimmer. Kaum war er indess hier angelangt, so fand er es ganz seltsam, dass ihn die Freude von den Urhebern seines Glückes entfernt, hieher in die Einsamkeit trieb.

Er begriff sich selbst nicht, da er bei allem dem den innigsten Drang nach Mitteilung und Liebe fühlte. Da gedachte er des zärtlichen Florio, und zog sein Bild aus den zusammengerollten Papieren hervor Ach, und wie ihn die weichen kindlichen Züge so unschuldig anblickten, hätte er in Tränen zerfliessen mögen; so, das fühlte er, hatte nie eines Menschen Auge sein Herz berührt. Was war des verständigen Stephano und des phantastischen Ritters augenblickliche Teilnahme gegen einen solchen blick voll Liebe und unaussprechlicher Hingebung! Er drückte das Bild an seine Brust und entschlief bald in der stillen Erinnerung seliger Kindheit.

Als er am folgenden Morgen erwachte, glaubte er zu träumen oder in die Feenwelt versetzt zu sein, als ein stattlicher Diener mit einem Kästchen voll reicher Kleider an seinem Lager stand, und ihn ehrerbietig fragte: ob er sich anzukleiden, und dann in die neue wohnung einzuziehen befehle? Rodrich fühlte nach einigem Besinnen die zarte Schonung des Grafen, und fasste sehr bald den Ton, der solchen Verhältnissen geziemt.

Nach einigen Augenblicken stand er geschmückt, sich selbst unkenntlich, unaussprechlich schön da. Er wollte nun zum Wirte gehen, um alles zu berichtigen, als dieser hereintrat, und ihm ein Packet mit Geld überreichte, das schon am vorigen Tage für ihn eingelaufen sei. Rodrich war nie so reich gewesen. Die Welt war in dem Augenblicke sein, und er verliess den Gastof mit ganz andern Erwartungen, als er ihn vor einigen Tagen betrat. Zwar fiel es ihm wohl ein: ob das Glück nicht ermüden werde, ihn so ausgezeichnet zu begünstigen? und ob er diese ungeahnete Lust nicht einst werde teuer büssen müssen? Der Traum flog wieder an ihm vorüber und die bedeutsamen Bilder ängsteten ihn mehrere Augenblicke hindurch, doch siegte die frisch erblühete Hoffnung, und et eilte leicht und froh zu dem herzoglichen schloss, wohin ihn der Graf beschieden hatte. Wie er die breite Treppe hinauf stieg und ihn die weiten Säle mit ihrer alten gediegnen Pracht empfingen, überfiel ihn eine Angst, die er vergebens niederzukämpfen und den Stolz edler Naturen hervorzurufen bemühet war.

Er ging unsicher durch die hohen Bogengänge, und blickte halb scheu, halb verlangend, nach der Erscheinung des gewaltigen Geistes, der hier tronte. Ein seiner Mann trat auf ihn zu, und bezeichnete ihm, durch eine offen stehende Gallerie, das Zimmer, wo ihn der Graf bereits erwarte. Er folgte der Weisung, und kam an einer Reihe ernster Gemälde vorüber, die allesammt in veralteter Tracht die Stammväter des fürstlichen Hauses zu sein schienen. Der Einsiedler war darunter, und er wollte ihn eben genauer in der weltlichen Kleidung betrachten, als sich eine Seitentür öffnete und der Herzog mit dem Grafen erschien. Die lang bekämpfte Scheu machte plötzlich einem Widerwillen Platz, dessen erster Anflug