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widersprechende Erscheinung. Entschiedner Feind alles geregelten Formellen, ist er dennoch bis zur Uebertreibung streng im Dienste. Hier allein gilt ihm die feststehende Ordnung über alles. Es ist als trenne er den Soldaten durchaus vom Menschen, und in dieser Abgeschlossenheit erscheint er selbst völlig ein Andrer. Es entspringt dies nicht etwa aus einer bestimmten Ansicht des Lebens und seiner Verhältnisse, in deren innere Tiefe einzudringen er als höchst trübselig und jedem ächten Genusse zuwider, verwirft. Es ist ihm wie sein übriges rücksichtsloses Wesen ganz natürlich, und er trägt es so wenig zur Schau, als dass er es verbirgt. Bei aller dieser scheinbaren Unbestimmteit, sagte der Ritter, ist er der festeste, zuverlässigste Mann, der wohl eher fähig wär, äussere Wohlfahrt, Freiheit und Vaterland für den geliebten Freund hinzugeben, weshalb er auch dem düstern Herzog ewig fremd bleiben wird, der ihn nur auf das dringende Gesuch der Prinzessin Terese in seine Dienste nahm. – Sehr seltsam ist es, dass dieser leichtgesinnte Mann so ernsten tragischen Gemütern das Dasein gab. Jener Fernando Alvarez, dessen Namen Sie gestern hörten, war sein Sohn, und die schöne Rosalie, das einzige ihm gebliebene Kind, vertrauert ein blühendes Leben auf einem nahe gelegenen Landgute, wo sie seit dem tod des Bruders fast Niemand als die Miranda sieht, deren Gespielin sie ehedem im Auslande war.

Hat auch der Tod des Sohnes keinen tiefern Eindruck bei dem Grafen zurückgelassen? fragte Rodrich. Nichts beschäftigt ihn dauernd, was seine äussere Tätigkeit hemmt, erwiderte der Ritter. Der erste Augenblick bewegte ihn gewaltsam, nur war der Schmerz, der sonst die Sinne lähmt, ihm ein neuer Sporn zu den kräftigsten Massregeln, die erschütterte Familienruhe wiederherzustellen, und sich selbst Genugtuung zu verschaffen. Er bestand mit Nachdruck auf der Verbannung des Unglücklichen, der mit Rosaliens Liebe auch ihres Lebens Freude tödtete, und obgleich Ludovico des Herzogs Günstling war, so musste sich dieser dennoch dem Willen eines Mannes fügen, der ihm in der misslichen Lage seiner äussern Angelegenheiten unentbehrlich ist. Jetzt hat er seine ehemalige Heiterkeit unverändert wieder erlangt, und das Glück einer früher geschlossenen zweiten Verbindung mit einer überaus reizenden, ihm ganz gleich gesinnten Gattin, lässt ihn die Tränen der einsamen Tochter weniger empfinden, deren Schmerz er wie den Wahn einer frommen Träumerin schweigend ehrt. Doch hat er mehrmals versucht sie der Welt wiederzugeben, und er sagte mir heute, dass er Hoffnung habe, sie in kurzem hier in der Stadt zu sehen. Dies verdankt er wohl Miranda's zärtlichem Bemühen, sagte Stephano, die mit ihrer eignen klarheit dies zerstörte Gemüt aufzuhellen strebt.

Sie waren während dem zu des Grafen wohnung gekommen. Stephano verliess sie hier, um den Mittag Rodrich mehrere Freunde zuzuführen, mit denen er in der Folge durch ein gleiches verhältnis in nähere Verbindung treten sollte. Ein breiter Vorhof, den eine Reihe schattiger Platanen und hohe Vasen mit blühenden Sträuchern zu einem lustigen Garten bildeten, führte sie in einen offenen häuslich verzierten Saal. Die Arbeit der Gräfin, mehrere aufgeschlagene Bücher, eine Laute, alles lag hier zerstreut auf einem Ruhebette von indischem Zitz. Ein kleiner Tisch mit mehrern angefangnen Zeichnungen stand zunächst der Tür. Rodrich entdeckte sogleich einen schönen weiblichen Kopf, in welchem der Ritter Rosaliens Bild mit sichtlicher Bewegung erkannte. Die Gräfin, sagte er, seine Verlegenheit verbergend, hat viel Talent, sie zeichnet vortrefflich, spielt und singt auf die anmutigste Weise, überall ist sie nie unbeschäftigt, nur schweift sie, wie eine Biene, von einer Blüte zur andern. Sie ist sogleich übersättigt und der geliebte Gegenstand muss nicht selten das augenblickliche Entzücken, das er erregte, durch einen dauernden Widerwillen büssen. Diese Beweglichkeit, die sie im Ganzen äusserst anziehend macht, bezieht sich indess nicht auf ihren Gemahl, dem sie mit unverletzter Treue zugetan bleibt. Auch Rosalien liebt sie zärtlich. Nur sind sie freilich durch die ganz entgegengesetzte Sinnesart von einander getrennt, und finden wenig Berührungspunkte im Leben. Während dem trat ein phantastisch gekleideter Knabe herein, und fragte mit vieler Zierlichkeit, ob sie bei der Gräfin vorgelassen zu werden wünschten. Rodrich blickte ihn befremdet an, allein der Ritter, nachdem er das Kind zurückgesandt, sagte lachend, es ist einer von Seraphinens launigen Einfällen, nur Kinder in ihrem Dienste zu dulden, die sie dann nach ihrem wechselnden Geschmack bald in dieser, bald in jener fremden Tracht auftreten lässt. Der Graf weidet sich an dieser schuldlosen Spielerei, und es ist in der Tat ein reizender Anblick, sie von den bunten Figürchen, wie fliegende Blumen, umschwirrt zu sehen, die sie mit wahrhafter Feengewalt belebt und ihnen eine ganz eigne Lieblichkeit mitteilt. Aber was wird aus den Unglücklichen, fragte Rodrich, wenn Ueberdruss und Langeweile sie aus ihrer Nähe verbannen? Bis dahin lässt sie es nicht kommen, erwiderte der Ritter. Sie ist zu gut, um irgend jemand zu kränken, und da sie die Kleinen unaufhörlich unter der Anführung eines alten erfahrnen Aufsehers beschäftigt, so erwerben sie tausend Geschicklichkeiten, die sie zu ernstern Beschäftigungen fähig machen, wofür sie denn auch mütterlich sorgt, wenn sie heranwachsen und sie, wie sie sagt, mit ihren nüchternen Augen und schläfrigem Wesen zum Unwillen reizen.

Rodrich blickte verlangend nach Seraphinens Zimmern. Er wäre lieber dem Knaben als dem Ritter gefolgt, der ihn ernstlich antrieb, zu dem wartenden Grafen zu eilen. Sie fanden ihn vor einer langen mit aufgerollten Karten bedeckten Tafel. Er durchflog die weiten Räume der Erde und entwarf manchen Plan,