Caroline de la Motte Fouqué
Rodrich
Ein Roman in zwei Teilen
Erster teil
Erstes Buch
Es war Abend, als Rodrich in die Tore der Hauptstadt einfuhr. Die erleuchteten Strassen zeigten ihm das Getümmel vieler Tausende, die des Lebens Spiel kreisend hin und her trieb. Glänzende Wagen, ferne Citerklänge, verworrenes Rufen und Flistern, alles rauschte durch seine Sinne, und trieb ihn unruhig über die neue Welt hinweg, bis er endlich bei den hohen Pallästen verweilte, in deren Inneres er wie in einen magischen Spiegel flüchtig hinein schaute. Der Zierrat der Gemächer wie die reichen Diener entzückten ihn. Oft hörte er lustige Musik, sah schwebende Gestalten längs den hellen Fenstern hingleiten, und hätte die Welt darum gegeben, mitten unter ihnen zu sein. Da gedachte er plötzlich seines unscheinbaren Daseins, und das widrige Gefühl in dem Strom gemeinen Wirkens ungekannt, unbeachtet mit fortzuschwimmen, stellte sich recht feindselig zwischen die aufgedeckte Herrlichkeit der Welt und ihn. Wie erhaben er sich auch den Mittelpunkt eines Staates, den Hof und seine Umgebungen gedacht, so stand er selbst, ohne es zu wissen, unter den Hauptfiguren der bunten Gemälde. Was dort im Glanz einer lebendigen Phantasie in einander verschmolz, stand jetzt einzeln und abgerissen vor ihm da. Die übersprungenen Stufen geselliger Verhältnisse erschienen ihm plötzlich wie die unersteigliche Himmelsleiter, und er blickte zum erstenmal geringschätzig auf sich und die ärmlichen Mittel, die seine Ansprüche geltend machen sollten. Voll Unmut schloss er die Augen, und flüchtete zu den Erinnerungen der Vorwelt, in die er sich so oft versenkte, um die eigne Beschränkung in den weiten Kreisen menschlicher Tätigkeit zu vergessen. Die Heroen der Profan- und Heiligengeschichte stiegen vor ihm auf. Er hatte die Letzteren immer geliebt, um der Kraft willen, mit der sie das einmal Unternommene vollführten. Ja, rief er, nach kurzem Sinnen, die Welt bleibt ewig dieselbe, und wem die rechte Feuerkraft im Busen glüht, der muss vom Schicksal erzwingen, was es ihm kärglich versagte.
In dieser Stimmung betrat er den ziemlich ansehnlichen Gastof, vor welchem sein Wagen hielt. Der Trotz der noch in seinen Mienen lag, und die etwas gebieterische stimme, mit welcher er eingelassen zu werden forderte, liessen auf einen vornehmen Gast schliessen. Er bekam ein gutes Zimmer und anständige Bedienung. Indess war er viel zu bewegt, um hier lange in müssiger Beschauung zu verweilen. Was ihm allein zu tun übrig blieb, das sollte gleich geschehen. Überdem brannte er vor Begier, irgend einen Menschen zu finden, dem er einigermassen angehöre, mit dem er reden und ihm seine Wünsche und Hoffnungen mitteilen könne. Er beschloss also noch diesen Abend zu dem Künstler zu gehen, an welchen sein Meister ihn gewiesen hatte, und eilte, bei dem Wirt die nötigen Erkundigungen deshalb einzuziehen. Ein Maler also? fragte dieser, und blickte nachlässig zu ihm auf. Nie hatte ihm dies Wort so seltsam und fremd geklungen, als in diesem Augenblick. Er erschrack selbst darüber, und wandte sich mit dem verdriesslichen Ja von dem Neugierigen, der ihm statt einer Antwort eine Frage zurückgab. O, sagte dieser einlenkend, wollten Sie nicht einige Augenblicke verweilen; Sie werden hier an der Abendtafel mehrere Kunstfreunde finden, die Ihnen vielleicht nähere Auskunft geben können. Sie nannten gewiss einen unserer berühmtesten Meister, allein ich kann Ihnen seine wohnung nicht sogleich bezeichnen.
Rodrich ging still im Zimmer auf und nieder. Einer der Berühmtesten, dachte er, und sie kennen seine wohnung nicht einmal! Ach, wer kommt denn auch zu der einsamen Werkstatt des Künstlers, der in abgeschlossner Welt sich selbst und der inneren Gotteit lebt! Er fühlte jetzt, wie mühselig der Weg sei, den er eingeschlagen hatte, und wie wenig er zu der unstäten Beweglichkeit seines Gemütes passe. Er gedachte der Worte seines Lehrers, der ihm oftmals sagte: dass er die Kunst nicht um ihrer selbst willen liebe, und sie alles Fleisses ohnerachtet nur als Mittel betrachte. Er hatte das immer bestritten und gemeint: der Wunsch, durch die Kunst berühmt zu sein, liesse sich von der Liebe zu ihr nicht trennen. Auch jetzt wollte er es sich nicht ganz gestehen, und suchte den schwankenden Willen mit aller Kraft zu befestigen. So gelang es ihm denn, während er die innere stimme durch tausend grosse Worte übertäubte, und die gesunkne achtung für sein Gewerbe auf alle Weise anregte, die alte Begeisterung aufs neue zu entflammen. Und um sich selbst zu entfliehen, zögerte er nicht länger, den Maler, aller Gegenrede des Wirtes ohnerachtet, aufzusuchen.
Er war lange Zeit gegangen, ohne irgend jemand angeredet und um Auskunft gebeten zu haben, weil er überall nicht gern bat, am wenigsten den gaffenden Pöbel. So kam er zu einer langen prachtvollen Brükke, von deren jenseitigem Ende sich ein breiter Kastaniengang längs dem Ufer hinwand. Unzählige bunte Schiffchen glitten noch über das stille wasser hin, während viele andere unfern der brücke landeten und dem dunklen Gange manch' fröhliches Paar zuführten. Rodrich gesellte sich zu diesen, indem er sich hier, wo ihn nichts so drückend auf die eigne Nichtigkeit zurückführte zum erstenmal wieder wohl und leicht fühlte. Das dumpfe Geräusch der Wagen, wie das ganze Gewirr der Menge, ward in der einsameren Gegend von den lustigen Liedern der Schiffer übertäubt, die längs dem Ufer das dürftige Mahl an kleinen Feuern verzehrten. Das seltsame Spiel des Lichtes zwischen den dunklen Bäumen ergötzte ihn unendlich. Er glaubte den Zauber der Beleuchtung noch nie so