1805_Klingemann_058_9.txt

Tortur bestimmt, damit der arme Schelm, obgleich geradebrecht, doch mit dem Leben zulezt noch davon gehen kann; als ob das Leben das Höchste wäre, und nicht vielmehr der Mensch, der doch weiter geht als das Leben, das grade nur den ersten Akt und den inferno in der divina comedia, durch die er, um sein Ideal zu suchen, hinwandelt, ausmacht. –

Mein Mann, der hier nahe vor mir auf dem Grabsteine kniete, einen blankgeschliffenen Dolch, den er aus einer schön gearbeiteten Scheide gezogen, in der Hand, schien mir ächt tragischer natur zu sein, und fesselte mich in seine Nähe.

Feuerlärm hatte ich eben nicht Lust zu machen, im Falle er etwas Ernstaftes unternehmen würde, eben so wenig wollte ich als Vertrauter in der Koulisse stehen, um im fünften Akte bei dem Stichworte zu rechter Zeit bereit zu sein, meinem Helden den Arm zu halten; denn sein Leben kam mir vor gleichsam wie die schön gearbeitete Scheide in seiner Hand, die in der bunten Hülle den Dolch verbarg, oder wie der Blumenkorb der Kleopatra, unter dessen Rosen die giftige Schlange lauschte, und wo das Drama des Lebens sich einmal so zusammengestellt hat, muss man die tragische Katastrophe nicht abwenden wollen.

Ich hatte einen König Saul, als ich noch Marionettendirekteur war, dem er aufs Haar glich; auch in allen seinen Manierengrade solche hölzerne mechanische Bewegungen, und einen so steinernen antiken Stil, wodurch sich Marionettentruppen vor lebenden Schauspielern auszeichnen, die heute zu Tage auf unsern Teatern nicht einmal auf die rechte Weise zu sterben verstehen.

Es war schon alles dicht bis zum Niederfallen des Vorhangs beendigt, da blieb dem mann plötzlich der schon zum Todesstosse aufgehobene Arm erstarrt, und er kniete wie ein steinernes Denkbild auf dem Grabsteine. Zwischen der Dolchspitze und der Brust, die sie durchschneiden sollte, war kaum noch eine Spanne weit Raum, und der Tod stand ganz dicht an dem Leben, doch schien die Zeit aufgehört zu haben und nicht mehr fortrücken zu wollen und der eine Moment zur Ewigkeit geworden zu sein, die auf immer alle Veränderung aufgehoben.

Mir wurde es ganz unheimlich, ich sah erschrocken hinauf nach dem Zifferblatte der Kirchenuhr, auch hier stand der Zeiger still und grade auf der Mitternachtszahl. Ich schien mir gelähmt und rings um war alles unbeweglich und tot; der Mann auf dem grab, der Dohm mit seinen starren hohen Säulen und Monumenten und den umher knieenden steinernen Rittern und Heiligen, die unbeweglich auf eine neue hereinbrechende Zeit und ein Fortschreiten in derselben, wodurch sie entfesselt würden, zu harren schienen.

jetzt war's vorüber, das Räderwerk der Uhr machte sich Luft, der Zeiger rückte fort, und der erste Schlag der Mitternachtsstunde hallte langsam durch das öde Gewölbe. Da schien, wie durch das Anziehen des Uhrwerks, der Mann auf dem grab wieder Bewegung zu erhalten, der Dolch rollte rasselnd auf dem Steine hin, und zerbrach.

"Verwünscht sei die Starrsucht," sagte er kalt, wie wenn er's schon gewohnt wäre, "sie lässt mich nie den Stoss vollführen! –" Damit stand er, wie, wenn nichts weiter vorgefallen wäre, auf, und wollte sich wieder entfernen.

"Du gefällst mir," rief ich, "es ist doch Haltung in deinem Leben, und ächte tragische Ruhe. Ich liebe die grosse klassische Würde im Menschen, die viel Worte hasst, wo viel getan werden soll; und ein solcher salto mortale, wie der, zu dem du eben bereit warst, ist doch nichts kleines, und gehört zu den Forcestükken, die man, bis zulezt, aufspart." –

"Kannst du mir zu dem Sprunge verhelfen," sagte er finster, "so ist's gut; sonst bemühe dich nicht weiter in Lobsprüchen und Bemerkungen. Über die Kunst zu leben ist mehr als zuviel geschrieben, doch suche ich noch immer einen Traktat, über die Kunst zu sterben, vergeblich; und ich kann nicht sterben!" –

"O besässen doch dieses dein Talent manche von unsern beliebten Schriftstellern!" rief ich aus, "Ihre Werke könnten dann immerhin Ephemeren bleiben, wären sie selbst doch unsterblich, und könnten ihre ephemerische Schriftstellerei ewig fortsetzen, und bis zum jüngsten Tage beliebt bleiben. Leider aber kommt für sie die Stunde nur zu früh, in der sie und ihre Eintagsfliegen mit ihnen sterben müssen. – O Freund, könnte ich dich doch in diesem Augenblicke zu einem Kozebue erheben, dieser Kozebue ginge dann nie unter, und selbst am Ende aller Dinge lägen noch seine lezten Werke in dem Hogartschen Schwanzstücke, und die Zeit könnte ihre letzte Pfeife die sie da raucht, mit einer Szene aus seinem lezten Drama anbrennen, und so begeistert, in die Ewigkeit übergehen!"

Der Mann wollte jetzt still abtreten, und ohne, wie ein schlechter Akteur, noch zum Schlusse eine gewaltige Tirade zu machen; ich aber hielt ihn bei der Hand, und sagte: "Nicht so eilig, Freund, ist es doch nicht nötig, da du immer Zeit hast, so lange nur überhaupt von der Zeit selbst die Rede sein kann; denn aus deinen Worten zu schliessen, halte ich dich für den ewigen Juden, der, weil er das Unsterbliche lästerte, zur Strafe schon hier unten unsterblich geworden ist, wo alles um ihn her vergeht. Du siehst finster, du einziger Mensch, dessen Leben der Zeiger der Zeit, der als ein scharfes