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aus unserer Hausbibliotek, weil beide Verfasser zunftfähige Schuhmacher und Poeten waren.

Weiter mag ich nicht im erklären gehen, weil in dem Holzschnitte von meiner eigenen Originalität zuviel die Rede ist. Ich lese also lieber das hiezugehörige

dritte Kapitel

für mich in der Stille. Es ist von meinem Schuhmacher, der so weit es ging, meinen Lebenslauf selbst fortgeführt hat, verfasst, und hebt so an:

"Wunderlich wird mir gar oft zu Mute, wenn ich den Kreuzgang betrachte." – Es war nämlich dem Gebrauche gemäss, der Ort wo ich gefunden, bei meiner Taufe, zu mir Gevatter geworden. – "Über einen gewöhnlichen Leisten kann ich ihn nicht schlagen, denn es ist etwas Überschwengliches in ihm, etwa wie in dem alten Böhme, der auch schon früh über dem Schuhmachen sich vertiefte und ins geheimnis verfiel. So auch er; kommen ihm doch ganz gewöhnliche Dinge höchst ungewöhnlich vor; wie z.B. ein Sonnenaufgang, der sich doch tagtäglich zuträgt, und wobei wir andern Menschenkinder eben nichts Absonderliches zu denken pflegen. So auch die Sterne am Himmel und die Blumen auf der Erde, die er oft unter einander sich besprechen und gar wundersamen Verkehr treiben lässt. Hat er mich doch neulich über einen Schuh gar konfus gemacht, indem er mich anfangs über die Bestandteile desselben befragte, und als ich ihm darauf Rede und Antwort gegeben hatte, plözlich über jede einzelne Substanz Aufklärung verlangte, immer höher und höher sich verstieg, erst in die Naturwissenschaften, indem er das Leder auf den Ochsen zurück führte, dann gar noch weiter bis ich mich zulezt mit meinem Schuhe hoch oben in der Teologie befand und er mir grad heraus sagte dass ich in meinem Fache ein Stümper sei, weil ich ihm darin nicht bis zum lezten grund Auskunft geben könnte. Ebenfalls nennt er die Blumen oft eine Schrift, die wir nur nicht zu lesen verständen, desgleichen auch die bunten Gesteine. Er hoft diese Sprache noch einst zu lernen, und verspricht dann gar wundersame Dinge daraus mitzuteilen. Oft behorcht er ganz heimlich die Mücken oder Fliegen wenn sie im Sonnenschein summen, weil er glaubt sie unterredeten sich über wichtige Gegenstände, von denen bis jetzt noch kein Mensch etwas ahnete: Schwazt er den Gesellen und Lehrburschen in der Werkstatt dergleichen vor und sie lachen über ihn, so erklärt er sie sehr ernstaft für Blinde und Taube, die weder sähen noch hörten, was um sie her vorginge. jetzt sizt er Tag und Nacht bei'm Jakob Böhme und Hans Sachs, welches zwei gar absonderliche Schuhmacher waren, aus denen auch zu ihrer Zeit niemand klug werden konnte. –

Soviel ist mir sonnenklar; ein gewöhnliches Menschenkind ist dieser Kreuzgang nicht, bin ich doch auch auf keine gewöhnliche Weise zu ihm gekommen.

Nie wird mir der Abend aus dem Sinne kommen, als ich unmutig über meinen wenigen Verdienst hier auf dem Dreifusse eingeschlummert war; – dass es gerade ein Dreifuss sein musste, soll, wie man mir sagt, nicht ohne Einfluss gewesen seines träumte mir wie ich einen Schaz fände in einer verschlossenen Truhe, doch gebot man mir diese Truhe nicht eher zu öffnen, bis ich erwacht sein würde. Das war alles so deutlich und selbst verständig, indem Traum und Wachen sich ganz klar von einander unterschieden, dass es mir nie wieder aus dem kopf wollte, und ich zulezt mit einer Zigeunerin Bekanntschaft machte, um den Versuch wirklich anzustellen.

Es ging alles in der Ordnung; ich hob die Truhe die ich im Traume gesehen, besann mich zuvor, ob ich wirklich wachte, und öffnete sie dann; aber statt des Goldes was ich erwartete, hatte ich dieses Wunderkind aus der Erde gehoben.

Anfangs war ich wohl etwas betreten darüber, weil solch ein lebendiger Schaz zum mindesten von einem toten begleitet sein muss, wenn ein Übriges dabei heraus kommen soll, und der Bube war mutternakt, und lachte noch dazu darüber, als ich ihn darauf ansah. Als ich mich besonnen hatte, nahm ich indess die Sache tiefer und hatte meine eigenen Gedanken dabei, weshalb ich meinen Schaz sorgsam nach haus trug."

So weit mein ehrlicher Schuhmacher, als ich plözlich durch eine sonderbare Erscheinung unterbrochen wurde. Eine grosse männliche Gestalt in einen Mantel gehüllt, schritt durch das Gewölbe, und blieb auf einem Grabsteine stehen. Ich schlich mich leise hinter eine Säule, wo ich ihr nahe war, da warf sie den Mantel von sich, und ich erblickte hinter schwarzen tief über die Stirne herabtretenden Haaren ein finsteres feindliches Antlitz mit einem südlichen blasgrauen Kolorit.

Ich trete immer vor ein fremdes ungewöhnliches Menschenleben mit denselben Gefühlen hin, wie vor den Vorhang hinter dem ein Shakspearsches Schauspiel aufgeführt werden soll; und am liebsten ist es mir, wenn jenes so wie dieses ein Trauerspiel ist, wie ich denn auch neben dem ächten Ernst nur tragischen Spass leiden mag, und solche Narren wie im König Lear; eben weil diese allein wahrhaft kek sind und die Possenreisserei en gros treiben und ohne Rücksichten, über das ganze Menschenleben. Die kleinen Wizbolde und gutmütigen Komödienverfasser dagegen, die sich nur bloss in den Familien umhertreiben, und nicht, wie Aristophanes, selbst über die Götter sich lustig zu machen wagen, sind mir herzlich zuwider, eben so wie jene schwachen gerührten Seelen, die statt ein ganzes Menschenleben zu zertrümmern, um den Menschen selbst darüber zu erheben, sich nur mit der kleinen Quälerei beschäftigen, und neben ihrem Gefolterten den Arzt stehen haben, der ihnen genau die Grade der