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einmal so grausam geworden sein!" sagte jener ganz konfus. "Vorhin schauderte sie doch noch, als ich vom Hinrichten sprach!" –

"Ich verdenke es Euch nicht" antwortete ich, "dass ihr beide Karolinen mit einander verwechselt; denn Eure lebende Karolina ist, als Ehekreuz und Folter, leicht mit der hochnotpeinlichen zu vertauschen, die ebenfalls keinen Himmel voll Geigen abhandelt. Ja fast möchte ich behaupten, eine solche eheliche sei noch viel ärger als die kaiserliche, indem in dieser wenigstens in keinem einzigen Falle von lebenslänglicher Folter die Rede ist." –

"Aber mein Gott, das kann doch nicht so fort gehen!" sagte er auf einmal wie zu sich kommend. "Man weiss nicht so recht mehr, ob man wacht oder träumt; ja ich hätte Lust mich zu betasten und zu zwicken, bloss um zu sehen, ob ich wachte oder schliefe, wenn ich nicht darauf schwören wollte, vorher wirklich den Nachtwächter gehört zu haben!" –

"Ei mein Gott!" rief ich aus. "jetzt erwache ich; Ihr habt mich beim Namen gerufen, und es ist noch mein Glück, dass ich mich gerade nicht zu hoch befinde, etwa auf einem dach, oder in einer dichterischen Begeisterung, um mir jetzt beim Herabfallen den Hals zu brechen. So aber stehe ich glücklicherweise nicht höher, als hier die Gerechtigkeit stehen soll, und da bleibe ich noch menschlich und unter den Menschen. Ihr starrt mich an, und könnt Euch nicht darin finden; doch will ich's Euch sogleich lösen. Ich bin Nachtwächter hier, und zugleich Nachtwandler, wahrscheinlich weil sich beide Funktionen in Einer person vorstehen lassen. Wenn ich nun als Nachtwächter mein Amt verrichte, so kommt mir oft die Lust an als Nachtwandler mich auf scharfe Spitzen, wie auf Dachspitzen oder andere kritische Stellen in dieser Art zu begeben; und so bin ich denn auch wahrscheinlich hier auf das Piedestal der Temis gekommen. Es ist eine verzweifelte Laune, die mich noch um den Hals bringen kann; indess fügte es sich doch oft, dass ich dadurch die guten Einwohner dieser Stadt auf eine eigene Weise vor Diebstählen gesichert habe, eben weil ich in alle Winkel zu kriechen pflege, und das gerade die unschädlichsten Diebe sind, die ihr Handwerk nur draussen herum an den Läden mit Brechstangen exerciren. Dieser Punkt glaube ich, entschuldigt mich; und somit gehe es Euch wohl!"

Ich entfernte mich, und liess den Ehemann und die andern beiden, die nun auch wieder zu sich gekommen waren, erstaunt zurück. Wie sie nachher sich noch mit einander unterhalten haben, weiss ich nicht.

Vierte Nachtwache

Zu den Lieblingsörtern, an denen ich mich während meiner Nachtwachen aufzuhalten pflege, gehört der Vorsprung in dem alten gotischen Dome. Hier sitze ich bei dem dämmernden Scheine der einzigen immer brennenden Lampe und komme mir oft selbst wie ein Nachtgeist vor. Der Ort lädt zu Betrachtungen ein; heute führte es mich auf meine eigene geschichte, und ich blätterte, gleichsam aus Langerweile, mein Lebensbuch auf, das verwirrt und toll genug geschrieben ist.

Gleich auf dem ersten Blatte sieht es bedenklich aus, und pagina V handelt nicht von meiner Geburt, sondern vom Schatzgraben. Hier sieht man mystische Zeichen, aus der Kabbala und auf dem erklärenden Holzschnitte einen nicht gewöhnlichen Schuhmacher, der das Schuhmachen aufgeben will, um Gold machen zu lernen. Eine Zigeunerin steht daneben, gelb und unkenntlich und das Haar struppig um die Stirn gezauset; sie unterrichtet ihn im Schatzgraben, gibt ihm eine Wünschelrute und zeigt auch genau den Ort an, wo er in drei Tagen einen Schatz heben soll. Ich habe heute bloss die Laune mich bei den Holzschnitten in dem buch aufzuhalten, und somit gehe ich zum

zweiten Holzschnitte

über. Hier ist der Schuhmacher wieder, ohne die Zigeunerin; sein Gesicht ist diesmal dem Künstler schon weit ausdrucksvoller gelungen. Es hat kräftige Züge und zeigt an, dass der Mann nicht bloss bei den Füssen stehen geblieben, sondern ultra crepidam gegangen ist. Er ist ein satirischer Beitrag zu den Fehlgriffen des Genies, und macht es einleuchtend, wie derjenige, der ein guter Hutmacher geworden wäre, einen schlechten Schuhmacher abgeben muss, und auch im Gegenteile, wenn man das Beispiel auf den Kopf stellt. – Das Lokale ist ein Kreuzweg, die schwarzen Striche sollen die Nacht anschaulich machen und das Zikzak am Himmel einen Blitz bedeuten. Es ist klar, ein anderer ehrlicher Mann von Handwerke liefe bei solchen Umgebungen davon; unser Genie aber lässt sich nicht stören. Er hat bereits aus einer Vertiefung eine schwere Truhe gehoben; und ist auch schon darüber aus gewesen, sein erobertes Schatzkästlein zu öffnen. Doch, o Himmel, sein Inhalt ist wohl nur allein für den kuriosen Liebhaber ein Schatz zu nennendenn ich selbst befinde mich leibhaft in dem Kästlein, und zwar ohne alle fahrende Habe, und schon ein ganz fertiger Weltbürger.

Was mein Schatzgräber für Betrachtungen über seinen Fund angestellt hat, davon steht nichts auf dem Holzschnitte, weil der Künstler die Grenzen seiner Kunst nicht im mindesten hat überschreiten wollen.

Dritter Holzschnitt

Hier ist ein gewiegter Kommentator von Nöten. – Auf einem buch sitze ich, aus einem lese ich; mein Adoptiv-Vater beschäftigt sich mit einem Schuhe, scheint aber zugleich eigenen Betrachtungen über die Unsterblichkeit Raum zu geben. Das Buch worauf ich sitze, entält Hans Sachsens Fastnachtsspiele, das woraus ich lese, ist Jakob Böhmens Morgenröte, sie sind der Kern