den poetischen anbetrifft, so ist es gewiss sehr schade, dass man ihn jetzt so äusserst vernachlässiget, und statt eines absolut bösen Prinzips, lieber die tugendhaften Bösewichter, in Ifland- und Kotzebuescher Manier, vorzieht, in denen der Teufel vermenschlicht, und der Mensch verteufelt erscheint. In einem schwankenden Zeitalter scheut man alles Absolute und Selbstständige; deshalb mögen wir denn auch weder ächten Spass, noch ächten Ernst, weder ächte Tugend noch ächte Bosheit mehr leiden. Der Zeitkarakter ist zusammengeflikt und gestoppelt wie eine Narrenjacke, und was das Ärgste dabei ist – der Narr, der darin stekt, mögte ernstaft scheinen. –
Als ich diese Betrachtungen anstellte, hatte ich mich in eine Nische vor einen steinernen Crispinus gestellt, der eben einen solchen grauen Mantel trug, als ich. Da bewegten sich plözlich eine weibliche und eine männliche Gestalt dicht vor mir und lehnten sich fast an mich, weil sie mich für den Blind- und Taubstummen von Stein hielten. Der Mann liess es sich recht angelegen sein im rhetorischen Bombast, und sprach in einem Atem von Liebe und Treue; das Frauenbild dagegen zweifelte gläubig, und machte viel künstlichen Händeringens. jetzt berief sich der Mann keklich auf mich, und schwur er stehe unwandelbar und unbeweglich wie das Standbild. Da wachte der Satyr in mir auf, und als jener die Hand gleichsam zur Beteuerung auf meinen Mantel legte, schüttelte ich mich boshaft ein wenig, worüber beide erstaunten; doch der Liebhaber nahms auf die leichte Achsel, und meinte der Quader unter dem Standbilde habe sich gesenkt, wodurch es das Gleichgewicht in etwas verlohren.
Er verschwur jetzt nacheinander in zehn Karaktern aus den neuesten Dramen und Tragödien seine Seele, wenn er jemals treulos; zulezt redete er gar noch in der Manier des Don Juan, dem er diesen Abend beigewohnt hatte, und schloss mit den bedeutenden Worten: "dieser Stein soll als furchtbarer Gast erscheinen bei unserm nächtlichen Mahle, meine ich's nicht redlich."
Ich merkte mir's und hörte nun noch wie sie ihm das Haus beschrieb, und eine geheime Feder an der Tür, wodurch er diese öffnen könne, zugleich auch die Mitternachtstunde zum Gastmale festsezte.
Ich war eine halbe Stunde früher auf dem Plaze, fand das Haus, die Tür, nebst der geheimen Feder, und schlich leise mehrere Hintertreppen hinauf bis zu einem saal, auf dem es dämmerte. Das Licht fiel durch zwei Glastüren; ich nahete mich der einen, und erblickte ein Wesen in einem Schlafrocke am Arbeitstische, von dem ich anfangs zweifelhaft blieb, ob es ein Mensch oder eine mechanische Figur sei, so sehr war alles Menschliche an ihm verwischt, und nur bloss der Ausdruck von Arbeit geblieben. Das Wesen schrieb, in Aktenstösse vergraben, wie ein lebendig eingescharrter Lapländer. Es kam mir vor als wollte es das Treiben und Hausen unter der Erde schon im Voraus, über ihr, kosten, denn alles Leidenschaftliche und Teilnehmende war auf der kalten hölzernen Stirne ausgelöscht, und die Marionette sass, leblos aufgerichtet, in dem Aktensarge voll Bücherwürmer. jetzt wurde der unsichtbare Drat gezogen, da klapperten die Finger, ergriffen die Feder und unterzeichneten drei Papiere nach einander; ich blickte schärfer hin – es waren Todesurteile. Auf dem Tische lagen der Justinian und die Halsordnung, gleichsam die personifizirte Seele der Marionette.
Tadeln konnte ich's nicht; aber der kalte Gerechte kam mir vor wie die mechanische Todesmaschine, die willenlos niederfällt; sein Arbeitstisch wie die Gerichtsstäte, auf der er in einer Minute mit drei Federzügen drei Todesurteile vollstreckt hatte. Beim Himmel hätte ich die Wahl zwischen beiden, lieber wäre ich der lebende Sünder, als dieser tote Gerechte.
Noch mehr ergriff es mich, als ich sein wohlgetroffenes in Wachs bossirtes Konterfei ihm unbeweglich gegenüber sitzen sah, als wäre es an einem leblosen Exemplare nicht genug, und eine Doublette nötig, um die tote Seltenheit von zwei verschiedenen Seiten zu zeigen.
jetzt trat die Dame von vorhin ein, und die Marionette zog die Mütze ab, und legte sie ängstlich erwartend bei sich hin. "Noch nicht schlafen gegangen?" sagte jene, "was führen Sie für ein wildes Leben! die Phantasie ewig angespannt!" – "Phantasie?" fragte er verwundert, "was meinen Sie damit? Ich verstehe die neuen Terminologien so selten, in denen Sie jetzt reden." – "Weil Sie sich für nichts Höheres interessiren; nicht einmal für das Tragische!" – "Tragisch? Ei allerdings!" antwortete er selbstgefällig, "sehen Sie hier, ich lasse drei Delinquenten hinrichten!" – "O weh, welche Sentiments!" – "Wie? Ich dachte Ihnen eine Freude damit zu machen, weil in den Büchern die Sie lesen, so viele ums Leben kommen. Deshalb habe ich auch, um Sie zu überraschen, die Hinrichtungen an Ihrem Geburtstage festgesezt!" – "Mein Gott! Meine Nerven!" – "O weh, Sie bekommen den Zufall jetzt so häufig, dass mir jedesmal bang im Voraus wird!" "Ach ja, Sie können leider dabei nicht helfen. Gehen Sie nur, ich bitte, und legen Sie sich schlafen!"
Das Gespräch war zu Ende, und er ging, indem er sich den Schweiss von der Stirn trocknete. Ich beschloss in dem Augenblicke teuflisch genug, ihm noch, wo möglich, diese Nacht seine Frau in die hochnotpeinliche Halsgerichtsordnung auszuliefern, damit er Macht über sie erhielte.
Es währte nun auch