geniessen und schon im Leben eine grosse Masse erdigter Teile in sich aufnehmen."
Ich sah ihn erstaunt an, da fuhr er fort: "Ihr haltet mich wohl gar für toll; aber darin irrt Ihr! Ich betrete diese Orte nicht gern, denn ich habe einen wunderbaren Sinn mit auf die Welt gebracht, und erblicke wider meinen Willen auf Gräbern die darunter liegenden toten mehr oder minder deutlich, nach den Graden ihrer Verwesung7. So lange der Verstorbene unten noch unversehrt ist, so lange steht für mich seine Gestalt deutlich über der Gruft, und nur wenn der Körper sich mehr und mehr auflöst, verliert sich auch das Bild in Schatten und Nebel, und verfliegt zulezt ganz wenn das Grab leer ist. – Die weite Erde ist zwar ein einziger Gottesacker, aber die Gestalten der Verweseten nehmen eine freundlichere Gestalt an und blühen als schöne Blumen wieder auf; – hier aber stehen sie noch alle deutlich umher und blicken mich an, dass ich erschrocken vor ihnen zurückweiche. Nichts sollte mich auch bewegen diese Stätte zu betreten, wenn mich nicht eine Schäferstunde hier erwartete!"
"Da hätte Euer Liebchen auch einen freundlichern Ort für Euch erwählen sollen!" sagte ich unwillig über seine unbekannte Schöne, als er eine Weile inne hielt.
"Sie ist dazu gezwungen!" antwortete er. – Denn sie hat hier ihre wohnung aufgeschlagen!"
Jetzt begriff ichs und verstand ihn, als er auf ein fernes Grab deutete – "Dort unten ruht sie – sie starb in der Blüte, und ich kann nur hier nach ihrem Brautbette wandeln. Sie lächelt mir schon aus der Ferne entgegen, und ich muss eilen; denn seit einiger Zeit wird die Gestalt immer luftiger, und nur das Lächeln um die Lippen ist noch ganz deutlich." –
"Das ist doch mindestens einmal eine etwas ungewöhnliche Liebschaft, die ich erlebe, – setzte ich hinzu – übrigens ist auf der Erde nichts langweiliger als ein Verliebter!" –
Wir wandelten jetzt weiter fort, und er entwarf mir im Gehen noch flüchtig einige Skizzen von den Inhabern der Wohnungen an denen wir vorbei mussten.
"Dort hat sich ein Hofnarr noch gut gehalten, er steht vollkommen da, bis auf den Spott und die Satire in seinen Minen. – Hier harrt ein Poet der Auferstehung entgegen, aber von ihm selbst ist nur wenig noch dazu vorhanden, denn ich sehe bloss leichten Duft, und muss die Phantasie anstrengen, etwas Gescheutes hineinzufinden. – Da erblicke ich eine Mutter mit dem kind an der Brust, und beide lächeln! – (Es erschütterte mich, denn es war grade das Grab der Ophelia!) – Hier liegen ein Finanzier und ein Politiker beisammen, aber an beiden ist schon vieles defekt. – Jenes soll das Grab eines berühmten Geizhalses sein, er hält noch mit der schon verschwindenden Hand den Zipfel seines Leichentuches fest!" –
Jetzt waren wir zur Stelle, und er bat mich ihn zu verlassen; aus der Ferne sah ich nur noch wie er die Luft umarmte und heisse Küsse ausströmte – es war eine recht seltsame Schäferstunde! – –
Indess hatte die Wahrsagerin das Grab des Vaters gesprengt, und der morsche Sarg hob sich aus dem Boden; neugierig gleitete das Mondlicht an den halb verwitterten Schildern und Verzierungen hinab, und das Kruzifix auf dem Deckel blinkte hell und weiss. Mir war doch ungewöhnlich zu Mute, als die alte graue Vergangenheit noch einmal sich in der Gegenwart umsah, und die letzte Wiege des Vaters, die ihn in den langen Schlummer wiegte, heraufstieg. Ich zögerte den Deckel zu heben, und redete in der Pause, um mir selbst Mut zu machen, einen Wurm an, den ich ergriff, als er sich eben bei dem Sarge aus dem Boden wühlte:
"Ausser den Favoriten und Günstlingen der Grossen und Herren, gibt es nur noch ein Völkchen, das es sich recht eigentlich an den Brüsten der Majestät wohl sein lässt; und zu diesem gehörst du, Minirer! Der König ernährt sich von dem Marke seines Landes, und du dich wieder von dem Könige selbst, um die verstorbene Majestät, wie Hamlet sagt, nach einer Reise durch drei oder vier Magen, wieder in den Schooss, oder mindestens in den Bauch ihrer getreuen Untertanen zu führen. An dem Gehirne wie vieler Könige und Fürsten hast du dich gemästet, du fetter Schmarozer, bis du zu diesem Grade von Wohlbeleibteit gekommen bist? Den Idealismus wie vieler Philosophen hast du auf diesen deinen Realismus zurückgeführt? Du bist ein unwiderlegbarer Beleg für die reelle Nüzlichkeit der Ideen, da du dich an der Weisheit so mancher Köpfe wacker gemästet hast. – Dir ist nichts mehr heilig, weder Schönheit noch Hässlichkeit, weder Tugend noch Laster; alles umwindest du Laokoons Schlange, und beurkundest deine intensive Erhabenheit an dem ganzen Menschengeschlechte. Wo ist jetzt das Auge das so bezaubernd lächelte, oder so drohend gebot – Du Satiriker sizest allein in der leeren Knochenhöle und schauest frech und boshaft um dich, und machst das Haupt zu deiner wohnung, und zu etwas noch schlechterm, in dem sonst die Plane eines Cäsar und Alexander geboren wurden. Was ist nun dieser Pallast, der eine ganze Welt und einen Himmel in sich schliesst; dieses Feenschloss, in dem der Liebe Wunder bezaubernd gaukeln; dieser Mikrokosmus, in dem alles was gross und herrlich, und alles Schreckliche und Furchtbare im Keime nebeneinander liegt, der Tempel gebar und Götter, Inquisitionen und Teufel; dieses Schwanzstück der Schöpfung – das