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vom Freimaurerorden an, bis zu den Mysterien einer zweiten Welt. Ich schauderte heute zum erstenmale etwas, denn das Weib las aus meiner Hand mein ganzes voriges Leben, wie aus einem buch mir vor, bis hin zu dem Augenblicke, wo ich als ein Schaz gehoben wurde (S. die vierte Nachtwache.) Darauf sagte sie: "Sollst auch deinen Vater sehen, Blanker; schau dich um, er steht hinter dir!" – Ich wandte mich raschund der ernste steinerne Kopf des Alchymisten blickte mich starr an. Sie legte die Hand auf ihn, und sagte sonderbar lächelnd: "Der ist's! und ich bin die Mutter!"

Das gab eine tolle rührende Familienscenedie braune Zigeunermutter und der steinerne Vater, der halb aus der Erde hervorragte, als wollte er den Sohn halsen und an die kalte Brust drücken. Um die Familiengruppe zu runden umarmte ich beide, und als ich so mitten inne sass, erzählte das Weib im Bänkelsängervortrage:

"Es war in der Christnacht, als dein Vater den Teufel bannen wollteer las aus dem buch, und ich leuchtete dazu mit drei besprochenen Kerzenunter dem Boden lief es hin, wie wenn die Erde Wellen schlüge, und das Licht brannte blau. Wir hielten jetzt an der Stelle, wo dem Himmel entsagt und der Hölle geschworen wird, und blickten uns eine Weile schweigend an. Es ist zur Abwechselung! sagte dann dieser Steinerne und las die Stelle laut und vernehmlichzwischen uns lachte es leise, wir lachten laut mit, um nicht albern dazustehen. Nun fing es an in der Nacht um uns her sein Wesen zu treiben, und wir merkten, dass wir nicht allein waren. Ich schmiegte mich in dem gezogenen Kreise dicht an deinen Vater, wir berührten zufällig das Zeichen des Erdgeistes, und wurden warm beisammen. Als der Teufel erschien, erblickten wir ihn nur noch mit halb geöffneten Augenes war grade der Moment in dem du entstandest! – Jener war recht bei Laune und erbot sich Patenstelle zu vertreten; er mochte ein angenehmer Mann in seinen besten Jahren sein, und ich erstaune über die Ähnlichkeit, die du mit ihm hast; nur siehst du finsterer aus, was du dir noch abgewöhnen dürftest. Als du geboren wurdest, hatte ich soviel Gewissenhaftigkeit dich in christliche hände zu übergeben, und spielte dich darum jenem Schazgräber zu, der dich erzog. – Das ist deine Familiengeschichte, Blanker!" – Welch ein helles Licht nach dieser Rede in mir aufging, das können sich nur Psychologen vorstellen; der Schlüssel zu meinem Selbst war mir gereicht, und ich öffnete zum erstenmale mit Erstaunen und heimlichem Schauder die lang verschlossene Türda sah es aus wie in Blaubarts kammer, und es hätte mich erwürgt, wäre ich minder furchtlos gewesen. Es war ein gefährlicher psychologischer Schlüssel!

Ich möchte mich selbst, wie ich bin, geschickten Psychologen zur Secirung und Anatomirung vorlegen, um zu sehen ob sie das aus mir herauslesen würden, was ich jetzt wirklich lasdieser Zweifel soll übrigens der Wissenschaft selbst nicht zu nahe treten, die ich wahrlich hoch schäze, weil sie es sich nicht verdriessen lässt an einen so hypotetischen Gegenstand, als die Seele ist, Zeit und Mühe zu verschwenden.

Ich mochte einige von den Betrachtungen, die ich über mich selbst in diesem Augenblicke gemacht hatte, laut geäussert haben, denn die Zigeunerin sprach wie ein Orakel: "Es ist grösser die Welt zu hassen, als sie zu lieben; wer liebt begehrt, wer hasst, ist sich selbst genug, und bedarf nichts weiter als seinen Hass in der Brust und keinen dritten!"

Die Worte dienten ihr zur Parole, und ich erkannte durch sie, dass sie zu meiner Familie gehöre. – Nach einer Weile sagte sie ganz heimlich: "Ich möchte den Alten da unten in seinem lezten chemischen Prozesse, den er mit sich selbst anstellt, wohl noch einmal sehen; er liegt schon lange im Bodenob wohl noch was von ihm übrig ist? – Wir wollen's doch anschauen!" – Nach diesen Worten schlich sie über Schädel und Todtenknochen hin nach dem Gebeinhause, kehrte mit Schaufel und Hacke zurück und grub sich still und geheimnissvoll in die Erde.

Ich liess sie bei der sonderbaren Arbeit allein, denn drüben wandelte einer mit vielen Ausbeugungen und Krümmungen um die Gräber hin, wie wenn er ihm im Wege stehenden Gestalten auswiche; oft schien er zu lächeln, oft aber wandte er sich erschrocken und zitternd ab, und floh einige Schritte, bis er wieder vor einem neuen gegenstand zurückzubeben schien. – Als ich ihm nahe war, fasste er meine Hand, und sagte tiefaufatmend: "Gottlob ein Lebender! Begleite mich nur bis zu jenem grab!" – Ich hielts für Wahnsinn und schritt mit ihm fort, um das Ende zu erwarten, oft drängte er mich, wenn ich einem grab zu nahe kam zurück, dass ich die Luft darüber nicht berühren sollte, zulezt aber schien er mehr Mut zu fassen, und ruhte eine Weile zwischen drei grossen Monumenten aus; es waren umgestürzte Säulen, und an den Tafeln standen die Namen verstorbener Fürsten.

"Hier können wir etwas verziehen; sagte er, denn über den Gräbern steht nichts als Stein und Denkmal, und drunten im Boden mag höchstens noch eine Handvoll Staub, neben den Kronen und Zeptern zu finden sein; solche grossen Herren vergehen schnell, weil sie im Überflusse