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aus dem Schlafe zu wecken, teils aber auch einen angenehmen und gebildeten, um in schlaflosen Nächten seinen musikalischen Sinn nicht zu beleidigen, fiel nicht ganz unglücklich aus, und ich hatte die Freude mich, nachdem mir vorher noch weiteres Studium angelegentlich empfohlen war, als Nachtwächter angestellt zu sehen.

Sechszehnte Nachtwache

Ich wünschte dieses Ultimatum und Hogartsche Schwanzstück meiner Nachtwachen, recht deutlich vor Jedermanns Augen ausmahlen zu können; leider aber fehlen mir die Farben in der Nacht dazu, und ich kann nichts als Schatten und luftige Nebelbilder vor dem Glase meiner magischen Laterne hinfliehen lassen.

Wenn ich in der Laune bin Könige und Bettler in eine recht lustige brüderliche Gesellschaft zusammenzustellen, so wandle ich auf dem Kirchhofe über ihre Gräber hin, und denke sie mir, wie sie da unten im Boden friedlich neben einander liegen, im stand der grössten Freiheit und Gleichheit, und nur in ihrem Schlafe satirische Träume haben, und hämisch aus den Augenhölen grinsen. Unten sind sie Brüder, nur oben aus dem Rasen ragt höchstens noch ein moosigter Stein herauf, woran die alten zerschlagenen Wappen des Grossen hängen, indess auf dem grab des Bettlers nur eine wilde Blume sprosst, oder eine Nessel. –

Ich besuchte auch in dieser Nacht meinen Lieblingsort, dieses Vorstadtsteater, wo der Tod dirigirt, und tolle poetische Possen als Nachspiele hinter den prosaischen Dramen aufführt, die auf dem Hof- und Weltteater dargestellt werden. Es war eine schwüle drückende Luft, und der Mond schaute nur heimlich zu den Gräbern herab, und blaue Blize flogen dann und wann an ihm vorüber. Ein Poet meinte, die zweite Welt lausche in die untenliegende herunterich hielt es nur für äffenden Wiederhall und matten täuschenden Lichtschein, der noch eine Weile dem versunkenen Leben nachgaukelt; wie der abgestorbene faulende Baum noch eine Zeitlang des Nachts zu glänzen scheint, bis er ganz in Staub zerfällt. –

Ich war unwillkührlich an dem Denkmale eines Alchymisten stehen geblieben; ein alter kräftiger Kopf starrte aus dem Steine hervor, und unverständliche Zeichen aus der Kabbala waren die Inschrift.

Der Poet trieb sich eine Zeitlang unter den Gräbern herum, und besprach sich abwechselnd mit auf dem Boden liegenden Schädeln, um sich in Feuer zu setzen, wie er sagte; mir wurde es langweilig, und ich schlief darüber am Denkmale ein.

Da hörte ich im Schlafe das Gewitter aufsteigen, und der Poet wollte den Donner in Musik sezen und Worte dazu dichten, aber die Töne ordneten sich nicht und die Worte schienen zu zersprengen und in einzelnen unverständlichen Sylben durcheinander zu fliehen. Dem Poeten stand der Schweiss auf der Stirne, weil er keinen Verstand in sein Naturgedicht bringen konnteder Narr hatte das Dichten bisher nur auf dem Papiere versucht. Der Traum verwickelte sich immer tiefer. Der Poet hatte sein Blatt von neuem ergriffen und versuchte zu schreiben; zur Unterlage diente ihm ein Schädeler begann wirklich und ich sah den Titel vollendet:

Gedicht über die Unsterblichkeit

Der Schädel grinsete tückisch unter dem Blatte, der Poet hatte kein Arg daraus, und schrieb den Eingang zum Gedichte, worin er die Phantasie anrief ihm zu diktiren. Darauf hub er mit einem grausenden Gemälde des Todes an, um zulezt die Unsterblichkeit desto glänzender hervorführen zu können, wie den hellen strahlenden Sonnenaufgang nach der tiefsten dunkelsten Nacht. Er war ganz in seine Phantasieen vertieft und bemerkte es nicht, dass sich um ihn her alle Gräber geöffnet hatten, und die Schläfer unten boshaft lächelten, doch ohne sich zu bewegen. jetzt stand er am Übergange und fing an die Posaunen zu blasen und viele Zurüstungen zum jüngsten Tage zu machen. Eben war er im Begriffe alle tote zu erwecken, da schien es als ob etwas Unsichtbares seine Hand hielte, und er blickte verwundert aufund unten in den Schlafkammern lagen sie noch alle still und lächelten, und niemand wollte erwachen. Schnell ergriff er die Feder von neuem und rief heftiger und sezte eine starke Begleitung von Donner und Posaunenschall zu seiner stimmeumsonst, sie schüttelten nur alle unmutig unten und wandten sich auf die andere Seite von ihm weg, um ruhiger zu schlafen und ihm die nackten Hinterköpfe zu zeigen. – "Wie, ist denn kein Gott!" rief er wild aus, und das Echo gab ihm das Wort "Gott!" laut und vernehmlich zurück. jetzt stand er ganz einfältig da und käuete an der Feder. "Der Teufel hat das Echo erschaffen!" sagte er zulezt – "Weiss man doch nicht zu unterscheiden ob es bloss äfft, oder ob wirklich geredet wird!"

Er setzte noch einmal rasch an, doch die Schriftzüge kamen nicht zum Vorscheine; da steckte er abgespannt und fast gleichmütig die Feder hinter das Ohr und sagte monoton: "Die Unsterblichkeit ist widerspänstig, die Verleger zahlen bogenweis und die Honorare sind heuer sehr schmal; da wirft dergleichen Schreiberei nichts ab, und ich will mich wieder in die Dramen werfen!" –

Ich erwachte bei diesen Worten, und mit dem Traume war auch der Poet vom Kirchhofe verschwunden; aber an meiner Seite sass ein braunes Böhmerweib und schien aufmerksam in meinen Gesichtszügen zu lesen. Ich erschrack fast vor der grossen gigantischen Gestalt, und vor dem dunkeln Antlize, in das ein seltsam barockes Leben mit eben so grellen Zügen niedergeschrieben schien. "Gieb mir die Hand, Blanker!" sagte sie geheimnissvoll, und ich reichte sie ihr unwillkührlich hin.

Je stärker und sicherer der Mensch sich selbst gefasst hält, um so läppischer erscheint ihm alles Geheimnissvolle und Wunderbare,