sie lag blass auf ihrem Lager, bemüht ein todtes eben geborenes Kind an ihrer Brust in den Schlaf zu lullen; neben ihr stand ein irres Mädchen und legte den Finger auf den Mund, wie wenn sie mir Stille zuwinkte.
jetzt schläft es! sagte Ophelia und blickte mich lächelnd an, und das Lächeln war mir, wie wenn ich in ein aufgeworfenes Grab schaute. – Gottlob, es gibt einen Tod, und dahinter liegt keine Ewigkeit! sprach ich unwillkührlich.
Sie lächelte fort und flüsterte nach einer Pause, wie wenn die Sprache sich allmälig in Hauche auflösen und leise verschwinden wollte: Die Rolle geht zu Ende, aber das Ich bleibt, und sie begraben nur die Rolle. Gottlob dass ich aus dem Stücke herauskomme und meinen angenommenen Namen ablegen kann; hinter dem Stücke geht das Ich an! – Es ist nichts! sagte ich schüttelnd. – Sie fuhr kaum hörbar fort: Dort steht es schon hinter den Koulissen und wartet auf das Stichwort; wenn nur der Vorhang erst ganz nieder ist! – Ach, ich liebe dich! das ist die letzte Rede im Stücke, und sie allein will ich aus meiner Rolle zu behalten suchen – es war die schönste Stelle! Das Übrige mögen sie begraben! –
Da fiel der Vorhang und Ophelia trat ab – niemand klatschte und es war, als ob kein Zuschauer zugegen wäre. Sie schlief schon ganz fest mit dem kind an der Brust, und beide waren nur sehr blass und man hörte keine Atemzüge, denn der Tod hatte ihnen seine weisse Maske schon aufgelegt. –
Ich stand stürmisch aufgereizt neben dem Lager und in mir machte es sich zornig Luft, wie zu einem wilden Gelächter – ich erschrack, denn es wurde kein Gelächter, sondern die erste Träne, die ich weinte. Nahe bei mir heulte noch einer; – doch war es nur der Sturm, der durch das Tollhaus pfiff.
Als ich aufblickte, standen die Wahnsinnigen in einem Halbkreise um das Lager her, alle schweigend, aber seltsam gestikulirend und sich gebärdend; einige lächelnd, andere tief nachsinnend, noch andere den Kopf schüttelnd, oder starr die weisse Schlummernde und das Kind betrachtend; – auch der Weltschöpfer war darunter, aber er legte nur bedeutend den Finger auf den Mund.
Es ward mir fast bange in dem Kreise!
Funfzehnte Nachtwache
So sehr es auch die tägliche Erfahrung lehrt, dass man an allen Plätzen Narren duldet, so aufgebracht war man doch darüber, dass ich den Versuch angestellt hatte, sie fortzupflanzen, und mir wurde darüber sogar zur Strafe mein Narrenkämmerchen aufgesagt.
Ach es war mir recht traurig, als ich von meinen Brüdern Abschied nehmen sollte, um wieder unter die Vernünftigen zu laufen und wie nun die Tür des Tollhauses hinter mir in das Schloss rasselte, stand ich ganz einsam da und suchte melancholisch den Gottesacker auf, wo sie die Ophelia hingetragen hatten. O hätte ich nur mindestens einen Laertes auffinden können, um mit ihm an dem grab mich herumzuschlagen, denn ich hatte aus dem Tollhause einen verstärkten Hass gegen alle Vernünftige mitgebracht, die mit ihren platten nichtssagenden Physiognomien, jetzt wieder um und neben mir wandelten.
Ein Reicher und ein Bettler haben den Vorzug vor anderen gewöhnlichen Menschenkindern, dass sie ihrem Hange zum Reisen vollen Lauf lassen dürfen. Der Reiche schliesst sich die Herrlichkeiten der Erde mit dem goldenen Schlüssel in seiner Hand auf; der arme hat ein Freibillet für die ganze natur, und er kann die höchsten und schönsten Wohnungen nach Belieben beziehen; heute den Ätna, morgen die Fingalsgrotte; in dieser Woche den Sommeraufentalt des Weisen am Genfersee, und in der folgenden die köstliche krystallene Halle des Rheinfalles, wo statt der Deckengemälde ihm die Sonne Regenbogen über das Haupt webt, und die natur seinen Pallast im immerwährenden Zerstören wieder aufbaut.
Zeigt mir einen König, der glänzender wohnen kann, als ein Bettler!
Ich reisete überdies mit dem Vorteile, nirgend um meine Zeche gemahnt zu werden, oder mich für die Nachtmahlzeit bei jemand anderm, als bei der alten Mutter selbst bedanken zu müssen; denn die Erde hatte noch Wurzeln in ihrem Schoosse, die sie mir nicht verweigerte, und sie reichte der durstigen Lippe in der dargebotenen Felsenschaale den frischen brausenden Trank des stürzenden Wasserfalls. – Ich war recht froh und frei und hasste die Menschen nach Belieben, weil sie so klein und nichtsnutzig durch den grossen Sonnentempel hinschlichen.
Einst hatte ich mich eben von meinem Lager, einem duftenden blumigten Rasen, aufgerichtet, und schaute in die Morgenglut, die wie ein Geist aus dem Meere aufstieg, wobei ich, um das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden, eine aufgegrabene Wurzel anbiss. Es gehört zur menschlichen Grösse in der Nähe erhabener Gegenstände, Nebengeschäfte zu betreiben, z.B. der aufgehenden Sonne, mit der Pfeife im mund ins Antlitz zu schauen, oder während der Katastrophe einer Tragödie Makkaroni zu speisen und dergleichen; die Menschen haben es darin sehr weit gebracht.
Als ich nun so behaglich da lag, wandelte mich die Laune zu einem Monologe an, den ich folgendergestalt hielt:
"Nichts geht doch über das lachen, und ich schlage es fast so hoch an, wie andere gebildete Leute das Weinen, obgleich sich eine Träne leicht zu Tage fördern lässt, bloss durch starkes Hinschauen auf einen Fleck, oder durch mechanisches Lesen Kotzebuescher Dramen, ja zuletzt schon durch heftig anhaltendes lachen allein. Habe ich nicht letztin einen ziemlich abgezehrten Mann beim Anblick der aufgehenden Sonne häufig Tränen vergiessen sehen, und andere