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Wort, von den Lippen des Komödianten. – Alles ist auch nur Teater, mag der Komödiant auf der Erde selbst spielen, oder zwei Schritte höher, auf den Brettern, oder zwei Schritte tiefer, in dem Boden, wo die Würmer das Stichwort des abgegangenen Königs aufgreifen; mag Frühling, Winter, Sommer oder Herbst die Bühne dekoriren, und der Teatermeister Sonne oder Mond hineinhängen, oder hinter den Koulissen donnern und stürmenalles verfliegt doch wieder und löscht aus und verwandelt sichbis auf den Frühling in dem Menschenherzen; und wenn die Koulissen ganz weggezogen sind, steht nur ein seltsames nacktes Gerippe dahinter, ohne Farbe und Leben, und das Gerippe grinset die anderen noch herumlaufenden Komödianten an.

Willst du aus der Rolle dich herauslesen, bis zum Ich? – Sieh dort steht das Gerippe und wirft eine Handvoll Staub in die Luft und fällt jetzt selbst zusammen; – aber hinterdrein wird höhnisch gelacht. Das ist der Weltgeist, oder der Teufeloder das Nichts im Wiederhalle!

Sein oder Nichtsein! Wie einfältig war ich damals, als ich mit dem Finger an der Nase diese Frage aufwarf, wie noch einfältiger diejenigen, die es mir nachfragten, und wunder glaubten was hinter dem Ganzen steckte. Ich hätte das Sein erst um das Sein selbst befragen sollen, dann liesse sich nachher auch über das Nichtsein etwas Gescheutes ausmitteln. Ich brachte damals noch die Unsterblichkeitsteorie von der hohen Schule mit, und führte sie durch alle Kategorien. Ja, ich fürchtete wahrlich den Tod der Unsterblichkeit halberund beim Himmel mit Recht, wenn hinter dieser langweiligen comedie larmoyante noch eine zweite folgen sollte – – ich denke es hat damit nichts zu sagen!

Darum, teure Ophelia, schlag dir das alles aus dem Sinne, und lass uns lieben und fortpflanzen und alle die Possen mittreibenbloss aus Rache, damit nach uns noch Rollen auftreten müssen, die alle diese Langweiligkeiten von neuen ausweiten, bis auf einen lezten Schauspieler, der grimmig das Papier zerreisst und aus der Rolle fällt, um nicht mehr vor einem unsichtbar dasizenden Parterre spielen zu müssen.

Liebe mich kurz und gut, ohne weiteres Grübeln!

Hamlet.

Ophelia an Hamlet

Du stehst einmal als Stichwort in meiner Rolle, und ich kann dich nicht herausreissen, so wenig wie die Blätter aus dem Stücke, worauf meine Liebe zu dir geschrieben ist. So will ich denn, da ich mich aus der Rolle nicht zurücklesen kann, in ihr fortlesen bis zum Ende und zu dem exeunt omnes, hinter dem dann doch wohl das eigentliche Ich stehen wird. Dann sage ich dir, ob ausser der Rolle noch etwas existirt und das Ich lebt und dich liebt.

Ophelia.

Hinter diesem Briefwechsel trat nun unser Wortwechsel ein, und jeder nachfolgende Wechsel, von den Blicken, Küssen und dergleichen an, bis zum Selbstwechsel.

Nach wenigen Monaten war das Stichwort zu einer neuen Rolle geschrieben. – Ich war doch fast glücklich in der Zeit, und spürte in dem Tollhause zuerst einige Menschenliebe, so dass ich ernstaft über Planen brütete mit den Narren um mich her Plato's Republick zu realisiren. Doch da strich der Traumgott wieder alles aus!

Die Ophelia wurde immer blasser und vernünftiger, obgleich der Arzt meinte, der Unsinn sei bei ihr im Steigen; aber es war der Moment, wo ein grosser Sinn in ihn eintrat. –

Es stürmte wild um das Tollhaus herich lag am Gitter und schaute in die Nacht ausser der am Himmel und auf Erden nichts weiter zu sehen war. Es war mir, als stände ich dicht am Nichts und riefe hinein, aber es gäbe keinen Ton mehrich erschrack, denn ich glaubte wirklich gerufen zu haben, aber ich hörte mich nur in mir. Ein Bliz, ohne nachfolgenden Donnerschlag, flog pfeilschnell, aber still durch die Nacht, und der Tag erschien und verschwand rasch in ihr, wie ein Geist. Neben mir auf der einen Seite rasselte ein Wahnsinniger schrecklich mit seinen Ketten, auf der anderen hörte ich Ophelia abgerissene Stücke ihrer Balladen singen, doch wurden die Töne oft Seufzer, und zulezt schien mir alles eine grosse Disharmonie, zu der die rasselnden Ketten die begleitende Musik abgaben. Es dünkte mich, als entschliefe ich. Da sah ich mich selbst mit mir allein im Nichts, nur in der weiten Ferne verglimmte noch die letzte Erde, wie ein auslöschender Funkenaber es war nur ein Gedanke von mir, der eben endete. Ein einziger Ton bebte schwer und ernst durch die Ödees war die ausschlagende Zeit, und die Ewigkeit trat jetzt ein. Ich hatte jetzt aufgehört alles andere zu denken, und dachte nur mich selbst! Kein Gegenstand war ringsum aufzufinden, als das grosse schreckliche Ich, das an sich selbst zehrte, und im Verschlingen stets sich wiedergebar. Ich sank nicht, denn es war kein Raum mehr, eben so wenig schien ich emporzuschweben. Die Abwechselung war zugleich mit der Zeit verschwunden, und es herrschte eine fürchterliche ewig öde Langeweile. Ausser mir, versuchte ich mich zu vernichtenaber ich blieb und fühlte mich unsterblich! –

Hier vernichtete sich der Traum in seiner eigenen Grösse und ich erwachte tiefaufatmenddas Licht war erloschen, ringsum tiefe Nacht; nur Ophelien hörte ich leise ihre Balladen singen, wie wenn sie jemand damit in den Schlaf wiegte. Ich tappte an den Wänden aus meiner kammer, neben mir schlichen draussen durch die Finsterniss noch Wahnsinnige und zischelten leise.

Ich öffnete Opheliens Tür,